Warum Kreativität und Selbstoptimierung nicht die besten Freundinnen sind

von | 9. April 2021 | Ateliergeflüster

kunstreiche Selbstoptimierung und Kreativität Pigmente

Seit einigen Monaten bin ich neu auf Facebook, ungewollt, aber Voraussetzung für eine Online-Fortbildung. Dieser Kurs war sehr gut: Die Inhalte waren extrem hilfreich, klar strukturiert und in leckere Häppchen verpackt, ich war Teil einer super Community, in der ich mich auch als Exotin, die ich mit meinem Kunstschaffen war, gut aufgehoben fühlte. Aber mit fortschreitender Kursdauer fühlte ich mich zunehmend schlechter, kam immer schwerer ans Malen. Was war bloß los mit mir?

  1. Von Ängsten, die die Kreativität blockieren
  2. Kreativität – die Fähigkeit, Neues zu schaffen
  3. Kreativ sein – wie geht das?
  4. Kreativität in der Kunst
  5. Was hat Kreativität mit Selbstoptimierung zu tun?

Von Ängsten, die die Kreativität blockieren

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich der Ursache für meine Lähmung auf die Schliche gekommen bin. Es hatte etwas zu tun mit FOMO – der „Fear of missing out“ und FOLB – der „Fear of left behind“, also den Ängsten, etwas zu verpassen oder zurückgelassen zu werden. Gerade weil die Gemeinschaft der Kursteilnehmer:innen so aktiv war, schwebte ständig im Raum, wer sich wo zu welchem Thema noch weiterbildet. Keywordrecherche, Landing Pages bauen, Achtsamkeitstraining, Facebook-Ads, Arbeit und Alltag strukturieren, Podcast aufnehmen, Freebies produzieren – diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Hilfreiche Tools wurde vorgestellt, Erfahrungen und Challenges geteilt, Zoom-Meetings auf die Beine gestellt. Und meine To-Do-Liste wurde immer länger.

Alles rief ganz laut: Nimm mich, mach mich, buch mich, kauf mich, du brauchst mich, ohne mich geht es nicht… Gleichzeitig überrollten mich zahllose Angebote für Ausmisten, Sich-selbst-finden, Selbstorganisation, Prioritäten setzen. Und Coachingseminare zum besseren Selbstmanagement. Irgendwann hatte ich das Gefühl, mir die Augen und Ohren zuhalten zu müssen. Das Ganze kam mir vor wie „binge eating“ – immer noch etwas reinstopfen, ohne dem Darm Zeit für die Verdauung zu lassen. Und das meiste davon dann wieder Auswürgen…

Ich habe die Stopp-Taste gedrückt – und nach dem Onlinestellen meiner neuen Webseite die letzten beiden Kurswochen ausgelassen und wieder angefangen zu malen. Mittlerweile kann ich wieder atmen, genieße die Stille und Pausen zum In-mich-Hineinhören und kreativen Arbeiten. Und habe sogar ab und zu wieder Energie und Lust etwas darüber zu schreiben, was mich umtreibt.

kunstreiche Selbstoptimierung und Kreativität Froh im Tun
Froh im kreativen Tun

Kreativität – die Fähigkeit, Neues zu schaffen

Kreativität ist Voraussetzung dafür, dass Kunst entsteht. Nicht die Einzige – schließlich muss der Kunstschaffende auch sein Wissen über Techniken und die verwendeten Materialien, über Komposition, Kontraste und Farben, im besten Fall auch seine Verortung in der Gegenwart und Kunstgeschichte einbringen. Doch Kreativität, Intuition, Gefühle – ohne diese fehlen dem Kunstwerk aus meiner Sicht die Seele und Tiefe. Erst der sprudelnde Quell von Ideen, die schöpferische Kraft spielerisch umgesetzt, machen aus einem handwerklich überzeugenden Bild oder anderen Kunstwerk ein Unikat, etwas Einzigartiges, das Menschen berühren kann.

Kreativ sein – wie geht das?

So viele Definitionen es von Kreativität gibt, mindestens so viele Möglichkeiten existieren, ins kreative Tun kommen. Und dies ist keinesfalls beschränkt auf den Bereich von Kunst und Kultur. Auch im Familien- und Berufsalltag ist es oft nötig, um die Ecke zu denken und Herausforderungen mit neuen Herangehensweisen zu lösen. Was kreative Menschen auszeichnet, ist wohl eine gewisse Flexibilität. Bei Hindernissen verfallen sie nicht in Schockstarre oder stecken den Kopf in den Sand, sondern überlegen sich, mit welcher Strategie sie diese aus dem Weg räumen können.

Sind die Steine zu schwer, ist es vielleicht möglich, drumherum zu gehen? Oder drüber zu steigen? Einen Weg hindurch oder darunter zu finden? Vielleicht lassen sich kleinere, leichte Hindernisse als Treppe davor aufstapeln? Vielleicht ein Flugobjekt besteigen, sich von Baum zu Baum hangeln, eine große Sprungfeder unter die Füße schnallen? Oder muss ich vielleicht überhaupt nicht dahinter gelangen? Mögliche Lösungen gibt es viele, wenn Hindernisse als Herausforderungen wahrgenommen werden.

Was wohl auch hilft: im Gehirn abzuspeichern, was wie gelöst worden ist. Das ist ein Erfahrungsschatz, auf den kreative Menschen jederzeit wieder zugreifen können – was Energie spart, die wiederum zum Finden neuer Lösungen eingesetzt werden kann. Und wenn im Gehirn dann noch viel Wissen aus ganz anderen Bereichen und zu unterschiedlichsten Themen lagert, dann gelingt es immer wieder, auch Lösungen zu finden, bei denen ungewöhnliche Kombinationen der Schlüssel sind.

kunstreiche Selbstoptimierung und Kreativität Im Prozess mit Pinsel
Frei über Leinwand oder Papier reisen – der Schlüssel zum kreativen Kunstschaffen

Kreativität in der Kunst?

Ein wichtiges Element bei der Kreativität ist es, in Analogien und Bildern zu denken. Und dabei auch der Intuition einen großen Platz einzuräumen. Kreativ zu sein heißt, die Fantasie für ungewöhnliche Verbindungen aufzubringen, Assoziationen Raum zu geben und zuzulassen, dass Dinge auf einem Teller liegen, die nicht alle essbar sind. Dies sind alles typische Eigenschaften, die nötig sind, um Kunst zu erschaffen. Damit Kunst gut, ja herausragend wird, sind aus meiner Sicht zwei Dinge und ihr Miteinander wichtig: die Intuition und der Intellekt. Fühlen und Denken. Ein spielerischer Zugang, der immer wieder feinjustiert wird durch einen analytischen Prozess.

Dieses Zusammenspiel funktioniert nur, wenn das Herangehen an Kunst nicht primär ergebnisorientiert ist. Als Künstlerin muss ich mich auf eine Reise begeben, ohne vorher zu wissen, ob ich nach Afrika oder Europa möchte. Oft weiß ich noch nicht einmal genau, wie ich reisen möchte: zu Fuß oder mit dem Flugzeug? Mit Koffer oder Rucksack? Meist lege ich zwar vorher fest, mit welcher Technik, welchen Farben, auf welchem Malgrund ich beginne. Das bedeutet aber nicht, dass ich während des Tuns wirklich dabeibleibe. Vielleicht nehme ich wahr, dass sich die gewählten Blautöne viel zu kühl anfühlen – also: rein ins Rot. Aus der abstrakten farbenfrohen Komposition schält sich am Schluss eine stille Landschaft heraus (oder umgekehrt). Die großen Pinsel werden im Verlauf ersetzt durch Spachtel, Stifte oder Finger. Es werden Papiere eingeklebt und wieder abgerissen. Ich gehe Wege, die manchmal in Sackgassen landen. Na und? Alles lässt sich ändern, übermalen, überkleben. Und alles ist besser, als wenn ich mich gar nicht bewege und nur darüber nachdenke, wohin ich möchte.

Und das Beste: Diese Abenteuerreise hinterlässt Spuren. Viele Spuren. Solche Bilder haben Tiefe, Schichten, eine Geschichte. Sie sind spannend. Sie zeugen von Misserfolgen, die in etwas Schönes umgewandelt werden. Das ist wie bei Menschen: Welche finde ich interessanter? Die eindimensional denkenden mit starren Meinungen, die immer geradeaus marschieren, das Ziel im Blick? Oder diejenigen mit vielen Erfahrungen, die verschiedene Wege ausprobiert haben, hingefallen und immer wieder aufgestanden und dabei gewachsen sind? Eben.

kunstreiche Selbstoptimierung und Kreativität
Kreativität braucht die Fähigkeit, ungewohnte Wege zu gehen. Und Energie, dabei Steine aus dem Weg zu räumen.

Was hat Kreativität mit Selbstoptimierung zu tun?

Eigentlich nicht viel – deshalb sind die beiden ja nicht befreundet. Hier ein paar Gründe, warum sie nicht besonders gut miteinander können:

  • Prozess versus Ergebnis: Kreativität hat die Reise im Fokus, bei der Selbstoptimierung steht das Ziel im Mittelpunkt – je genauer definiert, desto erfolgversprechender. Abnehmen? Ja, aber besser: 25 Kilogramm weniger wiegen. Fitter? Unbedingt, allerdings messbar an Herzrate, Bizepsumfang, Laufgeschwindigkeit. Also nicht vergessen: Vorher Foto machen und alles ausmessen und das Gleiche nach 12 Wochen wiederholen (und dann am besten online stellen). Erfolgreicher sein? Ja schon, aber erst, nachdem ich definiert habe, was mein Erfolg ist (10 Presseartikel über mich, 1.000 neue Newsletter-Abonnenten, 100.000 Euro Umsatz im Jahr).
    Beim Malen hingegen werden die Bilder besser, je weniger ich mich auf das Endergebnis fokussiere. Nur dann kann ich spielerisch umhertollen, Dinge ausprobieren, Schleifen drehen, Farben verschwenden.
  • Entdeckungen versus Fehler: Wenn ich das Ergebnis im Blick habe, ist der beste Weg dorthin der schnellste. Keine Umwege, konsequent sein, möglichst optimiert planen und zum Ziel reisen.
    Doch wenn ich die Autobahn nehme, sehe ich keine kleinen Dörfer mit malerischen Dächern und schmalen Gassen. Nur zu Fuß spüre ich die Blätter unter meinen Füßen rascheln, entdecke Vogelnester im Geäst, höre das Murmeln eines versteckten Baches. Ich stehe vor einer Abzweigung und nehme den unbekannten Weg? Dann entdecke ich bestimmt etwas Neues. Eine ganz andere Aussicht auf den See, einen alten Baumstamm, den ich noch nicht mal zu zweit umfassen kann. Das Blau der ersten Veilchen oder der intensive Duft von Bärlauch. Diese Entdeckungen trage ich nach Hause, selbst wenn aus dem Weg ein unüberwindlicher Trampelpfad wird und ich umkehren muss. Alles nicht optimiert. Aber eine Einzahlung ins Seelenkonto.
  • Zulassen versus planen: Kreativität kann sich nur dann entfalten, wenn ich einfach etwas tue, ohne darüber nachzudenken. Das bedeutet nicht, dass das Denken komplett ausgeschaltet wird. Es ist sogar wichtig, immer wieder innezuhalten und das Entstandene auch zu bewerten. Aber um etwas zu haben, was ich analysieren kann, muss ich davor unterwegs sein können. Und mich darauf einlassen, was passiert und darauf intuitiv reagieren. Kreativität entsteht nicht mit einem durchgetakteten Wochenplan mit täglich 30 Minuten Fitnesstraining, 20 Minuten Pause, ergänzenden Eiweißdrinks und Meditation. Sondern beim ungeplanten Tun.
  • Innen versus außen: Das kreative Tun ist etwas, das von innen kommt. Diese intrinsische Motivation wird ergänzt durch einen individuellen Bewertungsmaßstab: Ich allein entscheide, ob mein Bild gut und wann es fertig ist. Ich lege fest, welche Materialien und Werkzeuge ich benutze, ob ich auf einem kleinen Stück Papier oder einer riesigen Leinwand unterwegs bin.
    Selbstoptimierungen dagegen sind getriggert durch externe Normen. Durch Schönheitsideale, Definitionen, was gut für die Gesundheit ist, Programme, die andere entwickeln, damit ich mich daran orientieren kann. Durchaus Hilfestellungen. Aber sie können verhindern, dass ich in mich hineinhöre, um zu spüren, was mir gut tut und was ich wirklich will.
  • Spiel versus Ernst: ausprobieren, untersuchen, erforschen: All dies ist Teil des kreativen Schaffens. Das spielerische Tun macht Freude und ist erfüllend, zumindest wenn ich es zulasse, dass es Stadien durchläuft, die ich nicht mag (und überhaupt – man muss ja auch mal verlieren können!). Die Gewissheit zu haben, dass etwas Gutes daraus entsteht, hilft beim Loslassen. Erst wenn ich nicht unbedingt ein tolles Kunstwerk schaffen will, kann es mir gelingen, genau das am Schluss zu haben. Vielleicht. Und wenn nicht: Dann reise ich einfach weiter. Übrigens: Das spielerische und experimentelle Tun ist auch ein Grund, warum ich in Serien arbeite.
kunstreiche Selbstoptimierung und Kreativität Im Prozess an Leinwand
Immer wieder Schichten auf- und abtragen, neugierig bleiben auf das, was im Prozess passiert …

Fazit

Die große Filterblase der Selbstoptimierung ist verführerisch, verspricht sie doch positive Ergebnisse. Häufig wird derjenige, der sich an die Vorgaben hält und all die Dinge umsetzt, auch wirklich belohnt, indem er die gesetzten Ziele erreicht. Ich merke jedoch, dass ich einen guten Mittelweg finden muss, um mein kreatives Tun damit nicht zu blockieren. Nur wenn ich mir Zeit nehme für mich und meine Umgebung, für Freunde und Kommunikation, kann ich Inspiration finden und kreativ sein. Nur im Prozess, der Fehler und Irrwege zulässt, kann ich Kunst schaffen. Kunst die berührt. Und das wiederum ist durchaus ein Ziel, das ich habe.

PS: Mir ist beim Schreiben dieses Blogpost eingefallen, dass ich mich in meiner Masterarbeit über Pop-up-Bücher und andere bewegliche Bücher in einem ganzen Kapitel mit dem Thema „Spiel“ wissenschaftlich beschäftigt habe. Klar, ist doch das Spielerische ein wichtiges Element, warum Pop-up-Bücher solch einen Reiz auf denjenigen ausüben, der sie in Bewegung versetzt. Und beim Paper-Engineering braucht es wie beim freien künstlerischen Schaffen eine Menge an Kreativität und gleichzeitig Wissen über Techniken. Hier ein Einblick in meine Theoriearbeit „Lebende Bücher bewegen“.

Nachtrag: Als ich diesen Artikel auf Facebook verlinkt habe, bekam ich viele berührende Kommentare. Sie zeigen mir, dass ich mit diesem Gefühl gar nicht so allein bin wie gedacht. Heike Micaela Niederberger schrieb, dass viele meiner Gedanken das Prinzip WuWei des Taoismus spiegeln – „Handeln durch Nichthandeln“. Natürlich musste ich mir die Zeit nehmen, um darüber etwas zu lesen. Hier ein schöner Artikel, der WuWei beschreibt.

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2 Kommentare

  1. Das ist ein wunderbarer Artikel. Schon in den ersten Absätzen finde ich mich so sehr wieder. Und lustigerweise habe ich gerade vor 3-4 Tagen ähnliche Gedanken gehabt.
    Es war an der Zeit mal wieder was zu „schaffen“ – das kam einfach so.
    Ich kann mir meine Arbeits-Zeit komplett verplanen, mit allerlei verschiedensten Dingen, die natürlich wichtig sind. Aber dann fehlt mir genau die Zeit, die du beschreibst.
    Wann entwerfe ich neue Produkte, wann zeichne ich?
    Ich stelle fest, dass sich bei mir diese Zeit einfach reinschleicht.
    Und schwups ist der Arbeitstag zu Ende und ich habe nicht das gemacht, was ich eigentlich vor hatte, aber ich bin sehr zufrieden, weil ich wieder etwas „geschaffen“ habe.
    Dann schiebe ich die anderen Dinge auf den nächsten Tag, denn ich weiss auch, dass es nicht jeden Tag so gut läuft mit der Kreativität.
    Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, das sich oftmals die Zeit die Dinge raussucht, die getan werden „müssen“. Ich schiebe Dinge vor mir her und irgendwann kommt der Zeitpunkt und dann mach ich es. Und es war genau gut so, damit bis zu diesem Zeitpunkt zu warten. Weil es dann sogar Spaß gemacht hat, weil es dann einfacher war, weil es dann gefühlt richtig war.

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    • Danke dir für dein ausführliches Feedback. Ich finde es wirklich spannend, dass es doch einigen Menschen so oder so ähnlich zu gehen scheint. Dann tut es doppelt gut, mal tief Luft zu holen, zu lächeln und sich gar nicht mehr so exotisch zu fühlen. Dein Ansatz ist gut: Das kreative Tun wirklich als ein Schaffen zu empfinden, das mindestens den gleichen Stellenwert hat wie alles andere auch. Seit ich das auch so spüre (zumindest meist), geht es mir gut.

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