Die stille Kraft des Unperfekten – als Artist in Residence in Maulbronn

von | 31. Oktober 2026 | Ateliergeflüster

Gemälde, inspiriert vom Kloster Maulbronn

Alles begann mit einer Nachricht im Postfach. Ich hätte sie fast ungelesen in den Spamordner geschoben, doch dann blieb mein Auge an einem Satz hängen. Dieser bezog sich ganz konkret auf eine meiner Einzelausstellungen. Das war keine Sammelmail, die per Gießkannenprinzip NFTs, Ausstellungsräume oder Messebeteiligungen an Kunstschaffende auf der Suche nach Sichtbarkeit verhökern wollte. Das war eine Einladung, die wirklich mich meinte. 

Ich fing an zu recherchieren. Ja, die Stiftung gab es, und ja, sie bietet ein Residence- und Ausstellungsprogramm an. Also erlaubte ich mir ein leises Staunen und noch verhaltenes Freuen. Und ich schickte eine freundliche Antwortmail. Wenige Tage danach gab es ein Telefonat, kurze Zeit später hatte ich die versprochenen Unterlagen im Briefkasten. Ich skizzierte eine Projektidee und im Dezember gab es dann ein Treffen vor Ort. Eigentlich hatte ich die Entscheidung bereits vorab getroffen, doch nach diesem Termin war ich sicher: Da will ich hin! 

Und dann blieben mir noch einige Monate, in denen ich mich unbändig auf meine Zeit in diesen wunderschönen Räumen freute. Die Vorstellung, dort bald in Ruhe arbeiten zu können, rettete mich oftmals davor, im reichlich vorhandenen Stress der ersten Jahreshälfte zu versinken.

Kloster Maulbronn
Das Kloster Maulbronn: eine Schönheit und UNESCO-Werlkulturerbe. Trotzdem lässt sich dort Stille finden.

Pläne? Besser nicht!

Zwei Monate ohne den Alltagstrott, Verpflichtungen, Meetings, Bewerbungen und was sonst noch alles zum künstlerischen Beruf gehört. Sondern nur das tun, warum ich Künstlerin bin: kreatives Schaffen. Das war mein Plan. Doch wie so oft lachte sich die Realität ins Fäustchen..

Zunächst musste ich mich – wie immer bei solchen Aktionen – der Herausforderung der Beschränkung stellen: Wie packe ich mein Auto, damit ich auch in meinem externen Atelier genug Material habe, um flexibel zu bleiben? Und diesmal: Wie bekomme ich zusätzlich noch zahlreiche fertige Bilder für meine Startausstellung „Meet the Artist“ unter? Allerdings ist Maulbronn nicht Timbuktu und Online-Bestellungen von Kunstmaterialien funktionieren auch dort wunderbar, zumal ich einen eigenen Briefkasten und eine separate Klingel hatte.

Das Ankommen war wunderbar – ich habe mich direkt willkommen gefühlt. Die Räume waren noch schöner als ich sie in Erinnerung hatte, der Garten war eine Pracht. Doch trotzdem fand ich es gar nicht so einfach, mental anzukommen, überhaupt loszulassen und mich auf die neuen temporären Lebensumstände einzustellen. Zu lernen, mit dem Überfluss an Zeit umgehen und gleichzeitig nicht ständig unter Dampf zu stehen, jetzt doch endlich mal etwas zu (er)schaffen.

Eindrücke von der Abschlussausstellung in Maulbronn

Auf der Suche nach dem Flow

Die vorab geplante Anfangsausstellung war richtig schön. Ich hatte etliche Werke mitgebracht und mehrere Stationen aufgebaut, die Ergebnisse meiner bisherigen Aufenthalte in externen Ateliers zeigten. Ich erzählte eine bisschen über die jeweiligen Orte und Erlebnisse und darüber, was ich von dort jeweils mitgenommen hatte: nicht nur Werke, sondern auch Erkenntnisse.

Danach steckte ich erstmal fest. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig, wo die Suche nach der Stille hingeht. Klar war, dass ich zunächst Impressionen und Impulse sammeln wollte. Erste Ortserkundungen und kreatives Rantasten, eher noch zaghaftes Umkreisen der Stille. Und dann eine Vollbremsung – ein richtig fies verstauchter Knöchel. So fies, dass ich einen Arzt aufsuchen musste (diejenigen, die mit kennen, wissen um die Überwindung, die mich das kostet). Glücklicherweise war es keine knöcherne Verletzung. Mit meinen Spaziergängen war es damit allerdings erstmal vorbei. Und so saß ich mit einem Skizzenheft oder Buch auf dem Sessel im Garten oder mit hochgelegtem Bein in meiner wunderschönen Wohnung und kämpfte mit meinem Frust.

Aufgebaut haben mich meine wunderbaren Gastgeber, mit denen ich mich einmal in der Woche zum Jour fixe getroffen habe. Ihr Vertrauen darauf, dass sich meine Kreativität irgendwann so richtig laut zurückmeldet, hat mir sehr geholfen (und war durchaus berechtigt, wie sich später zeigen sollte). 

Impressionen von meinen Spaziergängen, eingefangen mit dem Pinsel: Wandernd wundern (4) Acryl auf Papier, 20 x 40 cm

Eigentlich gar nicht faul…

Obwohl ich in der ersten Hälfte meines Aufenthalts das Gefühl hatte, nicht richtig im Flow zu sein, habe ich durchaus etwas geschafft und geschaffen, zum Beispiel:

  • Unzählige Fotos gemacht (und dabei meine neue Kamera in Betrieb genommen), gezeichnet, gedruckt und Bilder gemalt. An verschiedensten Orten Impressionen gesammelt.
  • An einem Online-Schreibworkshop teilgenommen, um endlich meinem lange geplanten Buch Geburtshilfe zu geben.
  • Das Buch konzipiert und gesetzt, das den kreativen Dialog zwischen dem Lyriker Thomas Bartsch und mir zeigt (es ist übrigens mittlerweile im Geest-Verlag erschienen!). 
  • Das Kloster und Ausstellungen besucht, Gäste begrüßt und mit meinen wundervollen Gastgebern intensive Gespräche geführt. 
  • Recherchiert und sehr viel gelesen. Ideen gewälzt und nachgedacht. In den Himmel gestarrt. Mich im Bett gewälzt, weil das Überlegen auch nachts weiterging. Ein Widerstreit der Gedanken und ein Wechselbad der Gefühle. Lebensfragen rufen ganz schön laut, wenn der Alltagsstress ruhig ist.
  • Mich fast überhaupt nicht von Social Media oder E-Mails ablenken zu lassen.

Im Nachhinein finde ich es sehr verblüffend, wie schwer es mir trotz all meiner Erfahrungen oft fällt, auf mich selbst zu vertrauen und wie wenig ich wahrnehme, das ich doch eine Menge gewuppt kriege. Manchmal fehlt mir eine Portion Leichtigkeit.

Still in sich bewegt, Triptychon, Acryl auf Leinwand 180 x 80 cm

Der geheime Schalter

Abgesehen davon hatte ich bereits in diesen ersten Wochen wunderschönen Eindrücke und Erlebnisse. Die Räume und der Garten waren ein Traum, meine Gastgeber ein großes Glück. Der Ort und seine Umgebung besitzen eine eigene, beeindruckende Schönheit. Die Klosterkonzerte waren ein absolutes Highlight und ich war oft sehr erfüllt von all diesen Begegnungen und Dingen, die mein Leben bereicherten.

Vermutlich waren all diese geschenkten Impulse dafür verantwortlich, dass etwa nach der Halbzeit plötzlich die kreative Energie sprudelte. Es war wirklich so, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und diesen auf 100% Flow gestellt. Dass ich wieder gut zu Fuß war, half sicher zusätzlich.. So zäh die ersten Wochen teilweise waren, so reich an Energie war der zweite Teil. Bei meiner Abschlussaustellung Anfang August habe ich dann insgesamt über 120 Arbeiten gezeigt – Gemälde, Monotypien, Fotografien. Und da waren noch nicht mal meine Skizzenbücher dabei.

Impression von meiner Abschlussausstellung in Maulbronn: Im Vordergrund Monotypien, inspiriert von Blättern, hinten links korrespondierende Fotografien. Mitte hinten Acrylgemälde, inspiriert vom Hohenackersee. Hinten rechts sieben Wolkenbilder.
„Die stille Kraft des Unperfekten“: ein Teil der in Maulbronn entstandenen Monotypien

Die rege Pressearbeit meiner Gastgeber hatte zahlreiche Früchte getragen: Die Abschlussausstellung wurde regional an mehreren Stellen angekündigt und war trotz Konkurrenzveranstaltungen und Hitze sehr gut besucht. Irgendwann haben wir das Zählen aufgegeben, die Schätzung lag am Schluss bei 80 – 100 Personen. Besonders schön: Viele saßen zwischendurch oder hinterher im Garten und kamen miteinander ins Gespräch. Kunst lädt zum Dialog ein, wunderbar!

Die Kreativität hat ihr Eigenleben

Was diese Zeit wieder gezeigt hat: Kreativität startet nicht auf Knopfdruck, zumindest nicht bei mir. Ich brauche oft längere Phasen, um Impulse zu sammeln, zu verdauen, bei mir zu landen. Das erfordert eine Menge Geduld. Auch wenn ich diese Erfahrung bereits in Ittingen vor zwei Jahren gemacht hatte, hat mich ihre Wucht wieder ganz schön umgehauen.

Ich habe in Maulbronn viele Bücher verschlungen. Unter anderem habe ich Hermann Hesse wiederentdeckt, der ja kurz Schüler im dortigen Klosterseminar war und keine glückliche Zeit verlebt hat (was sich in seinem Roman „Unter dem Rad“ nachlesen lässt). An einem Zitat von ihm bin ich hängen geblieben. Ich finde es sehr passend, auch wenn ich sonst lieber eigene Gedanken teile:

„Ich bin ein Neuer geworden, mir selbst noch ein Wunder, ruhend zugleich und tätig, empfangend und schenkend, ein Besitzer von Gütern, deren werteste ich vielleicht noch gar nicht kenne.“

(Hermann Hesse, Incipit vita nova)

Die Broschüre, die die Ludwig Seeburger Stiftung im Anschluss jeder Künstlerresidenz herausgibt, ist mittlerweile fertig gedruckt. Besonders schön war, dass ich dieses Büchlein selbst gestalten durfte. Bereits das Kreieren war eine schöne Erinnerung, und so ist die fertige Broschüre.

Ein schöner Presseartikel über die Abschlussausstellung in der Vaihinger Kreiszeitung

Die Zusammenfassung – aus meiner Broschüre

Auf Spurensuche nach der Stille in Maulbronn wollte ich mich begeben, spielt dieses Thema doch seit einigen Jahren eine zentrale Rolle in meinem künstlerischen Schaffen. Und um dieses Thema kreiste auch mein eingereichtes Projektvorhaben.

So bin ich losgelaufen: über Felder und Wiesen, vorbei an den alten Steinbrüchen und zum Roßweiher; durch die Weinberge und den Wald zum Aalkistensee. Ich habe die Nachbardörfer erkundet und – natürlich – das wundersame Kloster bestaunt. Ich habe festgestellt, dass der Hohenackersee eher ein Teich ist und der Tiefe See zurzeit ziemlich flach. Ich habe gelernt, dass es hier nicht nur roten, sondern auch gelben und grünlich-grauen Sandstein gibt. Ich bin taumelnden Schmetterlingen, schimmernden Libellen und einem neugierigen Dachs begegnet, habe Störche, Gänse und einen Reiher in ihrer Abendruhe gestört, während Ziegen und Kühe unbeeindruckt weiter an ihrer Mahlzeit kauten. Ich habe eine winzige Ringelnatter im Gras entdeckt und eine Baby-Fledermaus wieder nach draußen getragen. Ich habe die grafische Schönheit architektonischer Details bestaunt und an einem ganz anderen Ort, einem Lost Place mitten in Maulbronn, vor verschlossenen Türen gestanden.

Skizzieren in Maulbronn
Auf meinen Spaziergängen

Ich habe Schatten gesammelt, die zum Licht gehören wie Kreuze zu einem Kloster. Ich habe nach oben geblickt, immer wieder. Ich bin mit den fiedrigen Sommerwolken und drohenden Gewitterboten auf Reisen gegangen und habe manchmal auch nur das unendliche, ungestörte Blau des Sommerhimmels gesehen. Und wie schon so oft habe ich festgestellt, dass erst beim Innehalten die kleinen, leisen Dinge ihre Kraft entfalten. Dass nicht Unversehrtheit perfekt ist, sondern erst die Unregelmäßigkeiten, Abweichungen, Verletzungen zu individueller Schönheit führen. All diesen Spuren bin ich nachgegangen, habe Eindrücke gesammelt und kam abends randvoll mit Erinnerungen und Fotos zurück.

Die Ergebnisse durfte ich in einer Schlussausstellung zeigen: Mit einer druckgrafischen Serie habe ich mich mit den Ergebnissen der stillen Arbeit von Raupen, Schnecken und Käfern beschäftigt, die viele Blätter hier aussehen lassen wie einen Schweizer Käse. Die Hitze des Sommers ist in Malerei mit Rottönen transformiert, die eher an Landschaften in südlichen Gefilden erinnern; die Kühle von Wasser und Wald zeigt sich dagegen in Bildern in Blau- und Grüntönen. Und der Himmel taucht auf, manchmal ohne sonstige Verortungspunkte, manchmal die Landschaft überspannend. Mit dem Gefühl, mich hier sehr zuhause zu fühlen, habe ich an meiner ab­strakten Seite »Coming Home« weitergearbeitet. In meinen Skizzenbüchern finden sich vor allem flüchtige Eindrücke von Pflanzen und Steinen, in meinen Fotografien Impressionen von Licht und Schatten, Form und Linie und die Geometrie von Pflanzen und Klosterdecken.

Richtig still ist es weder im Kloster noch im Wald. Doch die Geräusche dort geben Energie, statt sie zu nehmen, und es ist die Abwesenheit von sonst allgegenwärtigem Lärm, die gefühlte Stille erzeugt. Entschleunigung und Staunen bringen zur Ruhe. Innehalten, Wahrnehmen, Verwandeln – das zeichnet nicht nur meine Zeit hier, sondern allgemein den künstlerischen Prozess aus. 

Es war eine erfüllte, intensive Zeit. Ich durfte meine Kunst weiterentwickeln. Und ich habe zwei Menschen kennengelernt, die mich liebevoll und empathisch begleitet haben, mit denen ich inspirierende Gespräche geführt habe und die mir viel Vertrauen geschenkt haben.

Ich sage von Herzen Dank für die Einladung der Ludwig Seeburger Stiftung. Diese Möglichkeit, mich zwei Monate lang auf mein künstlerisches Schaffen zu konzentrieren, war ein besonderes Geschenk, das mich mit großer Freude erfüllt. 

Blick in die Broschüre

Ich habe viel mehr mit nach Hause genommen als meine zahlreichen Bilder: das Vertrauen darauf, dass die Welt schön und wertvoll ist, dass es Menschen gibt, die sich kümmern und Gutes geben, ein dick gefülltes Paket mit Ideen und Impulsen und die erneute Erfahrung, dass meine Kunst Raum und Zeit braucht, um entstehen und wachsen zu können. Ich trage Maulbronn nun im Herzen.


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