Kunst erleben im Rheinland – ein Kurztrip mit vielen Impressionen

von | 4. Februar 2024 | Kunst erleben

So sehr ich es liebe, mich in meinem Atelier aufzuhalten und Kunst zu schaffen, so gern schaue ich mir Kunst von anderen an. Manchmal sind Ausstellungen ein Reisegrund, sonst recherchiere ich, welche Kunst es dort zu sehen gibt, wohin ich aus anderem Anlass fahre. So war es vergangene Woche: Auslöser war ein Geburtstag, ich habe die Reisezeit auf vier Tage gedehnt und so viel angeschaut, wie ich aufnehmen konnte. Inspiration pur.

Ein Apartment mit Originalkunst

Erstes Highlight: die Wohnung, die ich für meinen Mann und mich für drei Nächte gemietet habe. Die Lage: in Oberkassel, direkt am Rheinufer Düsseldorfs, auf der anderen Flussseite die Altstadt. Der Vermieter Manfred ist nicht nur extrem nett und hilfsbereit, sondern an Kunst und Kultur interessiert.

Im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses ein riesiges Originalbild, in der Wohnung mehrere Gemälde verschiedener Künstlerinnen und Künstler, dazu sind entsprechende Kataloge mit Hintergrundinformationen ausgelegt. Es ist wunderbar, von Originalkunst umgeben zu sein, für mich ein Eldorado. Kein Wunder, dass ich fantastisch schlafe.

Düsseldorf-Oberkassel: So schön sind wir untergebracht.

Düsseldorf und der Kunstpalast

In der Nähe der Kunstakademie liegt der Kunstpalast im Ehrenhof. Auf der Webseite bezeichnet er sich als ein „Bürgermuseum, dass alle Menschen anspricht und willkommen heißt“ und als ein „Museum, in dem sich alle Menschen – unabhängig von Alter und kunsthistorischer Vorbildung – wohlfühlen“. Das passt gut zu meinem Anspruch, dass Kunst etwas für jede/n ist.

Eingang des Kunstpalastes im Ehrenhof

Geschichte

Die Idee einer Städtischen Kunstgalerie in Düsseldorf entstand bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, eröffnet wurde die Galerie 1902, und der eigentliche Kunstpalast 1925/26. Im Jahr 1928 zog das Kunst- und Gewerbemuseum der Stadt ein. Zudem besteht seit jeher eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Kunstpalast und der Kunstakademie. So finden sich seit 1932 die Bestände der Sammlung der Akademie – Grafiken und Gemälde – im Kunstpalast. Spannend ist auch, dass 1918 in einem Flügel des Palastes eine „Kunsthochschule für Frauen“ eröffnet wurde, damals bei Weitem noch keine Selbstverständlichkeit.

Immer wieder wurde der Gebäudekomplex saniert, modernisiert und neugestaltet, das letzte Mal in den vergangenen Jahren. Damit war auch eine Besichtigung der Sammlungsschätze nur zum Teil möglich. 

Ein Rundgang durch die Ausstellung

Im Herbst 2023 öffneten sich die Türen des Museums wieder und präsentierten eine komplett neu zusammengestellte Auswahl von rund 800 Werken aus der Sammlung von über 130.000 Objekten auf zwei Etagen und fast 5000 qm. Neu ist auch, dass nun die beiden Flügel des Gebäudes, also die Sammlung (Gemäldegalerie, Graphische Sammlung, Skulptur und Angewandte Kunst, Glassammlung, Moderne Fotografie, Zeitbasierte Medien) und die Ausstellung, stärker miteinander verbunden sind.

Ich bin beeindruckt. Weniger wegen der imposanten Größe und Masse, sondern vor allem wegen der ideenreichen Präsentation. Ich begebe mich in 49 Räumen auf eine Zeitreise von 11 Jahrhunderten: vom Mittelalter, über Renaissance und Barock zur Kunst des 19. Jahrhunderts, der Klassischen Moderne bis in die Jetztzeit. Das Spannende dabei ist die Kontextualisierung. Pro Raum gibt es eine thematische Klammer und eine eklektische, interdisziplinäre Zusammenstellung verschiedenster Objekte aus mehreren Kontinenten. Gemälde hängen neben Kleidungsstücken, Druckgrafiken und Zeichnungen werden genauso gezeigt wie Skulpturen und Designobjekte, Handwerkliches und Lichtkunst; es finden sich Fotografie und Multimedia-Installationen, Winziges neben Riesigem, Alltagsobjekt neben seltenem Schmuckstück. Jeder Raum steht unter einem Thema, das – fast schon poetisch –  eine Essenz der jeweiligen Zeit ist, z. B.: Gemeinsamkeiten  / Im Zentrum der Mensch / Leidenschaft und Emotion / Global / Krone und Kirche / Begegnungen  / Umbrüche / Zeit der Innerlichkeit / Provokation und Rebellion.

Auch das darf sein, zwischen all den Weißräumen: eine Petersburger Hängung. Gezeigt werden hier Werke von Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie. (Ausstellungsansicht im Kunstpalast)

Der Bronner-Saal ist für mich die Essenz der Präsentationsidee, verschiedene Dinge zu verknüpfen: Seine geschwungene Treppe – selbst schon ein Designobjekt – verbindet die beiden Ausstellungsgeschosse miteinander, das riesige, fast 5 Meter hohe Ölgemälde „Die Himmelfahrt Mariae“ (1616–18) von Peter Paul Rubens hängt neben dem ebenfalls riesigen „Erdtuch“ aus bunten Aluminiumflaschendeckeln von 2003 des ghanaischen Bildhauers El Anatsui. Dazu findet sich in dem Raum ein Werk von Gerhard Richter (Rot-Blau-Gelb, 1972) und ein anderes von Ghada Amer, einer zeitgenössischen ägyptischen Künstlerin, die sich u. a. mit Gleichberechtigung auseinandersetzt (Farbige Streifen, 2002).

Treppe im Bronner-Saal

Spannend auch ein Wiederaufbau des Creamcheese-Raumes – eines legendären Underground-Clubs der Musik- und Kunstszene in den 1960er und -70er Jahren. 

Creamcheese – die Kultbar (Ausstellungsansicht im Kunstpalast)

Der Parcours ist abwechslungsreich, macht neugierig, eröffnet neue Themenfelder, stößt assoziative Verbindungen an. Und beiläufig lernt man beim Rundgang vieles dazu. So weiß ich jetzt, dass Obi in Japan etwas anderes ist als ein Baumarkt und dass Gürtelknebel auf japanisch Netsuke heißen und einen riesigen Variantenreichtum zeigen. In den meisten Räumen sind die Weißflächen in die Präsentation einbezogen – das verschafft nicht nur den gezeigten Objekten Luft zum Atmen, sondern ermöglicht auch dem Betrachtenden, seine Gedanken und Gefühle hin und her fliegen zu lassen. Solch ein Ausstellungskonzept habe ich in dieser intelligenten und einladenden Form noch nirgendwo gesehen.

Spot On

Die derzeit 9 Palast-Pilot*innen (Ausstellungsansicht im Kunstpalast)

Mein persönliches Highlight: der SPOT-ON-RAUM. Die Verantwortlichen haben sich Gedanken gemacht, wie sich Kunst nahbar machen lässt, auch für Menschen, die nicht von Kindheit an damit in Kontakt sind. Ihre Idee: Menschen zu finden, die unterschiedliche Vorbildung, Sozialisierung, Alter, Perspektiven, Zugang zu Kunst haben. Dazu wurde ein Aufruf zur Beteiligung an der Neugestaltung der Sammlung gestartet, dem über 1.000 Düsseldorfer/innen folgten. Daraus wurde ein Team von 10 Palast-Pilot*innen als Querschnitt der Gesellschaft zusammengestellt, die in gemeinsamen Workshops mit dem Museumsteam neue Ideen und Vorschläge für ein publikumsnahes Gestaltungs- und Vermittlungskonzept entwickelten. Seit Ende 2020 treffen sich 9 davon regelmäßig als Gruppe, um das Museum bei der Präsentation, Digitalisierung und Vermittlung der Sammlung zu beraten. 

Zudem gestalteten sie die im SPOT-ON-RAUM gezeigte Ausstellung. Auf den ersten Blick wirkt diese wie eine wilde Mischung. Doch zusammen mit den Fotos der Palast-Pilot*innen und ihrer Geschichte, warum sie sich für dieses Kunstwerk aus der Sammlung entschieden haben, bekommt das Ganze eine unwiderstehliche Aura. Die Gründe für die Auswahl sind so unterschiedlich wie die Menschen und ihre persönliches Leben.

Dieser Raum zeigt, dass es nicht DIE Art gibt, Kunst zugänglich zu machen. Sondern vermutlich so viele wie es Menschen gibt. Verbindungen entstehen über Gefühle, Fragen, Träume, Reibung, Gemeinsamkeiten zur Lebenssituation oder Lebenseinstellung – und vieles andere.

Im Kunstpalast gibt es Touren für Erwachsene und spezielle Räume für Kinder. Und es gibt eine digitale App – Augmented Reality inklusive. Ein lohnenswerter Besuch!

Kunstpalast, Ausstellungsansicht im Obergeschoss (Sammlung Willi Kemp). Im Vordergrund links die ikonische Aldi-Tüte von Günter Fruhtrunk

Wuppertal: Eine Ausstellungseröffnung und ein Skulpturenpark

Der Weg führt uns zuerst in die wuba Galerie in Wuppertal Barmen, danach lockt uns das vorfrühlingshafte Wetter in den Skulpturenpark Waldfrieden des englischen Bildhauers und ehemaligen Rektors der Düsseldorfer Kunstakademie Tony Cragg – übrigens ein Tipp unseres tollen Vermieters.

wuba Galerie

Die Galeristin und Künstlerin Brigitte Baumann kenne ich bereits seit einigen Jahren – begegnet sind wir uns bei einem Holzschnittkurs. In den vergangenen Jahren hatte ich das große Glück, zweimal im Rahmen einer Gruppenausstellung bei ihr vertreten zu sein, hatte es bisher aber noch nicht geschafft, die wuba Galerie vor Ort anzuschauen. Nun besteht endlich die Gelegenheit.

Christian von Grumbkow in der wuba Galerie, Wuppertal 2024

Just an diesem Sonntag ist die Vernissage des wuppertaler Künstlers Christian von Grumbkow, der sich vor allem als zeitgenössischer Landschaftsmaler sieht. Er ist selbst anwesend und erzählt Spannendes zu seinem Warum und den ausgestellten Arbeiten. Gut 30 kleine und größere Werke sind zu sehen, die auf jeden Fall einen Besuch wert sind.

Christian von Grumbkow – wie ich gerade drauf bin…
28. Januar 2024 – 28. Februar 2024
wuba Galerie, Wuppertal

Skulpturenpark Waldfrieden

Verschmelzen von Innen und Außen, von Kunst und Natur – das könnte das Motto des Parks und der Villa Waldfrieden sein. Ähnlich wie im dänischen Louisiana Museum of Modern Art oder der Museumsinsel Hombroich hat der Gast auch hier das Gefühl, dass alles miteinander in Einklang steht, harmonisch, sich gegenseitig unterstützend und verstärkend. 

Villa Waldfrieden

Auf dem riesigen Gelände steht die Villa, deren Geschichte rund 130 Jahre zurückreicht. Der Lackfabrikant Kurt Herberts erwarb das Anwesen 1940 und musste das Haus fast komplett neu bauen lassen, weil es während des Krieges bei Luftangriffen zerstört wurde. Für den Aufbau verantwortlich war Franz Krause, Künstler und Architekt mit sehr eigenen Ansichten und Konzepten. Wie in der Natur und wie in der Architektur der Anthroposophen oder Antoni Gaudis finden sich auch hier keine Ecken, sondern geschwungene Linien, organische Formen und dynamische Blickführungen unter Einbeziehung des Lichts. 

Natur und Kunst, Außen und Innen verschmelzen… (Lichtskulptur von Mischa Kuball, im Anbau der Villa Waldfrieden)

Villa und Park waren bis 2006 verlassen, wurden von Tony Cragg erworben und von ihm restauriert und umgestaltet. Das Haus wirkt auf mich wie das Zentrum, in dem sich Außen und Innen treffen und miteinander korrespondieren, Energie austauschen, sich gegenseitig transformieren. In dem Gebäude befinden sich Archiv und Verwaltung, ich kann nur von außen einen Blick durch die Fenster auf die spannenden, reduzierten und geschwungenen Räume werfen. Doch auf der Webseite finden sich zahlreiche Fotos, eine empfehlenswerte 3D-Visualisierung und ein Link zu einem kurzen Film, den der WDR 2015 gedreht hat.

Im Park stehen über 20 Skulpturen von Tony Cragg und fast ebenso viele von anderen Künstlern wie Henry Moore, Thomas Schütte oder Markus Lüpertz. Durch die vielen alten Bäume sind diese oft erst beim Näherkommen zu entdecken und gehen mit ihrer Umgebung spannende Beziehungen ein. 

Mittlere Ausstellungshalle
Obere Ausstellungshalle mit Mischa Kuballs Ausstellung „Light_poesis“, bis 18. Februar 2024 © VG Bild-Kunst Bonn 2024

Daneben verteilen sich auf dem Areal drei schlichte, lichtdurchflutete Gebäude, in denen ein Teil der ständigen Sammlung präsentiert wird und immer wieder wechselnde Ausstellungen stattfinden. Im Moment zeigt der Künstler Mischa Kuball eine Licht- und Spiegelinstallation, die kongenial das Thema der Verschmelzung von Außen und Innen in Szene setzt. Regelmäßig werden Veranstaltungen angeboten, etwa Vorträge zu kulturwissenschaftlichen Themen, Führungen, Kinofilme, Konzerte oder Lesungen. Kunstvermittlung vom Feinsten!

Mischa Kuball – Light_Poesies
21. Oktober 2023 – 18. Februar 2024
Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal

Neuss: die Museumsinsel Hombroich

Den folgenden Tag verbringe ich auf dem Gelände der Museumsinsel Hombroich bei Neuss. Ich bin nicht zum ersten Mal hier und es wird sicher auch nicht das letzte Mal sein. Als Insel wird die Parkanlage deshalb bezeichnet, weil sie zwischen zwei Teilarmen der Erft liegt – ein Fluss, in dessen Nähe ich in meiner Jugend gelebt habe. Der alte Park war verlassen und wurde 1982, zusammen mit umliegendem Ackerland, vom Landschaftsarchitekten Bernhard Korte zu einer Auenlandschaft umgestaltet. Ziel war von Anfang an, eine Art Ideallandschaft zu konzipieren, die sowohl auf den Ort und dessen Geschichte Bezug nimmt, als auch zusammen mit Kunst gedacht wird. Gegründet wurde das Museum vom Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, von Anfang an mit im Boot waren die Künstler Gotthard Graubner und Erwin Heerich. Eröffnet wurde das Tageslichtmuseum 1987.

Auenland. Skulpturale Weiden…

Begehbare Skulpturen

Im Park finden sich begehbare Skulpturen, die zum Teil als Ausstellungsgebäude genutzt werden. Man kann sich frei durch den Park bewegen – es gibt keine Absperrungen, Hinweisschilder, Lagepläne oder künstliche Lichtquellen. Einzige Informationsmöglichkeit ist ein Plan, der im Kassenraum mitgenommen werden kann. Doch eigentlich braucht es diesen nicht, man kann einfach loslaufen und sich von dem Ort verzaubern und leiten lassen.

Wie im Skulpturenpark in Wuppertal ist auch hier die Kunst Teil der Landschaft. Doch anders als dort sind die vom Bildhauer und Zeichner Erwin Heerich entwickelten zehn Museumsbauten streng geometrisch aufgebaut. Die Außenseiten dieser 10 begehbaren Skulpturen sind aus niederländischem Abbruch-Feldbrandstein, die durch ihren warmen Rotton zum Näherkommen einladen. In einigen Räumen sind Teile der Sammlung ausgestellt, andere sind leer. Selbst Kassenhaus und Cafeteria zählen als begehbare Skulptur.

Insel Hombroich – links eine begehbare Skulptur aus roten Abbruchsteinen inmitten der Auenlandschaft

Innen gibt es wiederum zahlreiche Bezüge zum Außen – durch Lichtschächte, Oberlichter, große Fenster. Vogelgezwitscher, Gänsegeschnatter und Wassergemurmel außen, kontemplative, fast heilige Ruhe innen. Die außergewöhnliche Akustik lädt allerdings dazu ein, singend die Stille zu durchbrechen. Am liebsten würde ich eine Yogamatte ausrollen und „OM“ summen. Im Atelierhaus wird zurzeit eine sehr sehenswerte Ausstellung von Kurt Schwitters und Hans Arp gezeigt. Leider kann ich aus rechtlichen Gründen keine Fotos der Innenräume mit Kunst zeigen.

Insel Hombroich – Blick nach oben in einer der begehbaren Skulpturen

Die Stiftung Insel Hombroich

Zur Stiftung Insel Hombroich gehören zudem die neben der Insel gelegenen Raketenstation Hombroich und das Kirkeby-Feld. Alle Örtlichkeiten zusammen bieten lebendigen Raum für Kunst und Fotografie, Literatur und Poesie, Musik, Philosophie und Architektur sowie Schaffens- und Vermittlungsräume – alles im Zusammenspiel mit der Natur. Ein ganz besonderer Platz für alle Sinne, zu jeder Jahreszeit!

In neuem Licht – Schwitters und Arp im Atelierhaus
7. Mai 2023 – 1. April 2024
Atelierhaus, Museum Insel Hombroich

Bergisch Gladbach: Stadt des Papiers

Der letzte Tag meiner Reise, abends wird es schon zurück an den Bodensee gehen. Eine Freundin hat mir den Tipp gegeben, dass derzeit ein Pionier der Papierkunst – Oskar Holweck – im Kunstmuseum Villa Zanders ausstellt. Da muss ich definitiv hin. Als ich zur Mittagszeit vor dem Gebäude stehe, stelle ich fest, dass dieses dienstags erst um 14 Uhr seine Pforten öffnet. Google offenbart mir, dass in Laufweite eine ehemalige Papiermühle zu besichtigen ist. Ich überschlage kurz die Zeit, ändere meine Pläne und steuere zunächst diese an.

Papiermühle Alte Dombach – pittoreskes Ensemble, Heimat für ein Papiermuseum

Papiermühle Alte Dombach / LVR-Industriemuseum

In der ehemaligen, 1614 gegründeten Papiermühle vor den Toren Bergisch Gladbachs findet sich das größte Papiermuseum Deutschlands. Die Mühle ging 1987 vom alten Besitzer – dem Papierhersteller Zanders – als Schenkung an den Landschaftsverband Rheinland über.

Das Museum wurde 1999 eröffnet. Es zeigt, wie Papier hergestellt wurde (und wird) und die riesige Vielfalt von Dingen, die daraus gefertigt werden können. Der Rundgang im Ausstellungsgebäude führt auch an einer Laborpapiermaschine vorbei – die der nette Mitarbeiter in Betrieb nimmt, um uns zu zeigen, wie die industrielle Papierherstellung funktioniert. Gebaut wurde sie, um für Farbproben nicht die riesigen Maschinen in Gang setzen zu müssen.

Die Laborpapiermaschine (zumindest ein Teil davon …); nach dem Einschalten dauert es rund 4 Minuten, bis am anderen Ende ein fertiges, getrocknetes Papier ankommt

Im Raum daneben wird von einer Mitarbeiterin demonstriert, wie Papier aus der Bütte handgeschöpft wird, sie erzählt anschaulich, welch Knochenjob das früher war. In der Dachetage kann man sehen, wie das Papier getrocknet wurde.

Vieles davon kenne ich schon aus der Papierfabrik Gmund am Tegernsee und der Papiermühle in Homburg. Die Laborpapiermaschine ist jedoch ein neues Erlebnis und die Ausstellung der Anwendungen von Papier birgt auch etliche unbekannte Schätze. Mit einem farbigen und einem handgeschöpften Papier als Mitgebsel mache ich mich wieder auf dem Weg zur Villa Zanders. Die Papiermühle ist ein schöner Ort, um etwas über die Geschichte und Faszination von Papier zu lernen.

Kunstmuseum Villa Zanders

Die letzte Station meines kulturellen Kurztrips: Ich komme an und die Tür zum Museum öffnet sich genau in diesem Moment. Schon das Gebäude selbst ist beeindruckend. Eine Villa, die zeigt, dass man mit der Produktion von Papier früher sehr reich werden konnte. Da ich nicht weiß, wie lange die Besichtigung dauert und ob ich genug Zeit für alles habe bis meine Mitfahrgelegenheit kommt, beschließe ich, mit Oskar Holweck im 2. Stock anzufangen.

Der 2. Stock im Kunstmuseum Villa Zanders. Spannende Lichtsituation

Oskar Holweck – Meister der Reduktion

Um mich nicht von der Kunst in den anderen Stockwerken ablenken zu lassen, ignoriere ich die große Treppe, sondern nehme den Fahrstuhl. Eine gute Entscheidung: Als ich aussteige und in den ersten Ausstellungsraum trete, stockt mir der Atem. 

Oskar Holweck im Kunstmuseum Villa Zanders, Ausstellungsansicht

Vielleicht ist es das Material, vielleicht die Reduktion, vielleicht die spannende Stille oder der Tanz von Licht und Schatten: Holwecks Kunst berührt mein Innerstes. Er hat mit Papier so gearbeitet, als würde er im Labor experimentieren, und die Werke sind auf den ersten Blick konkret und sachlich – weißes Papier gerissen, geknickt, geknüllt, geschnitten, geschabt, perforiert; als einzige Farbe in manchen Arbeiten schwarze Tusche. Trotzdem entfalten die Werke eine unglaubliche Sogwirkung. Ich empfinde sie als pure Poesie, vielleicht vergleichbar mit den japanischen Haikus, deren strenge Form, reduziert auf wenige Wörter große Wirkmacht entwickelt.

Die Zusammenstellung der gut 70 Arbeiten in den wunderschönen Räumen tut ein Übriges. Am liebsten würde ich mich für einige Stunden einfach hinsetzen und zugucken, wie sich die Schatten und Werkwirkungen mit dem Wandern des Tageslichts verändern.

Museum Villa Zanders Ausstellunsgansicht mit Werken von Oskar Holweck
Drei Arbeiten von Oskar Holweck, Ausstellungsansicht

Diese Etage mit den Arbeiten von Oskar Holweck lehrt mich Folgendes: 

  • Papier ist ein wunderbares, unendlich wandelbares Material, das sich künstlerisch vielfältig einsetzen lässt
  • Kompostion und Kontraste sind genauso wichtig wie Farbe. Vermutlich sogar wichtiger, denn sie benötigen Farbe nicht (sind aber umgekehrt unverzichtbar)
  • Kunst kann gleichzeitig konzeptionell und poetisch sein
  • Oskar Holweck war ein Meister der Papierkunst
  • Einzelausstellungen sind oft spannender als eine Zusammenstellung mehrerer Kunstschaffenden. Weil nicht alle Werke gleichzeitig mit verschiedenen Mitteln um Aufmerksamkeit buhlen, sondern gleichberechtigt nebeneinander stehen, Entwicklung aufzeigen, Verbindung spüren lassen. Ruhe und Dynamik nicht in Konkurrenz, sondern sich gegenseitig stützend. Auch das eine Form der Reduktion, die sehr wirkmächtig ist. Und in diesem Fall genau das, was auch die Kunst Holwecks ausmacht.

Oskar Holweck – Meister der Reduktion
3. Dezember 2023 – 2. Juni 2024
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach

Rolf Rose – MALEN SEHEN

Eigentlich bin ich gefüllt mit Eindrücken. Ich nehme den Weg über die Treppe nach unten – und bleibe dann doch bei der zweiten Ausstellung hängen. Rolf Rose blickt auf über 60 Jahre künstlerischen Schaffens zurück – im letzten Jahr feierte er seinen 90. Geburtstag. Seine gezeigten Werke wirken so frisch als seien sie gerade erst entstanden. 

Rolf Rose im 1. Stock des Kunstmuseums Villa Zanders. Durch den dicken, strukturellen Farbauftrag bekommen seine Werke eine räumliche Wirkung – sehr gut zu sehen am weißen Bild vorne rechts.

Seine Spielwiese ist die Farbe (v. a. das Material, aus dem sie hergestellt ist), die er auf verschiedene Malgründe aufträgt (etwa Leinwand, Holz, Papier, Aluminium, Terracotta), kombiniert mit anderen Materialien wie Wachs und Graphit. Viele seiner gezeigten Werke wirken fast monochrom, zumindest auf den ersten Blick. Lässt man sich auf sie ein, entwickeln sie eine starke Raumtiefe und immer mehr Farbnuancen scheinen auf. Oft ist die Farbe expressiv und dick aufgetragen, in den Werkzeugspuren fängt sich das Licht und erzeugt spannende Helligkeiten und Schatten, die sich bewegen, sobald man seinen Blickwinkel ändert. Oft habe ich den Eindruck, als leuchten die Bilder von innen heraus. Die jüngeren Arbeiten huldigen der Farbe auch in ihrer Wirkung, expressiv sind sie in manchmal wilder, freier Mischung nebeneinander gestellt (gut zu sehen im Werk, das auch als Leitbild der Ausstellung gewählt wurde).

In einem Gang rund um den Fahrstuhl hängen Papierarbeiten, sehr reduziert, überwiegend in Schwarz auf dem Weiß des Papiers. Außerdem sind einige Bronzen und Notizbücher des Künstlers ausgestellt.

Rolf Rose – MALEN SEHEN
29. Oktober 2023 – 3. März 2024
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach

Rolf Rose, Ausstellungsansicht. In der Mitte das Bild, das als Leitmotiv auf der Einladung und dem Katalog verwendet wird (Ohne Titel, 2018, Öl auf Leinwand).

Die Kuratierung

Obwohl Rose und Holweck aus verschiedenen Richtungen kommen und unterschiedliche Techniken und Zugangswege haben, empfinde ich viele Gemeinsamkeiten. Frappierend ist, dass beide Künstler es schaffen, Raumwirkung zu erzeugen, mit Licht und Schatten zu spielen, auch (oder gerade) wenn sie sich im monochromen Spektrum und in der Reduktion bewegen (die ich auch bei Rose sehe, auch wenn er sich nicht als Minimalist, sondern als expressiver Maler sieht). Die gezeigten Skizzenbücher Roses verweisen auf die Buchseiten und Buchobjekte Holwecks eine Etage darüber – ein kluges Augenzwinkern der Kuratoren, um einen weiteren Bogen zwischen den beiden Etagen zu schaffen.

Im Treppenhaus hängen große Papierarbeiten anderer Künstler*innen, im Erdgeschoss lässt sich die Gemäldesammlung der Familie Zanders anschauen. Ein Museum, das auf jeden Fall spannende zeitgenössische Kunst zeigt und diese sehr ansprechend kuratiert.

Das Treppenhaus zwischen Erdgeschoss und 1. Obergeschoss in der Villa Zanders

Fazit

Vier Tage und ein Parforceritt durch einen winzigen Teil des Kunstangebots in Nordrhein-Westfalen. Vermutlich könnte ich hier Wochen verbringen, ohne mich zu langweilen. Alle besuchten Orte waren die Reise wert. Ich habe mal wieder erfahren dürfen, wie vielfältig und bereichernd Kunst sein kann und wie viele gute Ideen es gibt, den Menschen Kunst nahe zu bringen. Ich bin gefüllt mit Inspiration und Freude.


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