Kunsthalle München – JR: Chronicles

von | 2. Januar 2023 | Kunst erleben

Kann Kunst die Welt verändern? Diese Frage stellt sich der französische Künstlers JR seit vielen Jahren. Sie kann unseren Blick verändern – und damit vielleicht auch die Welt. Die Retrospektive in München zeigt das eindrücklich. Ich war schon lange nicht mehr so berührt von Kunst.

Ich gebe zu: JR und seine Kunst hatte ich bisher nur am Rand meines Blickfeldes. Der Ausstellungsbesuch kurz vorm Jahreswechsel war dem Zufall geschuldet. Eine Freundin hatte mir davon erzählt und mich neugierig gemacht. Da ich gern in meinen ehemaligen Wohn- und Arbeitsort reise, ergab sich eine gute Gelegenheit.

Ich hatte mich bisher wenig mit JRs Kunst beschäftigt und so war mein Besuch zu Beginn ein Überraschungspaket. Zufällig waren wir ausgerechnet an einem Dienstag dort – und die Schlange wegen des dann vergünstigten Eintritts besonders lang. Doch das Warten hat sich gelohnt. 

Street Art, Fotografie und Video, partizipative und soziale Kunst – JR (und sein Team) spielt auf einer interessanten Klaviatur. Der erste Raum ist eine Dokumentation der Anfänge seines Schaffens, die ich interessant fand, mehr aber noch nicht. Gepackt hat es mich dann bei seinen ersten Projekten. Eine billige (zufällig gefundene) Kamera, einen Drucker, Papier und Leim: Mehr brauchte der Künstler nicht. Mit seinem 28er Objektiv ging er ganz nah ran an Menschen – ein Zeichen des Vertrauens von Freunden und Bekannten, deren Portraits er auf billiges Papier druckte und in ganz Paris als Straßenausstellung plakatierte. Schon da wollte er zeigen, dass mediale und echte Wirklichkeit häufig nicht deckungsgleich sind.

Ausstellungsansicht: Die ersten Jahre: Portraits of a Generation

Sein Anspruch: Menschen als Menschen zu zeigen. Klischees und Vorurteile aufzulösen, Brücken zu bauen. Er bringt zum Lachen und Staunen. Hat keinerlei Berührungsängste, reist in Gebiete, in die andere sich nicht trauen. Wie er Menschen dort für seine Kunstprojekte gewinnt? Durch Vertrauen. Er spricht auf Augenhöhe, ist authentisch, lädt zum Hinschauen und Diskutieren ein. Möchte, das seine Kunst den Menschen gehört, die er portraitiert. Er hat auch keine Probleme damit, wenn sie diese ganz anders nutzen als geplant.

Ausstellungsansicht: The Wrinkles of the city
  • JR fährt nach Israel und Palästina, fotografiert dort jeweils Menschen mit den gleichen Berufen und hängt deren Fotos nebeneinander auf beiden Seiten der Mauer. Wer ist wer? Kaum einer kann das beantworten. Alle Menschen sind gleich: die Menschenrechte einfach nahe gebracht.
  • Er reist nach Indien, Brasilien und Afrika, zeigt Frauen als Heldinnen, ohne die das Leben nicht funktioniert. Umgeht Restriktionen beim Plakatieren, indem er weiße Plakate aufklebt. Der Clou: Am unsichtbar aufgebrachten Klebstoff bleiben der Staub der Straße und die Pigmente beim indischen Farbenfest hängen – und offenbaren so mit der Zeit immer mehr Bilder. 
  • JR reist in verschiedene Städte, fotografiert die alten Menschen mit ihren Falten und erzählt ihre Geschichten. Die Plakate mit den Portraits werden an verschiedene Gebäuden der Stadt geklebt.
  • Er initiiert ein Projekt im Hochsicherheitstrakt eines amerikanischen Gefängnisses und zeigt die Gesichter und Geschichten der Insassen – das Aufkleben der Portraits auf dem Boden machen diese und sein Team gemeinsam.
  • Über der Mauer zwischen USA und Mexiko installiert er das riesige Fotos eines mexikanischen Kindes, das er vor Ort aufgenommen hat, bei einer mexikanischen Familie deren Garten an die Mauer grenzt. Die Finissage: Das Essen an einer Tafel, die auf beiden Seiten der Mauer aufgebaut wird – in Mexiko als Tisch, in den USA als Teppich. Am Ende reichen sich die Menschen gegenseitig ihre Handys über die Mauer, um sich zu fotografieren.
Ausstellungsfoto vom Projekt im Gefängnis Tehachapi

Jedes seiner gezeigten Projekte ordnet sich diesem, seinem Anliegen unter. Diese Schlaglichter auf die vielfältigen, klugen und oft überraschenden Projekte zeigen, dass Kunst wirklich Sichtweisen ändern kann. Dass sie Geschichten erzählt und damit Perspektiven verändern kann, zum genauen Hinschauen einlädt und zum Hinterfragen. 

Und letztlich auch zum Mitmachen. Das wird vor allem im letzten Raum der Ausstellung deutlich. Dort wird sein Projekt „Inside Out“ vorgestellt. Entstanden aus einem TED-Award und dem entsprechenden Preisgeld hat der Künstler 2012 zu seiner partizipativen Kunstidee eingeladen. Ein Jahr später hat er bei einem weiteren TED-Talk Projekte vorgestellt, die daraufhin auf der ganzen Welt umgesetzt worden waren. Kunst kann die Welt verändern – spätestens an dieser Stelle ist der Beweis erbracht.

Ausstellungsansicht: Anamorphose, extra kreiert für die Münchner Ausstellung

Nach dieser Ausstellung bin ich eine große Bewunderin der Kunst von JR. Seiner Art des Denkens, seiner beeindruckenden Palette an umgesetzten Projekten, humorvoll, klug und sehr menschlich. Der Katalog ist leider vergriffen und wird laut Verlag nicht nachproduziert. Schade.

JR: Chronicles
Kunsthalle München
noch bis 15. Januar 2023
Details zur Ausstellung

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