70 Dinge über mich, die ich Ihnen vielleicht bei einem Treffen erzählen würde

von | 15. Januar 2022 | Ateliergeflüster

kunstreiche Ateliergefluester 70 Dinge ueber mich

Am Anfang dachte ich: „50 Dinge, wie soll ich die bloß zusammenbekommen?“ Am Schluss musste ich streichen, um auf 70 zu kürzen. Über viele dieser Erlebnisse habe ich lange nicht mehr gesprochen, zum Teil musste ich ganz schön in meinem Kopf buddeln, um die Schätze zu heben. Doch es hat Spaß gemacht, mich daran zu erinnern.

1. Mein erstes Bild habe ich an meinen Deutschlehrer verkauft, in der 11. Klasse. Eine Röhnlandschaft, gemalt mit Dispersionsfarben auf Pressholz. Ich mochte es so sehr, dass ich mich nicht davon trennen wollte. Also habe ich es kurzerhand ein zweites Mal gemalt und ihm diese Kopie verkauft (natürlich, ohne es ihm zu sagen). 50 D-Mark habe ich dafür bekommen – damals eine riesige Summe für mich.

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Mein erstes verkauftes Bild 1984

2. Meine Lieblingsspiele als Kind waren Gummitwist, Kreiseln (mit einer selbstgebauten Peitsche – wichtig war die richtige Schnur!) und Rollschuhfahren. Außerdem Poesiealbum-Bildchen tauschen. Ich lebte in der ehemaligen DDR und hatte West-Verwandte – und damit oft Bilder mit Glanzpapier und Glitter. Eine Währung, mit der ich immer Krösus war!

3. Ich habe als Kind ein Notizbuch mit Reimen angelegt, eine Art Reimlexikon. Dort konnte ich nachschlagen, wenn ich Gedichte fabriziert habe und mir nichts Passendes eingefallen ist.

4. Ich sollte auf eine Russischschule – meine Eltern waren dagegen. Schließlich wollten sie aus der DDR ausreisen.

5. Ich war Schlüsselkind, kam also nach der Schule nach Hause, während meine Eltern noch arbeiten waren. Streng untersagt war, andere Kinder mit heim zu bringen, wenn keiner sonst da war. Ich war ein sehr braves Kind. Eigentlich. Einmal allerdings hat mich meine Mutter erwischt, als ich gleich gegen mehrere Regeln verstoßen hatte, ich muss so 7 Jahre alt gewesen sein. Sie kam unerwartet schon mittags heim. Meine beste Freundin und ich hatten es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht, die kostbare Stereoanlage meines Vaters aufgedreht und bemalten Kreisel. Das Schlimmste: Wir hatten uns an der Flasche des selbst gemachten Eierlikörs bedient. Meine Mutter war alles andere als erfreut.

6. Wir haben in einer Plattenbausiedlung gelebt und ich habe ganz viel draußen in den Innenhöfen gespielt. Ein Auge hatte ich immer auf die Einkaufsnetze der Menschen. Gab es etwas Ungewöhnliches zu kaufen, klingelte ich, flitzte in den 5. Stock und meine Mutter gab mir Geld, damit ich mich in der Kaufhalle anstellen und mit etwas Glück den Schatz ergattern konnte. Einmal gab es Wassermelonen. Da keiner zu Hause war, plünderte ich mein Sparschwein um 5 Mark und kam wirklich mit einer großen Melone nach Hause. Ich freute mich den ganzen Nachmittag drauf, sie endlich anschneiden zu dürfen. Abends stellen wir fest, dass sie innen schon faul war. 

7. Meine schlechtesten Fächer in der Grundschulzeit: Kunst und Betragen. Ich habe im Unterricht zu viel geschwatzt.

Hat schon viel erlebt: mein Räuchermännchen

8. Ich habe einmal einen Aufsatz über ein Räuchermännchen geschrieben, das zur Weihnachtszeit heute noch auf unserem Fensterbrett steht. Anmerkung der Lehrerin „Dagmar, zeichne beim nächsten Mal selbst“. Meine Mutter hatte die Illustration dazu gemacht.

9. Das erste Buch, was ich mir mit sechs oder sieben Jahren vom Taschengeld gekauft habe, ist eines über Schach. Ich habe durchaus ein paar Mal reingeschaut. Aber geholfen hat es nichts. Das Buch habe ich tatsächlich noch.

Mein erstes vom Taschengeld erworbene Buch

10. Wir hatten in Dresden eine Fahrbücherei, die einmal die Woche zu uns kam. Mein Lieblingsbuch war der „Kleine Hobbit“, das habe ich unzählige Male gelesen. Nach unserer Ausreise hatte ich vergessen, wie Buch und Autor hießen. Ich weiß noch, wie elektrisiert ich auf der vielleicht 14. Geburtstagsfeier einer Freundin war, die eine Taschenbuchausgabe davon geschenkt bekommen hatte. Darauf war die Abbildung eines Hobbits mit seinen behaarten Füßen. Und mein Herz begann zu klopfen.

11. Mit neun oder zehn habe ich eine Gitarre geschenkt bekommen, zusammen mit Gitarrenunterricht. Dabei wollte ich viel lieber Saxophon lernen. Die Gitarre habe ich viele Jahre später auf den Sperrmüll gebracht. Ich hatte mich nie so richtig mit ihr angefreundet.

12. Jahrzehnte später habe ich Saxophonunterricht genommen. Bis „Happy Birthday“ habe ich es geschafft. Dann musste ich aufhören, weil mir erstens mein Handgelenk wehtat (wegen eines Knochensplitters, als Überbleibsel eines Handgelenkbruchs im Kindesalter) und ich zweitens keine Zeit mehr hatte, weil ich mit einem Designstudium begonnen hatte.

13. Mit 18 hatte ich eine Bucket List, was ich in meinem Leben unbedingt tun will. Darauf stand: Fallschirmspringen, Motorradfahren, Bungee Jumping. Erstes habe ich noch nicht geschafft, zweites schon, allerdings mit Folgen, drittes ja und ohne Folgen – in Neuseeland, 1998. Irgendwo gibt es davon noch ein Beweisvideo.

14. Mein Abitur habe ich im Krankenhaus gemacht. Ich hatte einen Motorradunfall, kurz vor dem letzten Schultag. Meine Lehrer haben für mich extra neue Prüfungsfragen beim Kultusministerium eingereicht. Das Thema „Abi im Krankenhaus“ war in der Sauregurkenzeit spannend genug, dass darüber in zahlreichen Lokalzeitungen berichtet wurde. Sogar das überregionale Radio brachte es – ein Interview mit SWF3 (heute SWR3), DEM Sender meiner Jugend! Ich weiß sogar noch, welches Lied in der Pause gespielt wurde: „Walking on sunshine“ von Katrina and the Waves. Meine kleine Schwester war total neidisch.

15. Ich habe Medizin studiert, weil mir nichts Besseres eingefallen war. Am liebsten hätte ich Kunst und/oder Design studiert, aber „damit kann man ja nichts werden“. Das Studium hat mir sogar Spaß gemacht, ich konnte mir nur nie so richtig vorstellen, als Ärztin zu arbeiten.

16. Meine erste Stelle nach dem Studium war in einem Krankenhaus in Wales. Ich hatte keine Ahnung von Medizin, mein Englisch war eine Katastrophe und ich bin nur nach Großbritannien gegangen, weil ich in Deutschland keinen der begehrten Arbeitsplätze als AiP (= Arzt im Praktikum) ergattert hatte. Als ich dort nachts ankam, sprach der Pförtner mit einem starken walisischen Einschlag. Ich verstand kein Wort. Heute kann ich nicht mehr glauben, wie mutig ich war.

17. Mein Vorstellungsgespräch für diese Stelle war am Telefon. Das Wörterbuch lag daneben und ich habe eigentlich nichts verstanden außer, dass es viele Deutsche dort gibt und ich doch mit einem von denen telefonieren könne. Das habe ich dann auch getan. So wusste ich wenigstens ein bisschen, was mich erwartet.

18. Meine Schwester und Freunde hatten mir am Abend vor meiner „Auswanderung“ ein Überraschungsabschiedsfest organisiert. Mit englischen Speisen und Getränken. Es fand allerdings in meiner Wohnung statt – die letzten Gästen feierten noch, als ich schon müde im Bett lag, um fit für meine Reise zu sein. Die Flasche Erinnerungssekt, die ich von einer Freundin geschenkt bekommen hatte, um sie am ersten Abend in Großbritannien zu öffnen, begleitete stattdessen die letzten Gäste auf ihrem Heimweg.

19. Ich hatte in Wales eine irische Mitbewohnerin, Rachel. Sie hatte kurz vorher in Frankreich Urlaub gemacht und regte sich furchtbar über die Männer auf, die dort an der Straße einfach so in den Graben pinkeln.

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Aquarell, das in Wales entstanden ist

20. Weihnachten in Wales lernte ich eine witzige Tradition kennen. Statt Krippenspiel gab es eine Weihnachtsgeschichte, gespickt mit Bezügen zur lokalen Politik. Wichtigstes Feature: Die Frauenrollen wurden von Männern besetzt – und umgekehrt.

21. Im Flughafen London Heathrow war ich einmal gestrandet, weil der Zug von Wales wegen eines Unwetters durch einen Bus ersetzt worden und der letzte Flieger nach Düsseldorf bereits weg war. Ein Hotel konnte ich mir nicht leisten, also versuchte ich auf einer Bank zu übernachten. Ich hätte nie gedacht, dass Flughäfen nachts so laut sind. Glücklicherweise war die Überraschungsparty zum Geburtstag meiner Schwester erst am Abend drauf.

22. Bei meiner nächsten Stelle in Bedford wohnte ich mit anderen Ärzten in einem Häuschen, was wiederum Teil einer ganzen Straße war, in der nur WGs von Jungärzten untergebracht waren. Unser Haus war das erste in der Reihe, direkt hinter dem Leichenschauhaus (morgue). Mit einem kleinen Garten, in dem wir viele Feste gefeiert haben.

23. Einige Monate nachdem ich wieder zurück in Deutschland war, habe ich Bedford nochmal einen Besuch abgestattet. Sogar mein Chef war zum Ehemaligen-Treffen im Pub. Er hatte meine Kollegin Diane und mich immer als Dynamic Duo bezeichnet. 

24. In der Reha-Klinik, in der ich dann eine Zeitlang in der Orthopädie arbeitete, hatte ich zwei Kolleginnen, mit denen ich noch heute eng befreundet bin. In der Mittagspause der Patienten waren wir entweder in deren Fitnessraum oder auf der Sonnenterrasse. Danach haben wir uns vor der Kaffeemaschine in meinem Arztzimmer getroffen und noch eine Tasse zusammen getrunken. Und abends habe ich öfters mit den Physiotherapeuten Billard gespielt.

25. In meinem zweiten Berufsleben als Textfrau habe ich viel geschrieben: Ich bin Autorin in rund 30 Büchern, die meisten davon im Bereich Medizin und Gesundheit. Sieben davon habe ich komplett verfasst. Dazu habe ich viele weitere Bücher lektoriert und redigiert, Konzepte erstellt, zahllose Online-Artikel geschrieben, z.B. für www.gesundheit.de. Manche davon findet man noch heute, obwohl diese Tätigkeit nun doch schon etliche Jahre zurückliegt.

Aus meinem Leben als Autorin, alle zu finden auf www.textreiche.de

26. Seit 2000 entwerfe ich jedes Jahr eine eigene Weihnachtskarte für meine Freunde und Familie – mal mehr, mal weniger gelungen. Seit 2007 schreibe ich dazu einen Weihnachtsbrief. Ich freue mich jedes Jahr, nochmal durch diese zu stöbern und in Erinnerungen zu schwelgen. Running Gag, fast von Anfang an: ein kurzer Abschnitt über unsere Wollmäuse.

27. Ich habe 2002 eine Kriminalkurzgeschichte verfasst, die auch in einer Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht wurde („Bayerisches Mordkompott“).

28. Diese Kurzgeschichte war für meine erste (und einzige) Lesung verantwortlich. In einer Kneipe in München, zusammen mit zwei anderen Autoren. Einer davon, Martin Arz, hatte eine Geschichte geschrieben, in der blaue Würste vorkamen. Er schreibt noch immer – und das sogar recht erfolgreich.

29. Ich habe schon viele Gedichte verfasst. Eines davon mit dem Titel „Ferien“ wurde sogar in einer Anthologie von rund 50 Kindheitsgedichten veröffentlicht („Ein Teddy aus alten Tagen“), die aus etwa 800 Einsendungen mit rund 2.000 Texten ausgewählt wurden. Kurze Zeit habe ich mich als „echte Lyrikerin“ gefühlt. Hat allerdings nicht lange gehalten.

30. Mein erstes Buch als Projektmanagerin im Medizinverlag, noch als Volontärin: der Brockhaus Gesundheit für das Bibliographische Institut. Wir haben ihn damals komplett neu aufgesetzt. Ein Wahnsinnsprojekt. Heute gibt es Wikipedia.

31. Einer meiner damaligen Geschäftsführer hat mich eingeladen, auf der Buchmesse Frankfurt an einer von der ZEIT organisierten Gesprächsrunde teilzunehmen. Es ging um (neue) Berufsfelder im Verlagswesen, glaube ich. Ich leitete damals ein Pionierprojekt in der neu gegründeten Online-Abteilung des Verlages.

32. Zwei bis drei Jahre lang hatten wir im Medizinverlag eine AG Kunst, mit der wir Ausstellungen im Verlagshaus organisierten. Mein erste Tätigkeit als Kuratorin. Mit dem Wechsel der Geschäftsführung wurde das Geld dafür gestrichen.

33. Ich habe schon zahlreiche Kurse im Aktzeichnen belegt. Einmal wollte ein Student, der auf der gleichen Wohnheims-Etage wie mein Freund wohnte, mir unbedingt Modell stehen. Ich habe abgelehnt, das war mir doch nicht ganz geheuer.

34. Ich zeichne sehr viel nebenher, häufig Köpfe. Manchmal bis zu 20 am Tag. Ich habe schon einen riesigen Stapel mit meinen Skizzen. Ein paar davon kleben in Leporellos, aus anderen habe ich ein Mobile gebaut, das in einer Ausstellung hing, wieder andere nehme ich als Grundlage für Mixed-Media-Arbeiten.

Aus meinem Skizzenbuch – die eine Hand fleißig, während die andere gelangweilt daneben liegt

35. Meinen ersten Internetzugang hatte ich, kurz nachdem ich aus England zurück war – ein Weihnachtsgeschenk meines Freundes, ich glaube 1996 oder 1997. Erinnert sich noch jemand an die Tonfolge, wenn man sich damals über das Modem eingeloggt hat? Dann konnte man auch nicht mehr parallel telefonieren. Mein Provider war AOL. Ich war verblüfft, was prinzipiell geht, aber die Ladezeiten waren unglaublich lang. Und das Angebot wiederum so begrenzt, dass ich damals wirklich nicht wusste, was mir das Ganze bringen soll.
Übrigens: Wer den 56k-Modem-Klang nicht mehr kennt oder nochmal in Erinnerungen schwelgen will, der gucke/höre hier auf youtube.

36. Meine erste Webseite habe ich 2004 gebaut, in dem Jahr, in dem ich mich selbstständig gemacht habe. Damals machte man das noch mit Tabellen. Auf blinkende gifs habe ich auch damals verzichtet. Reste der Seite gibt es noch heute (www.sprachquadrat.de).

37. Kennt eigentlich noch jemand RSS-Feeds? Gibt’s die überhaupt noch? Es gab Jahre, so um 2010 herum, da hatte ich unzählige abonniert. Und war immer gestresst, weil ich es nicht geschafft habe, all die spannenden Informationen zu lesen. Wo ist eigentlich der Unterschied zu Newslettern?

38. Meine Lieblingsspeisen als Kind: Hefeklöße mit Pflaumenkompott, Holundersuppe, Kartoffelbrei mit Spinat und Spiegelei. Meine Lieblingsessen heute: Dampfnudeln mit Vanillesoße, Kartoffelbrei mit Spinat und Spiegelei. Holundersuppe gibt es leider nicht mehr, die hat immer meine Mutter gekocht.

39. Als Kind wollte ich wissen, ob es stimmt, dass Salzwasser zum Erbrechen führt. Meine fast 9 Jahre jüngere Schwester kam gerade recht als Probandin für mein Experiment. Sie hat nach dem ersten Schluck nicht mehr mitgemacht. Ich hatte ihr erzählt, es sei leckere Limonade.

40. Ich bin oft mit meinen Eltern Pilze sammeln gegangen. Meine drei Lieblingspilze: Der Parasolpilz – den kann man panieren und wie ein Schnitzel braten. Der Ziegenbart wegen seiner interessanten Form und seinem tollen Orangegelb, auch wenn er eher unbekömmlich ist. Und der Violette Rötelritterling wegen seines Namens und der coolen Farbe (und er ist sogar lecker). 

41. Ein Adventskalendereintrag von Eva Dragosits hat mich daran erinnert, dass ich als Kind genau wie meine Mutter ganz oft vierblättrige Kleeblätter gefunden habe. Noch Jahre später lagen getrocknete Exemplare zwischen den Seiten meiner Bücher. Mein letztes vierblättriges Kleeblatt habe ich im vergangenen Jahr in Ligurien entdeckt.

42. Mein erstes Buch mit beweglichen Elementen habe ich in der Grundschule fabriziert. Ich habe das Bilderbuch „Wie Mauz und Hoppel Freunde wurden“ von Werner Klemke genommen, nachgemalt und mit beweglichen Laschen versehen. Dann habe ich viele Jahre lang vergessen, dass ich Pop-up-Bücher mag.

43. Meine Masterarbeit in meinem Studium Intermedia hatte Pop-up-Bücher zum Thema. Fast 40 Jahre später…

Präsentation meiner Masterarbeit bei der Abschlussprüfung.
Direkt danach habe ich meine Webseite designreiche aufgesetzt

44. Mein erstes Projekt für ein Pop-up-Buch nach dem Studium war ein Ausstellungskatalog für Wael Shawy. Auftraggeber war das Kunsthaus Bregenz.

45. Ich hatte das Redaktionsteam eingeladen, um ihnen meine Pop-up-Buch-Sammlung zu zeigen. Es kamen: die Leiterin der Publikationsabteilung, ihre Mitarbeiterin – und der Direktor. Die Herrin über die Publikationen und der Chef des Kunsthaus Bregenz! An unserem Küchentisch, Apfelkuchen essend. Ich finde das irgendwie heute noch skurril.

46. Der kreierte Ausstellungskatalog hat insgesamt 6 internationale Designpreise bekommen, war auf der Longlist der schönsten deutschen Bücher und wurde in mehreren Presseartikeln vorgestellt. Nach wie vor ein Wunder.

47. Auch mit der Künstlerin Miriam Cahn habe ich schon an einem Tisch gesessen. Für die Planung ihres Ausstellungskatalogs. Ich hatte ein bisschen Bammel vor dem Treffen – angeblich hat sie Haare auf den Zähnen und ist zudem selbst gelernte Grafikerin. Ich fand sie total sympathisch. Und sie mochte den entstandenen Katalog.

Doppelseite aus dem Ausstellungskatalog – Miriam Cahn beim Aufhängen im Kunsthaus Bregenz

48. Bisher habe ich mit meinen Buchprojekten insgesamt 15 Design-Awards erhalten, zweimal stand ich auf der Longlist der Schönsten Deutschen Bücher. Das kommt mir völlig unwirklich vor.

49. Ich besitze unzählige Bücher. 2.000, 3.000? Allein meine Pop-up-Buch-Sammlung umfasst rund 200 Exemplare, einige davon richtige Altertümchen.

Zwischen Büchern: vor der Pop-up-Buch-Sammlung mit einem besonders geliebten Exemplar

50. Schon als Kind war ich eine Leseratte. Ich erinnere mich an ein Weihnachtsfest in der Grundschulzeit, bei dem ich nachts wieder aufgestanden bin, mich unter den beleuchteten Baum gesetzt und das Buch mit Tiergeschichten von vorne bis hinten durchgelesen habe.

51. Seit meinem 10. Lebensjahr trage ich eine Brille. Meine Mutter meinte, das komme daher, dass ich immer bei so schlechtem Licht gelesen habe. Mein damaliger Freund hat mich wegen der Brille verlassen.

52. Ich finde Silberfischchen total eklig. Als wir nach unserer Ausreise ein paar Wochen in einem Übergangswohnheim in Rastatt lebten, bin ich nachts im Dunkeln barfuß zur Toilette gegangen und habe erst dann das Licht angemacht. Auf dem Boden war plötzlich ein dunkles Gewusel. Ich weiß nicht mehr, wie ich es zurück ins Bett geschafft habe.

53. Das erste Jahr am Bodensee fand ich schrecklich. Ich habe München, meine Freunde und mein Netzwerk, das Städtische vermisst. Wenn es ganz schlimm war, habe ich mich an unseren Esstisch gesetzt und den tollen Blick auf die Berge und den See genossen. Das hat meist geholfen.

Natur kann die Seele streicheln

54. Mittlerweile lebe ich sehr gern auf dem Land. Und freue mich jedesmal, wenn ich nach dem Besuch einer Stadt wieder nach Lindau komme.

55. Als Kind bin ich gern Schlittschuh gelaufen. Kurz vor der Einschulung war sogar in Diskussion, ob ich auf eine Sportschule komme. Meine Freunde und ich sind im Winter immer zu einem See gefahren, der eine schöne Eisdecke hatte. Allerdings musste man dafür erstmal eine recht steile Böschung bewältigen. Einmal kam ich auf die Idee, es sei schneller, bereits oben die Schlittschuhe anzuziehen und damit runterzufahren. Es war kein besonders guter Einfall…

56. Im Alter von 9 oder 10 bin ich von einem 5-Meter-Brett gesprungen – und bin mit einem Bauchklatscher gelandet. Das war das letzte Mal, dass ich mich im Turmspringen versucht habe.

57. Als Jugendliche war ich mehrere Jahre begeisterte Volleyballerin. Ich konnte nicht genug bekommen und habe nicht nur in unserer Mädchenmannschaft, sondern auch bei diversen anderen mittrainiert, oft vier Stunden am Stück. Und ich durfte in der Lehrermannschaft mitspielen. Mein Motorradunfall hat meiner Volleyballkarriere ein Ende bereitet.

58. Schwimmen konnte ich schon früh. Mein Vater hatte es mir beigebracht, indem er meinte, „versuch doch mal auf dem Boden (eines recht flachen Sees) sitzen zu bleiben“. Ich habe gemerkt, dass ich nach oben treibe, und hatte damit keine Angst mehr.

59. Richtig schwimmen konnte ich allerdings bis vor wenigen Jahren nicht, eher die Variante „Ente mit Kopf über Wasser“. Mein Sohn hat mir dann die richtigen Bewegungsabläufe in einem Pool auf Sizilien beigebracht. Am Schluss habe ich es sogar geschafft, ohne zwei Liter Wasser zu schlucken.

60. Mich interessieren zahllose Themen. Ich habe Bücher über Insekten, Pflanzengallen, Textile Kunst, Entwicklungsgeschichte, Wunderkammern, Schwingungen, Naturheilkunde. Über Anatomie, HTML, Psychologie, Architektur, Philosophie. Über Typografie, Design, Fotografie, Papier und Kunst sowieso. Selbst über Mathematik (allerdings nur als Pop-up-Buch). Ich mag es, Zusammenhänge zu entdecken und Neues zu lernen. Leider habe ich kein fotografisches Gedächtnis. Und die Zeit ist immer zu knapp.

Fundstücke

61. Ich mag Steine, Ammoniten, getrocknete Blätter und Zweige, Federn, Muscheln, Holz, Insektenflügel. Fundstücke aus der Natur. Wunder über Wunder, die ich – völlig eklektisch – sammle.

62. Mein erstes Auto war ein roter Twingo, den ich mir erst mit Anfang 40 gekauft habe, um damit nach Dornbirn an die FH zu fahren. Ich besitze ihn immer noch.

Rotes Raumwunder – mein Twingo

63. Mich hat immer gereizt, Theater zu spielen. In der Schule habe ich mich nicht getraut und später irgendwie auch nicht. Und jetzt gibt es so viele andere Dinge, für die auch die Zeit nicht reicht (und trauen würde ich mich vermutlich noch immer nicht).

64. Während meiner gesamten Schulzeit habe ich – als Altstimme – im Chor gesungen. Mein Musiklehrer auf dem Gymnasium hatte den Chor zu seinem Lebensprojekt gemacht. Musikreisen, Auftritte mit dem Görzenich-Orchester Köln, Schallplattenaufnahmen – da war einiges geboten. Das liebste Stück war mir „Die Schöpfung“ von Haydn. 

65. Sängerin in einer Jazzband sein – das war lange ein heimlicher Wunsch. Nach einem Urlaub am Palmenstrand von Preveli auf Kreta (damals nur Eingeweihten bekannt), in dem wir wild campten, den ganzen Tag mit anderen jungen Menschen am Ufer verbrachten und abends zusammen saßen und sangen, glaubte ich kurz, das vielleicht wirklich mal in die Tat umsetzen zu können.

66. Ein paar Jahre später habe ich eine Woche Jazzsingen in der Toskana gebucht. Das war toll. Aber mein damaliges Lieblingsstück „Georgia on my mind“ (Ray Charles habe ich life bei einem verregneten Open-Air-Konzert in Aachen erlebt) habe ich nie so hingekriegt, wie es mir vorschwebte. Stattdessen haben wir „Black coffee“ einstudiert und in einer Weinbar aufgeführt.

67. Kurz danach habe ich mich noch einmal getraut, mit Mikrofon vor mehreren Leuten zu singen, bei der Hochzeit von guten Freunden. Abgesehen davon, dass ich vor lauter Stress vorher von der Hälfte der Feier nichts mitbekommen habe, hat alles gut geklappt. Trotzdem singe ich seitdem nur noch im Auto.

68. Im Studium hatte ich eine Kurzhaarfrisur – die eine Zeit lang in schönstem Karottenrot leuchtete. Eine Freundin hatte sie mir mit Henna gefärbt und meinte vorher, es gäbe bei Blond nur einen sanften Rotschimmer. Woher sie, die von Natur aus kräftige rote Haare hatte, das wusste, hatte ich leider mich vorher nicht gefragt.

69. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mein erstes abstraktes Bild gemalt habe. Angefangen habe ich mit Stillleben und Landschaften.

Die früheren Jahre meiner Malerei: Landschaften (Aachen, 2000)

70. Meine erste öffentliche Ausstellung war mit 19 Jahren in der Stadthalle Bergheim. Dort wurden Künstler aus der Region gezeigt. Ich hatte mich mit meinem jugendlichen Mut beworben und tatsächlich durfte ich das Bild mit einem Schaufelradbagger aufhängen, was im Kunstunterricht entstanden war. Witziges Detail: Kurz danach war dort eine Ausstellung der Jungen Wilden zu sehen – bei einem davon, Bernd Zimmer, habe ich 2021 einen Meisterkurs belegt.

Impressionen aus 40 Jahren

kunstreiche Ateliergefluester 70 Dinge ueber mich: Impressionen aus 40 Jahren
Oben: Stillleben, Landschaften, Aktzeichnen – Kunst mit der ich begonnen habe. In der zweiten Reihe Bücher, bei denen ich beteiligt war, Impressionen mit Wael Shawky. In der dritten Reihe meine Pop-up-Buchsammlung, Meisterkurs mit Bernd Zimmer, Zeichnungen, Katalog zur Miriam-Cahn-Ausstellung. Ganz unten Fundstücke und Beispiele, wozu sie mich inspirieren

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