Kunst als Serie – 9 Gründe, die dafür sprechen

von | 1. März 2021 | Ateliergeflüster

Eine Serie von Arbeiten mit Aquarellfarbe auf Papier in sehr kleinem Format; Serie Träume von Dagmar Reiche

Das parallele Arbeiten an vielen kleinen Bildern verringert den Druck, dass etwas gelingen muss und fördert die Kreativität – das ist die Grundidee des von Gerorg Kleber entwickelten Konzepts „30 Bilder in 3 Tagen“. Diesen Kurs habe ich bei ihm, einem wunderbaren Maler, Zeichner und Druckkünstler, vor einigen Jahren belegt. So skeptisch ich anfänglich war, so euphorisch war ich am Ende der drei Tage: Dieses Herangehen funktionierte. Der Schwerpunkt lag auf dem Tun, nicht auf dem Ergebnis. Und gerade deshalb entstanden etliche charmante Arbeiten, die ich noch heute mag. Gleichzeitig war es der Beginn meiner Liebe zur Arbeit in Serien.

  1. Seriell arbeiten, wie geht das?
  2. Serie – kurze Begriffsbestimmung
  3. Serielles Arbeiten – 9 Vorteile aus Sicht einer Künstlerin
  4. Kurzer Blick auf Serien aus Sicht der an Kunst Interessierten

Seriell Arbeiten, wie geht das?

Das Arbeiten in Serien macht mir richtig Spaß. Seitdem ich es für mich entdeckt habe, wechsle ich immer wieder zwischen dem Malen eines einzelnen Bildes und der Produktion einer ganzen Reihe von Bildern, und zwar so:

  • Serielles Arbeiten ist auf mehreren gleich großen Leinwänden oder Papieren möglich, aber zum Beispiel ebenso auf einem großen Blatt Papier, das ich vorher durch Klebeband in einzelne Felder unterteilt habe. Das macht übrigens besonders viel Spaß – es geht nichts über den AHA-Effekt beim Ablösen des Klebestreifens am Schluss der Malsession.
  • Beim Arbeiten mit Drucktechniken entstehen naturgemäß meist Editionen, also Blätter, die mehr oder weniger identisch sind. Da ich meist experimentell arbeite, sind die einzelnen Blätter Abwandlungen – und damit Serien statt Editionen.
  • Seriell ist manchmal auch mein Arbeiten an einem Thema. So habe ich mich beispielsweise über mehrere Wochen für eine Ausstellung sehr intensiv mit dem Kopf auseinandergesetzt und zahllose Zeichnung angefertigt, auf jedem Papierschnipsel, der mir unterkam. Den Stapel habe ich am Schluss in ein Leporello geklebt, weil die Zeichnungen einen anderen Kopf hatten und sich ständig über meinem Tisch verbreiteten. Danach war kurz Ruhe – allerdings wächst bereits ein neuer Stapel …
kunstreiche Eine Serie von Arbeiten mit Aquarellfarbe auf Papier in sehr kleinem Format; Leporello Köpfe
Ganz viele Köpfe (und ein paar Landschaften). Eine ganze Serie von Skizzen über Wochen entstanden, passenderweise zusammengefasst in einem Leporello.

Serie – kurze Begriffsbestimmung

Also, was ist eine Serie? Aus meiner Sicht drei oder mehr Werke, die unterschiedlich sind, aber etwas gemeinsam haben, was über die reine Technik und das Format hinausgeht – etwa die Konzeptidee, Komposition, Farbe, das Motiv. Berühmtes Beispiel sind hier die Seerosenbilder von Claude Monet. Ab wann aus einer Serie ein Stil wird, ist nicht so leicht zu beantworten. Man denke an den Maler Robert Ryman, dessen gesamtes Schaffen überwiegend aus weißen Bildern besteht, oder an den Japaner On Kawara, dessen rund 2000 Bilder „Date Painting“ nur ein Datum auf einen einfarbigen Hintergrund enthalten – angefangen 1966 bis zu seinem Tod 2014.

Eine Serie von Arbeiten mit Kaltwachs und Öl auf einem Blatt Papier; Blue Series von Dagmar Reiche
Eine Arbeit mit Kaltwachs und Öl, die auf einem großen Papierbogen entstanden ist. Vor Arbeitsbeginn habe ich durch Klebeband die einzelnen Felder separiert.

Serielles Arbeiten – 9 Vorteile aus Sicht einer Künstlerin

Ehrlich gesagt: Für solch ein lebenslanges Projekt wie von On Kawara fehlt mir die Ausdauer. Und ich bin viel zu neugierig auf neue Wege. Trotzdem habe ich darüber nachgedacht, welche Vorteile das Arbeiten in kürzeren Serien für mich als Künstlerin hat. Hier die Aspekte, die mir dabei in den Sinn gekommen sind:

  1. Den Druck rausnehmen: Nur an einem Bild zu malen bedeutet, in diesem Moment alles auf eine Karte zu setzen. Stecke ich fest, fühlt es sich wie ein komplettes Versagen an. Ohne einen Ausweg. Bei der Arbeit an vielen Bildern gleichzeitig ist alles entspannter.
  2. Die Kreativität ankurbeln: Manchmal fehlen Ideen. Die unberührte Leinwand ruft mir zu: „Trau dich!“. Doch das Weiß blendet dermaßen, dass ich nichts mehr sehen kann und dadurch der Kopf leergefegt ist. Habe ich dagegen mehrere dieser Flächen, ist das Anfangen leichter. Ich kann einfach loslegen, mit Strichen, Farbgrundierungen. Und stocke ich bei einem Bild, mache ich einfach mit dem nächsten weiter.
  3. Verschiedene Stimmungen einfangen: Gerade beim abstrakten Malen versuche ich, Gefühle in ein Werk umzusetzen. Doch Emotionen wechseln. Habe ich mehrere Bilder am Start, gibt es für jede Stimmung eine Projektionsfläche. Und fehlt noch eine, beginne ich einfach ein weiteres Bild. 
  4. Vielfalt und trotzdem zusammengehörig: Das Arbeiten an mehreren Bildern erinnert mich an meine Chorproben in der Schulzeit. Jede/r einzelne Sänger:in hat seine/ihre individuelle unverwechselbare Stimme mit ganz eigener Klangfarbe, Stimmlage, Volumen, Timbre, Klarheit oder Rauigkeit. Mehrere Stimmen werden aufgrund ihrer Stimmlagen zu Gruppen zusammengefasst. Zunächst üben Alt, Sopran, Bass und Tenor unabhängig voneinander. Später fügen sie sich bei den gemeinsamen Proben zu einem harmonischen Ganzen (oh, diese Gänsehaut, die ich immer hatte, wenn die verschiedenen Stimmlagen das erste Mal zusammen sangen!). Und doch höre ich den einzelnen Stimmen genauso gerne zu.
  5. Beim Tun lernen und sich weiterentwickeln: Das Experimentieren ist ein wichtiger Teil des ganzen Spaßes. Nur beim Ausprobieren neuer Techniken, Farbkombinationen oder Materialien lerne ich dazu. Das ist wie beim Kochen: Wenn ich immer wieder neue Gewürze oder Zutaten ausprobiere und Rezepte selbst, anders und neu interpretiere, kann ich noch raffiniertere Gerichte zaubern. Arbeite ich in einer Serie, kann ich das neu Entdeckte direkt für die anderen Werke anwenden, es weiterentwickeln und schauen, was passiert, wenn ich es in einem anderen Kontext einsetze.
    Übrigens: Deshalb besuche ich auch gern Kunstkurse. Die Lehrkräfte geben Tipps, die Kursteilnehmer:innen interpretieren diese alle individuell. Und bereits beim Zuhören und Zuschauen lerne ich eine Menge, was ich dann wiederum selbst weiter entwickeln kann. 
  6. Die Werke befruchten sich gegenseitig. Wie ein Team, bei dem die Erfolge des Einzelnen die ganze Gruppe anspornen, besser zu werden, können auch Werke in einer Serie dazu führen, dass jedes einzelne Bild besser wird. Manchmal empfinde ich eines als fertig, nur um später festzustellen, dass ihm noch etwas fehlt. Und warum? Weil die anderen Bilder es mir gezeigt haben. Die Lernkurve ist steiler. 
  7. Perspektivenwechsel: Es ist wie beim Aktzeichnen oder Fotografieren: Das Modell von verschiedenen Blickwinkeln und Entfernungen zu untersuchen und dabei immer wieder eine andere Position einzunehmen, ist spannend. Und so entdecke ich vielleicht einen Zugang, an den ich auf den ersten Blick nicht gedacht habe.
  8. Probieren, was mir guttut, und dabei das zu finden, womit ich auszudrücken kann, was mir vorschwebt. Je mehr Experimente, desto schneller gelingt das – auch durch den direkten Vergleich.
  9. Schnell & leise vorankommen: Am Schluss ein ganz praktischer Vorteil beim Malen von Serien: Ich muss nicht die Trocknungsphase abwarten (oder den lauten Fön benutzen), sondern kann einfach immer mit dem nächsten Bid weitermachen.
Monoprints mit Acrylfarbe auf Papier. Experimentelles Arbeiten, bei dem ich von einer Gelatineplatte und teilweise einer Holzschnittplatte gedruckt und weitere Materialien zum Erzeugen von Strukturen eingesetzt habe.

Kurzer Blick auf Serien aus Sicht der an Kunst Interessierten

Mehrere Bilder aus einer Reihe zu besitzen, hat sehr viel Charme. Sie bilden naturgemäß eine harmonische Einheit. Der Versuch, die Gemeinsamkeiten zu entdecken, ist ein bisschen so wie früher das Suchspiel „Finde die 8 Fehler“ (nur anders herum). Aber: Umgekehrt kann eine Serie auch zu Frust führen, etwa dann, wenn man erst nach dem Kauf bemerkt, dass man nur einen Teil von ihr erworben hat.

Ich spreche aus eigener Erfahrung: Vor einigen Jahren haben mein Mann und ich in einer winzigen Galerie in Barcelona drei kleine Bilder gekauft, die uns beide sehr angesprochen hatten. Erst zu Hause angekommen bemerkte ich, dass sie auf der Rückseite mit „x von 4“ bezeichnet waren. Vier, nicht drei! Ich setzte alle Hebel in Bewegung: kontaktierte die Galerie, machte die Künstlerin ausfindig – in den Anfängen des Internets gar nicht so einfach. Leider wusste keiner, wohin es das vierte Bild verschlagen hatte. Dafür kaufte ich dann ein anderes direkt bei ihr für meinen Mann zu Weihnachten. Garantiertes Einzelstück!

Fazit

Das Arbeiten in Reihungen macht Spaß, ist für Überraschungen gut und kurbelt auf vielen Ebenen meine Kreativität an. Ich bin froh, dass ich diese Form des Schaffensprozesses entdeckt habe.

Ich erschaffe besonders gern Serien in kleinen Größen – so messen etwa die Bilder am Artikelanfang nur jeweils 10 × 10 cm. Hier können Sie lesen, warum ich finde, dass auch kleinformatige Werke Kunst sind.

Und hier kommen Sie zur Webseite von Georg Kleber – er bietet den Kurs „30 Bilder in 3 Tagen“, in dem ich meine Liebe zum seriellen Arbeiten entdeckt habe, noch immer an.

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