Für Ausstellungen einen Titel zu finden, ist oft eine Herausforderung. Wie bei Büchern ist er Marketinginstrument: Ein Titel soll neugierig machen, nicht zu abgedroschen oder beliebig klingen, am besten noch nie gehört sein. Er soll einen Hinweis auf den zu erwartenden Inhalt geben, aber auch genug Raum für Überraschungen lassen. Manchmal ist das eine Herkulesaufgabe, zumal wenn dabei verschiedene künstlerische Positionen unter ein Dach gebracht werden müssen.
Vor dieser Situation standen auch meine Künstlerkollegin Stephanie von Hoyos und ich bei der Planung unserer gemeinsamen Ausstellung vor einigen Monaten. Wie könnte der Titel lauten? Welchen roten Faden gibt es, der unsere Kunst verbindet: das Thema, die Fragen, die man sich stellt? Die Technik, die Prozesse? Die Ästhetik? Das Verständnis von Kunst? Reichen solche Gemeinsamkeiten als verbindendes Element?
Suchen und Finden
Wir diskutierten und schrieben dann auf, welche Begriffe uns rund um unser Kunstschaffen einfallen. Plötzlich stand da „Seltsamkeiten“, ein Wort, das wir beide spontan passend fanden. Ich dachte ehrlich gesagt, es sei eine Neuschöpfung (dass dem nicht so ist, dazu komme ich gleich noch). Für mich fühlte es sich an wie eine Kombination aus „seltsam“ und „Kostbarkeit“ – also das, was Kunst für den einen oder für die andere ist.
Was ist seltsam?
Warum fanden wir den gefundenen Begriff so anziehend? Ist vielleicht Kunst per se seltsam? Und überhaupt: Was bedeutet seltsam eigentlich genau?
Etwas Abweichendes, Ungewöhnliches oder auch Befremdliches – das zumindest fällt wohl den meisten zuerst ein. Seltsam ist etwas, was aus dem üblichen Rahmen fällt und dadurch Aufmerksamkeit erregt.
Also eine Abweichung von der Norm, die sowohl faszinierend, als auch irritierend wirken kann, doch tendenziell wohl eher negativ konnotiert ist und uns in der Verschrobenheit des Alltags begegnet: der Nachbar, der seinen Papagei im Fahrradkorb spazieren fährt, die Schulkameradin, die ständig auf der Suche nach Fröschen zum Küssen ist, die alte Tante, die überall im Haus Veilchenblüten verteilt hat und sich mit ihrem verstorbenen Gatten streitet.
Und was bedeuten Seltsamkeiten?
Anders als gedacht gibt es das Wort Seltsamkeit bereits seit Jahrhunderten in der deutschen Sprache, auch wenn es in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten ist.
Die spannende Entdeckung: Im Mittelhochdeutschen hatte es noch weitere, positive Bedeutungen. Der Begriff beschrieb damals etwas, das wunderbar, kostbar, ungewöhnlich oder auch selten ist, also etwas Besonderes, das man nicht oft zu Gesicht bekommt. Ein weiteres Synonym in diesem Kontext ist „Köstlichkeit“.
Kunst ist auch komisch
Irgendwie passt das, oder? Kunst entsteht oft auf seltsamen Wegen: Da bringt ein Mensch (nicht selten im stillen Kämmerlein) etwas auf Papier, Leinwand, Holz usw., das es bis dahin nicht gab. Einen Gedanken, ein Gefühl, Erlebtes – etwas Einzigartiges, was so vorher noch nie gedacht und transformiert wurde. Und was es so auch nur einmal auf der Welt geben wird (zumindest im Original). Ist das nicht wundersam und kostbar – also seltsam? Ich finde schon.
Letztlich bildet dieser Begriff damit einen Bogen, der das Kunstschaffen insgesamt abbildet: Vom Prozess, also dem wundersamen Kreieren im Atelier, über das Ergebnis, die entstandene Kunst mit all ihren einzigartigen Seltsamkeiten, Schichten und Geheimnissen, bis hin zum Tragen der Kunst nach außen: dem Zeigen von Werken in Ausstellungen, die einen Titel tragen, der spannend genug ist, um die Menschen zum Innehalten und Anschauen zu bewegen. Schließlich möchte Kunst gesehen werden.
Und manchmal findet sie ein passendes Gegenüber, jemand der das Gefühl hat, sie sage genau das, wofür er keine Worte findet. Und das ist nicht nur seltsam, sondern eigentlich ein Wunder.
Wir stellen also seltene, kostbare Delikatessen aus, die erfreuen, aber auch irritieren können. Ist das nicht eine wundersame Vorstellung? Übrigens: Auch der Innenhof, an dem die Galerie liegt, ist eine kleine Kostbarkeit. Überzeugen sie sich doch einfach selbst!
Stephanie von Hoyos, Dagmar Reiche
Seltsamkeiten
Galerie im Innenhof
Cramergasse 8, 88131 Lindau (B.)
15. bis 29. Mai 2026
Mittwoch bis Sonntag 14 bis 18 Uhr
Pfingstmontag 13 bis 17 Uhr
Meine Anwesenheiten: 15.5., 17.5., 20.5., 22.5., 23.5., 29.5.
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