Zärtlich staunen – ein Rückblick auf 2025

von | 23. Dezember 2025 | Ateliergeflüster

Zeichnungen von Federn

Die Berge sind sanft überzuckert, so wie die Weihnachtsplätzchen, die ich doch noch gebacken habe, bevor der Advent vorbei ist. Nun sitze ich am Tisch, draußen lichtet sich der zähe Frühwinternebel und die Sonne setzt die kargen Zweige des Gartens fast schüchtern in Szene. Nach weißer Weihnacht sieht es nicht aus, doch zumindest kehrt Ruhe ein.

Das Jahr war schneller vorbei als ich beim Doppelkopfspielen die Karten mischen kann (und das gelingt mir meist besser als zu gewinnen). Es ist vieles passiert. Viel Gutes, wofür ich dankbar bin, doch gleichzeitig so viel, dass ich atemlos oft das Durchschnaufen vergessen habe.

Trotzdem bin ich dankbar, sehr sogar. Dankbar für die Menschen, die mich begleitet haben, für Begegnungen, Gespräche und konstruktives Miteinander. Für meinen Mann, meinen Sohn, meine Freund:innen und Künstlerkolleg:innen. Für diejenigen, die an mich und meine Kunst glauben und/oder sich mit ihr im Alltag umgeben. Für Ausstellungen, Feste, Reisen. Für Aufträge und Feedback. Das Jahr war voll. Doch es war gut.

Ausstellung im Künstlerhaus Markt Oberdorf
Eine der zahlreichen Ausstellungen in 2025. Diese ist noch bis zum 11. Januar im Museum für zeitgenössische Kunst in Marktoberdorf zu sehen. Mein Werk hat danach sogar schon ein neues Zuhause.

Kreativität im Zeitalter von KI

Diejenigen, die meinen Newsletter abonniert haben, haben es vielleicht gemerkt: Mein Blog liegt seit Wochen im Winterschlaf. An Ideen mangelt es mir nicht, doch ich hatte wenig freie Stunden, die ich für die Recherche, Texterstellung und Bebilderung meiner Artikel gebraucht hätte. 

Zudem klaut mir das mit KI-Texten geflutete Internet die Motivation zum Schrei­ben. Wer braucht schon den hundertsten Text zu einem Thema, zumal dieser dann auch noch lang und komplex ist? Die Aufmerksamkeitsspanne der Leser:innen reicht oft gerade mal für die kurzen Einleitungen oder Zusammenfassungen, dann schlägt die Gier nach dem nächsten Dopaminkick zu. Dafür sind meine Texte wahrlich nicht geeignet. Ehrlich gesagt habe ich bisher noch keinen guten Weg gefunden, mit dieser Situation umzugehen.

Acrylbild blaue abstrakte Landschaft
Malen geht ganz ohne KI

In meinen Netzwerken und meine Studierenden nutzen alle KI – fürs Brainstorming, zur Rechtschreibprüfung, zur Recherche, als Ideengeber oder Sparringpartner, Konzeptinstrument bis hin zum Generieren von Text und Bild. 

Doch aus diversen Gründen weigere ich mich noch immer, KI einzusetzen, auch wenn ich mich damit klar als Dinosaurier oute: Will ich wirklich die gefräßigen Mäuler einiger weniger Tech-Firmen stopfen, deren Konten eh schon an gemästete Weihnachtsgänse erinnern? Mag ich die Ausbeutung von Promptern in Entwicklungsländern unterstützen, deren Arbeitsbedingungen an moderne Sklaverei erinnern? Will ich die millionenfache Urheberrechtsverletzungen ignorieren und gleichzeitig mit meinen Werken die KI trainieren? Möchte ich dazu beitragen, dass der Stromverbrauch für die KI unsere Klimaprobleme massiv verstärkt? Und, vielleicht die wichtigste Frage: Möchte ich mir den Prozess des Nachdenkens und der Kreativität als eine der Fähigkeiten, die den Menschen zum Menschen macht, von Algorithmen abnehmen lassen? Diese Fragen treiben mich seit zwei, drei Jahren um und legen ironischerweise immer mal wieder meine Kreativität lahm.

Ausstellungsansicht im Kloster Haslach
Ausstellungsansicht im ehemaligen Kloster Haslach

Ballen und Spreizen

Eine Freundin hat mir vor Jahren dieses anthroposophische Konzept beschrieben: der stete Wechsel zwischen einem „Nach-innen-Gehen“ und einem „Sich-der-Welt-Öffnen“. Beides ist nötig, um im Gleichgewicht zu sein. Die letzten Jahre habe ich viel in der Introversion in meinem Atelier verbracht, dieses Jahr 2025 stand wohl eher unter dem Motto der Bewegung nach außen. Ich habe gerade mal gezählt: dreizehn Ausstellungen regional und überregional, davon zwei Einzelausstellungen in Italien und im Schwarzwald und eine Ausstellung zu zweit. Und für das kommende Jahr sind bereits jetzt fünf Ausstellungen und ein Tag der Offenen Tür geplant.

Das ist ehrlich gesagt ein ganz schöner Kraftakt, besonders für die Einzelausstellungen: schon Wochen vorher Konzept und Planung der Hängung, Bilder rahmen, einpacken, hinfahren, aufhängen; am Schluss das gleiche Spiel rückwärts. Dazu das ganze Drumherum: Kommunikationsmaterialien, Pressearbeit, Preislisten, Werkschilder, Flyer. Je nachdem auch noch Vernissage vorbereiten, Rede schreiben, Aufsichten organisieren, alles auf die Webseite stellen und so einiges mehr. Ehrlich gesagt habe ich mir früher nicht vorstellen können, wieviel Arbeit das alles ist. Doch es gehört dazu, schließlich will die Kunst gesehen werden.

Blick auf den Lago Maggiore
Am Lago Maggiore im April

Was dabei allerdings manchmal zu kurz kommt, ist das kreative Schaffen selbst. Häufig muss ich mir dafür bewusst Zeiten freischaufeln und manchmal geht das nur, wenn ich mein Atelier temporär an einen anderen Ort verlagere. In diesem Jahr war ich dafür eine Woche in den Bergen beim Lago Maggiore und bei einer Künstlerkollegin in einer zum Atelier umgewidmeten ehemaligen Kirche bei Sulz am Neckar. Zudem habe ich nach längerer Zeit mal wieder zwei Weiterbildungen gemacht, um endlich die Grundlagen der Radiertechnik zu lernen. Im Herbst wollte ich darauf aufbauend zwei Vertiefungswochen als Einzelunterricht in der Nähe von Leipzig verbringen. Doch leider wurde dies gesundheitlichen Gründen abgesagt – ich bin nicht die Einzige, deren Rücken manchmal Stopp ruft… 

Die Wochen während bei meiner Ausstellung »Still und Froh« in Ligurien waren mit so vielen anderen Dingen vollgepackt, dass auch dort nicht viel Luft zum kreativen Schaffen blieb. Aber dafür war die Zeit dort auf vielen anderen Ebenen erfüllend. 

Dankbarkeit 

Während das gesamten Jahres und insbesondere während der letzten Wochen hatte ich unzählige tolle Rückmeldungen und bewegende Erlebnisse, sodass ich sehr, sehr dankbar bin. Ich bekomme gespiegelt, dass meine Kunst berührt, sie wird gekauft (mittlerweile sogar häufig online in meinem Shop), manchmal auch mehrere Werke von einer Person. 

Ich empfinde es immer wieder als ein kleines Wunder, dass Menschen sich mit meinen Bildern in ihrem Alltag umgeben. Ein Paar hat sich in eines der im Hotel hängenden Werke verguckt, weil es die Essenz ihrer neu gegründeten Firma spiegelt – und so ist es jetzt deren Leitbild und wird »sehr geliebt« (O-Ton). Ein älterer Herr erzählte mir bei einer Ausstellungseröffnung, dass ihn meine Bilder an das Gefühl erinnern, das er mit dem Bodensee verbindet (wo er 20 Jahre mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau gelebt hat). Eine Kundin schrieb mir, dass ihr mein Bild durch eine sehr schwere Zeit geholfen und sie immer wieder gestärkt hat. Ein italienisches Paar ist zweimal zu meiner Ausstellung in Bajardo gekommen (obwohl sie über 1,5 Stunden entfernt wohnen).

Oft bekomme ich Fotos geschickt von dem neuen Zuhause meiner Bilder. Und manchmal gibt es sogar Werke, für die ich von mehreren Menschen Anfragen bekomme. Das alles sind immer noch ganz spezielle Momente, in denen ich genau spüre, warum ich Künstlerin bin. Welch wunderbare Aufgabe, Schönes in die Welt zu geben!

Bis die Zeit reif ist: Radierung, Collage
Bis die Zeit reif ist (1) – eines der Werke, die nach meinen Radierkursen entstanden sind

Ganz aktuell (und hoffentlich Anfang Januar dann auch vertraglich fixiert): Als Reaktion auf meine Ausstellung im Schwarzwald habe ich das Angebot einer privaten Stiftung bekommen, dort im kommenden Jahr zwei Monate als Artist in Residence zu leben und zu arbeiten. Zu Beginn war ich überzeugt, dass diese Anfrage zu den Spam-Mails gehört, die ständig mein Postfach zum Überquellen bringen. Doch in der Zwischenzeit war ich zum Kennenlernen und zu einer Ortsbesichtigung dort und freue mich unbändig über diese wunderbare Möglichkeit. Nur mein Mann ist ein bisschen traurig, mich so lange entbehren zu müssen (behauptet er zumindest).

Auch sonst habe ich immer wieder Unterstützung und konstruktives Miteinander erlebt: Bei einer Umfrage in meinem Newsletter haben mir nicht nur Freunde, sondern auch Menschen Rückmeldungen gegeben, die ich nicht persönlich kenne. Unsere Zeit ist sehr kostbar, und es ist etwas Besonderes, diese geschenkt zu bekommen. In unserer Gruppe der Lindauer Kunstschaffenden haben wir wieder Etliches auf die Beine gestellt. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir gemeinsam etwas wuppen und damit auch zunehmend wahr- und ernstgenommen werden. Und meine aus einer Online-Weiterbildung während Corona entstandene Business-Gruppe besteht noch und es gibt auch hier immer wieder bereichernden Austausch und wunderbare Unterstützung.

Stille war eher selten, dann aber sehr willkommen.

Berufliches Außerdem

Nicht nur als Künstlerin, auch als Grafikdesignerin habe ich Wertschätzung erfahren. Projekte für das Kulturamt Lindau, die Touristinformation Wasserburg und das Kloster Sießen in Bad Saulgau waren in der ersten Jahreshälfte eine willkommene Abwechslung und eine andere Art der Kreativität. Zum Jahresende hatte ich den schönen Auftrag, einen Wandkalender mit meiner Kunst zu gestalten, der von dem Unternehmen an gute Kund:innen verteilt wurde. Zielorientiertes Arbeiten ist manchmal tatsächlich leichter als das ergebnisoffene freie Schaffen. Ein weiterer Vorteil: Man muss sein stilles Kämmerlein verlassen und sich auf einen Austausch einlassen. Nicht immer einfach, doch stets befruchtend. 

Ähnliches gilt für meine Arbeit mit den Studierenden an der DHBW: Ich lerne immer wieder dazu und freue mich über die jungen Menschen und ihre Ideen. Das Thema KI ist auch hier allgegenwärtig und es ist spannend zu sehen, wie die Hochschule damit umgeht.

Vorschaubild zum Portfolio 2025
Der Klick auf das Bild führt zu dem Portfolio auf meinem Youtube-Kanal.

Während der letzten Wochen habe ich im Rahmen eines Förderprogramms ein Coaching gemacht, um herauszufinden, wie ich besser von meiner Kunst leben kann. Währenddessen habe ich meine Webseite überarbeitet und ein neues Portfolio erstellt. Mich in meiner Vielfältigkeit zu beschränken, fällt mir extrem schwer. Aber ich habe mir überlegt, dass ich ja mein Schaffen nicht reduzieren muss, selbst wenn ich im ersten Moment nur mit einem Teil davon nach außen gehe. Mal schauen, ob die Schärfung auf einen Fokus etwas ändert. Zumindest habe ich mich mal wieder intensiv mit meinem Tun, meiner Motivation und meinen Zielen auseinandergesetzt. Sollte man in seinem Business sowieso regelmäßig machen.

Bereits im August habe ich endlich einen schon lange gehegten Traum umgesetzt: Ich habe einen Familienplaner als Wandkalender mit meiner Kunst kreiert. Die kleine Auflage hat sich tatsächlich komplett verkauft, ein paar Exemplare habe ich verschenkt. Das macht mich froh und auch ein bisschen stolz, hatten doch verschiedene lokale Buchhandlungen, die ich wegen des Vertriebs gefragt hatte, müde abgewinkt.

Acrylgemälde Schweben 60x80
Und so etwas kann daraus entstehen
(Schweben 1)

Und sonst

Auch privat war viel Bewegung. Es gab etliche kurze oder längere Reisen – gemeinsam mit meinem Mann oder allein. Meist habe ich versucht, Berufliches wie Ausstellungstätigkeiten und Museumsbesuche mit privaten Besuchen zu koppeln.

Anfang des Jahres ging es Richtung München zu einem Frühstück im Bergson. Auch Aachen, Neuss und Düsseldorf sowie ein Kurztrip nach St. Anton im Arlberg standen auf dem Programm. Über Ostern waren wir in Paris, im Mai eine Woche am Wasser in der Nähe von Amsterdam (u. a. mit einem Besuch der Vincent-Van-Gogh- und Anselm-Kiefer-Ausstellung), gefolgt von einem Fest bei Freunden bei Münster. Im Sommer haben wir in Kolbermoor Markus Lüpertz und seiner Band beim Jazzspielen zugehört. Nach meiner Ausstellung in Bajardo haben wir noch zwei Wochen Urlaub in Finale Ligure angehängt.

Im Oktober ging es nach Wien. Dadurch dass der geplante Radierkurs im November ausgefallen ist, konnte ich mir spontan die Art Cologne anschauen; in den letzten Wochen standen dann noch Mainz und Wiesbaden, Kelkheim und die schöne Stadtgalerie in Bietigheim-Bissingen mit der Wolkenausstellung (die vorher in Emden zu sehen war) auf dem Programm. Wenn es nach mir ginge, könnte ich mindestens einmal im Monat ein Stadt bereisen und ihre Kunst und Kultur kennenlernen.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, über alle Ausstellungsbesuche zu schreiben, doch es ist mir nicht gelungen, die Zeit dafür freizuschaufeln.

Foto vom Bodensee mit Blick auf die Insel beim Sonnenuntergang

Fazit

Das Jahr war gefüllt. Reisen, Begegnungen, Gespräche. Eindrücke und Unerwartetes. Wertschätzung und Wundervolles. Staunen und Berührung. Ein bisschen mehr Stille hätte mir manchmal gut getan. Ich schaue dankbar zurück und voller Spannung nach vorn.

PS: Hier im Archiv findet sich ein Überblick über meine Ausstellungen und Aktivitäten im letzten Jahr – uff…


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4 Kommentare

  1. liebe Dagmar Reiche,
    wie gerne habe ich Ihren Rückblick gelesen! Ja, gut, dass KI da keine Rolle spielen kann, denn das ist persönlich und einzigartig. Und ja, die Stille und die Zärtlichkeit – beides sehe ich vereint in vielen Ihrer Werke. Und beides sind so wichtige, Kraft und Ruhe spendende Dinge, die wir in unserer Zeit so nötig haben. Ach ja, und die Wolkenausstellung in Bietigheim-Bissingen – ich habe sich auch besucht und bewundert. Denn ich war im letzten Jahr so fasziniert von der unglaublichen Vielfalt der Wolken, dass ich mich auch malerisch damit versucht habe. Sehr schwer, wie ich festgestellt habe. Vielen Dank auch für den Hinweis auf das GEDOK-Jubiläum in Reutlingen. Ich wohne nicht weit davon entfernt, in Rottenburg am Neckar, und habe vor, zur Vernissage zu kommen. Vielleicht sehen wir uns da? Ich würde mich freuen, Ihnen auch persönlich zu begegnen.
    Herzliche Grüße und gute Wünsche für 2026

    Antworten
    • Liebe Frau Ute Wagner-Zavaglia, alles Gute fürs noch frische neue Jahr. Danke, dass Sie sich Zeit für Ihren Kommentar genommen haben (und solch einen netten noch dazu)! Toll, dass Sie auch die Ausstellung in Reutlingen anschauen wollen. Ich bin auf jeden Fall am 25. von 11 bis 14 Uhr vor Ort (da habe ich Aufsicht), zur Vernissage versuche ich es, weiß aber noch nicht sicher, ob ich es schaffe. Ich würde mich sehr über ein Kennenlernen freuen.
      Einen schönen Sonntag, Dagmar Reiche

      Antworten
  2. Liebe Dagmar,
    wenn ich lese, was du alles in 2025 erlebt hast UND was du daraus Neues erschaffst – sei es mit Farben, Formen oder Worten, dann stehe ich staunend da; freue mich immens dich zu kennen und mich von dir berühren und inspirieren zu lassen.
    Danke für deinen Blick auf die Welt

    Antworten
    • Liebe Carmen, hab von ganzem Herzem Dank für deinen liebevollen Kommentar. Auch dafür ist mein Jahresrückblick gut: Mir auch mal selbst auf die Schulter zu klopfen und zu sagen „Hast du ganz gut gemacht, liebe Dagmar“. Bevor das Impostor-Syndrom wieder zuschlägt 🤣😂
      Ich freue mich auch, dich zu kennen, du bist eine stete Bereicherung 😊

      Antworten

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