Das erste Mal – die kreative Frische des Neuen

von | 27. Dezember 2023 | Ateliergeflüster

Ausschnitt aus Monotypie "Das Geheimnis", Titelbild zum Blogartikel "Das erste Mal"

Anfang des Jahres ist mein Sohn volljährig geworden. Zum Geburtstag habe ich ihm ein Buch geschenkt – selbst zusammengestellt und gestaltet aus den Erinnerungen, Fotos und Fundstücken der vergangenen achtzehn Jahre sowie Gedanken und Geschichten von Freunden und Familie aus der Jetztzeit. Beim Sortieren zum Jahresende habe ich dieses Buch gestern noch einmal in den Händen gehalten, es durchgeblättert und mich wieder darüber gefreut. Was mir aufgefallen ist: wie oft darin „das erste Mal“ vorkommt.

Der erste Schrei, das erste Lächeln, das erste Krabbeln, Aufrichten und Laufen. Das erste Wort, der erste Schultag, der erste Kuss – einige wenige von zahllosen ersten Malen im Verlauf des Erwachsenwerdens. Die Kindheit und Jugend scheint damit gespickt zu sein, das ist mir jetzt im Rückblick so richtig klar geworden.

Gerade für die Kleinen ist die Welt ein Ort der Wunder und des stetigen Staunens. So vieles ist neu, ungewohnt. Manchmal vielleicht auch beängstigend. Doch mit einem Grundvertrauen, dass Gutes wartet, stürzen sich die Kinder immer wieder in diese Abenteuer. Und das Beste: Sie lassen sich nicht entmutigen, stehen wieder auf, auch wenn sie zigmal auf den Hosenboden fallen beim Versuch, sich in der Senkrechten zu halten.

Morgengruß: Acrylbild auf Papier
„Morgengruß“ – jeden Morgen begrüßen die Vögel den Tag, als gäbe es keinen davor und danach.

Der Zauber des Unbekannten

Das ist etwa, was wir „Großen“ von den Kleinen lernen können: Auf das Wunder des Neuen, des ersten Mals zu vertrauen. Das Unbekannte willkommen zu heißen, darüber zu staunen und sich darauf einlassen – mit Neugier und dem Willen, es zu meistern.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich ertappe mich immer mal wieder bei dem Gedanken „ach ja, das kenne ich schon“, gepaart mit einer wegwerfenden Handbewegung oder einem arroganten, selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Das ist vermutlich eng verwandt mit dem „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder gar „Früher war alles besser“. Was ist die Folge? Stillstand, Erstarren. Wenn eh alles bereits bekannt ist, lasse ich mich nicht darauf ein, es mir noch einmal genauer anzusehen, andere Blickwinkel zu entdecken. Oder zu versuchen, etwas mit dem unverbrauchten Blick eines Menschen zu sehen, der es zum ersten Mal anschaut oder probiert.

Umgekehrt gilt: Sobald ich versuche, etwas so anzuschauen, als sehe ich es zum ersten Mal, beginnt etwas Wundersames. Ich entdecke Details, die ich noch nie gesehen habe. Ich finde Dinge wieder, die ganz vergessen waren, weil ich sie bereits in die Schubladen meines Hirns geräumt hatte. Ich staune. Ich stelle fest, dass manche meiner Ansichten einseitig sind, dass ich einen Tunnelblick habe oder sehr festgefahren bin. Dass ich versäumt habe, meine Meinungen immer mal wieder auf den Prüfstand zu stellen, sie auch im Hinblick darauf zu überprüfen, ob sie den Änderungen der Umgebung und der Zeit gerecht werden. Ich bin nicht Gott, nicht allwissend. Warum also sollte ich etwas abtun mit „das weiß ich eh schon“?

Wer sich wundert, kennt die Tiefe nicht" Acrylgemälde auf Leinwand
Bilder immer wieder aufs Neue anschauen, als sähe man sie zum ersten Mal. Und dabei Neues entdecken („Wer sich wundert, kennt die Tiefe nicht (1)“)

„Erste Male“ sind Teil des Lebens

Erinnern Sie sich an eine Situation im Leben, in der Sie etwas Schönes zum ersten Mal erlebt oder bewältigt haben? An die Freude, den Stolz, das Erstaunen? Oder, falls Sie Kinder haben, wie diese etwas zum ersten Mal kennengelernt oder geschafft haben? Bei mir sind das beispielsweise das erste bewusst erlebte Weihnachtsfest meines Kindes, seine großen Augen als die Glocke läutete, sich die Tür öffnete und den Blick auf einen von Lichtern übersäten Weihnachtsbaum freigab. Und sein Gesichtsausdruck, als er mit knapp einem Jahr zum allerersten Mal ein kleines Stück Schokoladenkuchen im Mund hatte. Sein Strahlen, als er die ersten Schritte ohne Hilfe bewältigt hatte – sein Stolz darüber war sicher nicht kleiner als meiner als Mutter.

Manchmal ist das erste Male auch das letzte Mal. So wie mein Bungie-Sprung vor vielen Jahren, der etwa ein Jahrzehnt auf meiner Want-To-Do-Liste stand. Im Moment des Springen fragte ich mich, warum ich das tue, das ausgeschüttete Adrenalin reichte nicht aus, um unten dann euphorisch direkt den nächsten Sprung zu buchen (wie es viele andere taten). Stattdessen war ich froh, es abgehakt zu haben und nie wieder tun zu müssen. Doch was wäre passiert, wenn ich es nicht probiert hätte? Vermutlich würde ich noch heute denken, ich sollte endlich mal diesen Punkt von meiner Liste erledigen.

Gewaltig - die ersten drei Tage der Schöpfungsgeschichte
„Gewaltig“ – so heißt meine Serie zu den ersten drei Tagen der Schöpfungsgeschichte. Auch ganz viele „Erste Male“.

Das erste Mal in der Kunst

Wie so häufig stelle ich fest, dass Kunst zu schaffen und das Leben zu gestalten viele Gemeinsamkeiten haben. In meiner Malerei entwickle ich mich nur dann weiter, wenn ich Dinge immer wieder neu, anders angehe. Wenn ich experimentiere und nicht nur das kreiere, was ich schon kann, worin ich mich sicher fühle. Sondern mich darauf einlasse, etwas zum ersten Mal zu probieren, sogar auf die Gefahr hin, hinzufallen: 

Ein neues Material regiert anders als ich mir vorgestellt habe? Eine ungewohnte Farbkombination wirkt kühl und abweisend, obwohl ich auf der Suche nach Energie und Kraft war? Der neue Acrylstift schmiert ganz schrecklich, statt eine klar definierte Linie zu erzeugen? Na und? Vielleicht sind in diesen zunächst unerwünschten Erfahrungen Erkenntnisse enthalten. Vielleicht ist „anders als erwartet“ nicht schlechter, sondern eröffnet neue Möglichkeiten. Vielleicht kreiert das Verschmieren der Linie ganz neue Farbverläufe, auf die ich sonst nicht gekommen wäre oder die Farbkombination kann ich in mein Repertoire aufnehmen, falls mir mal der Sinn nach Kühle steht. 

Enttäuschung über ein Ergebnis bedeutet immer, dass ich bereits ein bestimmtes Ziel vor Augen habe. Lege ich das ab, kann ich mich über das erste Mal freuen, über den Prozess mit seinen ungewohnten Ergebnissen staunen, mich mit ganz offenem Blick auf das Geschehen einlassen und immer wieder neue Geheimnisse entdecken.

Mit offenem Blick durch die Welt spazieren, um immer wieder Neues zu entdecken (Ausschnitt aus „Herbstspaziergang (1)“)

Fazit

Scheitern kann ich nur dann, wenn ich ein genaues Ziel umreiße und dieses dann nicht erreiche. Gehe ich das Malen und das Leben dagegen mit dem neugierigen Blick des „Ersten Mals“ an, halte ich mir den Weg offen, das Sammeln von Erfahrungen als den Erfolg zu werten. Ja, es ist ein Spagat: Je mehr Erfahrungen wir im Laufe unseres Lebens machen, desto schwieriger wird es vermutlich, diese beim nächsten Mal beiseite zu legen, um unvoreingenommen auf Menschen und Situationen zuzugehen. Ich finde aber, es lohnt sich. Oder wollen Sie Ihren ersten Kuss missen (selbst wenn er anders war als erwartet)?

PS: Wenige Tage nach dem Schreiben dieses Artikels hab ich eine Biografie über Alberto Giacometti gelesen und danach einen Film über ihn gesehen. Über dieses Zitat von ihm bin ich gestolpert:

„Wenn ich etwas sehe und ich finde es wunderbar, habe ich Lust, es zu machen. Ob es gelingt oder nicht, ist zweitrangig, nicht wahr? Für mich ist es immer ein Weiterkommen. Ob ich scheitere oder nur ein bisschen weiterkomme, für mich ist es immer ein Gewinn.“ (Alberto Giacometti – Meister des Blickes (Porträt 2015); Ein Film von Charles de Lartigue)


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Tschüss Blockade, hallo Kreativität

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4 Kommentare

  1. Liebe Dagmar,
    so schöne Anregungen, denn ich finde das Staunen in der Welt ist leider viel weniger geworden. Kinder hören früher auf zu staunen, das ist so mein Eindruck und wir Erwachsenen…
    Ich nehme deine Idee auf, Dinge, die nicht so laufen, wie ich sie gewollt habe, aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Danke dir für die vielen Bereicherungen in diesem Jahr.
    Liebe Grüße Carmen

    Antworten
    • Liebe Carmen,
      wie schön, dass ich dir Impulse zu geben vermag, wo du selbst doch solch eine Impulsgeberin bist.
      Komm gut ins neue Jahr! Liebe Grüße, Dagmar

      Antworten
  2. Liebe Dagmar,

    vielen Dank für Deine inspirierenden Zeilen. Sie strahlen immer so eine Ruhe aus.
    Ich bin immer berührt von Deinen Gedanken und Überlegungen.

    Bleib gesund
    und ich wünsche Dir ein gutes, neues Jahr mit vielen neuen Blickwinkeln.

    Herzlichst,

    Susanne

    Antworten
    • Liebe Susanne,
      oh, wie schön, das tut gut zu lesen. Ich freue mich, wenn ich mit meinen Gedanken andere Menschen erreiche. Auch dir ein wunderbares neues Jahr!!!
      Dagmar

      Antworten

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