Augenblick mal: Von Geduld und Fotografie

von | 17. Juli 2026 | Ateliergeflüster

Wir sind seit Jahrhunderten dem Diktum der Zeit untergeordnet. Uhren takten unseren Alltag, die Wertigkeit  unseres Tuns bemisst sich danach, wie viel wir pro Zeiteinheit schaffen. Dazu kommt die Beschleunigung der letzten Jahrzehnte, die mittlerweile gefühlt exponentiell zunimmt und kaum noch die Möglichkeit zum Innehalten, Durchschnaufen und Verdauen gibt. Nicht nur Fastfood für den Körper, sondern auch für unser Gehirn. Erholungsphasen zum Aufräumen und Klären? Fehlanzeige. Das macht krank, selbst Menschen wie mich, die eher zur schnellen, ungeduldigen Sorte gehören.

Unsere Jetztzeit ist fast verschwunden. Wir sind nahezu ständig auf der Suche nach der Optimierung der Zukunft oder blicken zurück auf das Vergangene – zumindest auf das, was vermeintlich besser war, oder immer und immer wieder auf das, an dem wir gelitten haben.

Foto von Rolltreppe mit dem Blick nach oben
Immer weiter in Bewegung bleiben…

Dem Erleben hinterherhecheln

Uns geht die Wahrnehmung für den Moment verloren, für das, was eben gerade jetzt passiert oder sich zeigt. Wie Heerscharen von Heroinabhängigen klicken wir uns von Link zu Link, scrollen endlos nach unten oder swipen von einem Angebot zum nächsten. Unser Dopaminlevel ist ständig erhöht und vieles kommt uns mittlerweile in der Realität so fad vor, dass wir lieber am Instagram-Erleben anderer Menschen teilnehmen, als uns selbst auf den Weg zu machen.

Die Medien schleudern die Nachrichten in einem Tempo unters Volk, dass einem nichts anderes mehr übrig bleibt, als nur die Überschriften zu scannen, zumindest wenn man sich nicht dem Gefühl aussetzen will, etwas zu verpassen.

Auf Festen taumeln wir von einem Smalltalk zum nächsten, in unserer Freizeit hasten wir von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Und zwischendurch buchen wir Meditationskurse im Kloster, um endlich wieder Bodenhaftung zu bekommen.

Kloster Maulbronn
Im Kloster zur Ruhe kommen

Vom Warten bis zur Bilderflut

Wie sehr es mittlerweile normal ist, etwas schnell zu erreichen, ist mir kürzlich beim Fotografieren aufgefallen. Vor Jahrzehnten habe ich eine analoge Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen; meine Eltern wollten mir damit meinen Berufsstart in Großbritannien einfacher machen und hofften darauf, wenigstens durch Bilder daran teilnehmen zu können. Das Internet gab es damals nur als Kommunikationskanal unter eingeweihten Wissenschaftlern. Kannte man – wie ich – niemanden, der von Fotografie Ahnung hatte, blieb einem nicht anderes übrig, als sich das Wissen mühsam selbst zu erarbeiten. 

Bilderflut: zahlreiche Selsbtportraits von Rembrandt
Auch analoge Bilderflut gibt es – hier in Form zahlreicher Selbstportraits von Rembrandt (Albertina, Wien, Ausstellung Faszination Papier)

Schon das analoge Fotografieren als solches ging alles andere als schnell: Da man pro Film nur 24 oder 36 Fotos festhalten konnte (und sich vorab auf eine Lichtempfindlichkeit festlegen musste), nahm man sich für jedes einzelne der Bilder sehr viel Zeit. Man konnte sich keine Vorschau auf dem Display anzeigen lassen, brauchte also Vorstellungskraft und musste abwägen und entscheiden, was es wert war, festgehalten zu werden. Und dann musste man Wochen warten, bis der Film im Fotolabor entwickelt war. Hatte man dann seine Notizen zu den Versuchen mit Blende und Belichtungszeit verlegt, musste man von vorne anfangen. Und wieder warten. Die Ausbeute: Wenn man Glück hatte, waren ein bis drei der 36 hart erarbeiteten Fotos gut, die anderen teuer bezahlter Ausschuss.

Dann wurden die digitalen Spiegelreflexkameras erfunden und irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem diese auch für den Endverbraucher erschwinglich wurden. Diesmal war es mein Mann, der mir eine schenkte. Auch hier dauerte es, bis ich mit meiner neuen Freundin warm wurde: Einer meiner ersten Tätigkeiten war, die Speicherkarte zu formatieren, auf der alle Fotos von unserm gemeinsamen Urlaub lagen.

Nochmal Jahre später hatte ich dann ein Handy mit einem Leicaobjektiv – diesmal selbst erworben, schön leicht und mit guten Ergebnissen. Meine alten Kameras fristen seitdem mitsamt der Objektive ein Schattendasein im Schrank.

Fotografieren in der Jetztzeit

Vor kurzem hatte ich das Bedürfnis, wieder mit einer „richtigen“ Kamera zu fotografieren. Die spiegellosen Systemkameras sind mittlerweile sehr gut und weitaus leichter als meine alten Fotoapparate. Ich bin monatelang um ein bestimmtes Modell herumgeschlichen, dann habe ich es endlich gekauft. 

der Jetztzeit hinterherecheln: Alles geht immer schneller. Fotos von verschwommenen bunten  Lichtern in der Nacht

Während der letzten Tage habe ich versucht, mich mit meinem Neuerwerb vertraut zu machen. Und ich merke, wie häufig ich kurz davor bin, mir einfach wieder mein Handy zu schnappen und „mal eben“ ein Foto zu machen. 

Einfach und schnell versus komplex und – zumindest am Anfang – mit einer erheblichen Zeitinvestition. Letztere liegt aber auch an den riesigen Auswahlmöglichkeiten an der Kamera selbst, sodass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Da führt die Automatik-Einstellung durchaus in Versuchung.

Möchte ich jedoch bessere Fotos machen als mit dem Handy, muss ich durch dieses Tal der Tränen. Letztlich übrig bleibt eine Mischung aus den Vorteilen der Technik und selbst gewählten Einstellungen (in meinem Fall das Objektiv und die Blende). Und damit kann man dann eine Versuchsreihe starten: nervtötend, spannend, befriedigend. Zwar garantiert die Technik keine guten Fotos, doch ohne sie ist deren Gelingen noch unwahrscheinlicher. Ich hoffe, dass ich irgendwann den Punkt erreiche, an dem ich mich ganz auf das Motiv statt die Technik konzentrieren kann.

Der lange Weg: Prozess zum Ergebnis

Was bleibt, ist die Erkenntnis, wie schwer es mittlerweile geworden ist, Geduld aufzubringen. Wir glauben, etwas müsse direkt funktionieren, und investieren kaum noch Zeit, wenn dem nicht so ist. Doch das ist aus meiner Sicht ein Irrtum. Klavierspielen will geübt werden und auch in der Malerei fallen Genies viel seltener vom Himmel als das Internet uns glauben machen will.

54 kleine Fotos von Wasser in Blautönen, im Quadrat angeordnet
Geduldig immer wieder auf die Suche gehen: Wasserimpressionen in Blau

Fazit

Der Kern ist letztlich die Frage, wie und womit ich meine Zeit füllen will. Und wie sehr ich im Jetzt leben mag, den Augenblick wertschätzend. Sich auf den Prozess (und ja, auch das langsame Lernen) einzulassen, kann sehr befriedigend sein. In einer Welt, die immer das (perfekte) Ergebnis im Blick hat, aber auch sehr herausfordernd.

Dagmar Reiche Werkkatalog 2024 Cover

Mein aktueller Katalog: Hier lässt er sich online durchblättern


Links

Tschüss Blockade, hallo Kreativität

Sie wollen Ihre weiße Leinwand in eine kreative Bühne verwandeln? Ich habe für Sie Impulse zusammengestellt, damit Sie wieder ins kreative Tun kommen. Hier gibt es das PDF.

Weitere Blogartikel

Die Kunst des Weglassens

Die Kunst des Weglassens

Sich beim Malen auf wenige Farben zu beschränken, hört sich zunächst nach unnötiger Einschränkung des kreativen Schaffens an. Warum nur drei oder vier Farben nehmen, wenn doch die Vielfalt der Pigmente so unendlich groß und betörend ist?  Doch das, was sich...

Seltsamkeiten – eine Ausstellung

Seltsamkeiten – eine Ausstellung

Für Ausstellungen einen Titel zu finden, ist oft eine Herausforderung. Wie bei Büchern ist er Marketinginstrument: Ein Titel soll neugierig machen, nicht zu abgedroschen oder beliebig klingen, am besten noch nie gehört sein. Er soll einen Hinweis auf den zu...

Art Karlsruhe 2026

Art Karlsruhe 2026

Nach längerer Zeit habe ich es endlich mal wieder geschafft, die Art Karlsruhe zu besuchen. Und ich muss sagen: Ich bin froh, dass ich dort war. Das aktuelle Kurator:innenteam Olga Blaß und Kristian Jarmuschek hat etwas richtig Frisches auf die Beine gestellt. Was als...

Wolken in der Kunst

Wolken in der Kunst

Erinnern Sie sich an diese Sommer als Kind? Als wir auf dem Rücken im Gras lagen, in den Himmel auf die seltsamen, schnell wechselnden Gebilde blickten und unsere Gedanken mit ihnen auf die Reise schickten? Als wir uns Fragen stellten wie: Wo kommen die Wolken wohl...

Zärtlich staunen – ein Rückblick auf 2025

Zärtlich staunen – ein Rückblick auf 2025

Die Berge sind sanft überzuckert, so wie die Weihnachtsplätzchen, die ich doch noch gebacken habe, bevor der Advent vorbei ist. Nun sitze ich am Tisch, draußen lichtet sich der zähe Frühwinternebel und die Sonne setzt die kargen Zweige des Gartens fast schüchtern in...

Still und Froh – eine Ausstellung in Ligurien

Still und Froh – eine Ausstellung in Ligurien

Die Räume im Castello von Bajardo kenne ich seit vier, fünf Jahren. Nämlich seitdem unsere Freunde sich entschlossen haben, das Leben als Architekten in Deutschland gegen das als Olivenbauern in Ligurien einzutauschen und ich sie das erste Mal dort besucht habe. Zu...

Wer bin ich, was macht mich aus?

Wer bin ich, was macht mich aus?

Eigentlich beteilige ich mich so gut wie nie an gemeinschaftlichen Blog- und Social-Media-Aktionen. Ob 100-Tage-Challenges, einmal im Monat zwölf Fotos posten oder jeden Tag ein Adventskalendertürchen öffnen – solche Aktivitäten zielen darauf ab, möglichst viel...

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert