Ausstellung – Mut zum Gefühl

von | 9. September 2021 | Kunst erleben

kunstreiche Kunst erleben Mut zum Gefühl

Fast 5 Meter über dem Boden etwas tun, was ich noch nie vorher gemacht habe – mit der Gefahr, abzustürzen oder zumindest Geld in den Sand zu setzen: Das war eine meiner Herausforderungen der letzten Tage, um die aktuelle Ausstellung mit Anca Jung auf die Beine zu stellen. Doch gehört es nicht zum Kunstschaffen, sich immer wieder aus der Komfortzone heraus zu bewegen? Von daher: ein gutes Training.

Ausstellungen vorzubereiten, ist immer Erfüllung und Anstrengung zugleich. Ich bin ganz schön geschafft und habe seit Tagen, nein Wochen kaum einen Pinsel in der Hand gehalten. Dafür aber Wasserwaage, Hammer und Nägel, Leiter, Draht, Nylonfaden und Bleistift.

Mut zum Gefühl – der Titel der derzeit laufenden Austellung von Anca Jung und mir darf Programm sein. Gefühle hatte ich in den vergangenen Tagen mehr als genug. Ein ganzes Spektrum von Freude, Spannung, Neugier, Frust, Ärger, Trauer, Wut, Begeisterung, Angst, Erleichterung, Dankbarkeit, Scheu, Rührung und vielem mehr. Nicht zu vergessen das Schlafdefizit, das meine natürliche Ungeduld nicht gerade besser macht.

Blick von oben nach unten und umgekehrt.

Balancieren und installieren

Doch es waren nicht nur Emotionen, die Mut erforderten, sondern auch schlicht ungewohnte Tätigkeiten. So weiß ich nun, wie es sich anfühlt, stundenlang knapp 5 Meter über dem Boden zu zweit auf einer Leiter zu balancieren und dabei auch noch eine schwere Folie auf Stoß, möglichst ohne Luftblasen und gleichmäßig an die Seitenpanele eines Fahrstuhls zu kleben. Oder es zumindest zu versuchen.

Auch mein Konzept eines Kopf-Mobiles mit Befestigen an der Deckenlampe musste ich natürlich unbedingt verwirklichen. Ganz oben auf der Leiter zu stehen und sich dann an einer flexibel aufgehängten Lampe abstützen zu wollen, ist nicht die beste Idee – vermutlich hätte ich besser in Physik aufpassen sollen. Hoch über dem Boden plötzlich zu schwanken, macht nur bedingt Spaß. Aber zumindest danach stolz.

Zuschauer auch ohne Besucher

Eine weitere Übung in Geduld: Stundenlang Faltobjekte auf Plexiglasstäbe zu kleben und mit Heißkleber zu befestigen. Ich hatte vorher noch nie damit gearbeitet und musste feststellen, dass es gewisser Übung bedarf, um nicht zahlreiche Klebstofffäden zu produzieren, die dann überall schweben und vor allem Sachen verkleben, die nicht zusammen gehören. Was nicht heißt, dass die Objekte selbst dann richtig fixiert sind. Ich könnte nun natürlich behaupten, sie gehören zur Installation, wie die funkelnden Fäden im Altweibersommer. Jedenfalls: Auch dies eine Meditationsübung, ein passender Abschluss zu den Stunden, die ich vorher mit der Faltung der Blüten und Insekten zugebracht hatte.

EIne Blumenwiese aus Papier, Plexiglas und Holz

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Diese Installation ist jedoch nur ein kleiner Teil der Ausstellung, der Hauptteil sind unsere Bilder. Anca und ich malen sehr unterschiedich:

  • Anca malt in Öl, Ich überwiegend in Acryl oder mit Materialien und Pigmenten.
  • Sie malt meist expressive Portraits, ich abstrakte Landschaften.
  • Anca mag es eher großformatig, ich oft kleiner.
  • Sie malt spontan, mit prominentem Pinselduktus, ich male mit vielen Schichten und eher ruhig.
Erst das Chaos, damit etwas entstehen kann…

Wir hatten vorher noch keine genaue Idee, was wir wie aufhängen und hatten deshalb besprochen, zunächst mal ganz viel mitzubringen. Die Folge: am ersten Tag eine überwältigende Vielfalt von Werken, die auf dem Boden lagen, an Wänden, Pfeilern und dem Fahrstuhl lehnten. Und alle bettelten: Nimm mich. Ich war noch nie in einer Ausstellung. Ich bin schön. Ich bin neu. Ich bin besonders. Ich bin klein, aber fein. Ich habe wunderbare Farben. Ich passe mich gerne an. Ich bin eine Diva. Uff.

Es war nicht einfach, Entscheidungen zu treffen, was wohin gehängt wird. Wie ein spannender Dialog entsteht, ein Rhythmus, ein roter Faden. Wie die Blicke des Betrachters geführt werden können. Wie Luft bleibt zum Anschauen aus der Entfernung und gleichzeitig aus der Nähe. Wie Farben und Kompositionen zusammenpassen und vielleicht sogar neue Geschichten erzählen.

… dann die einladende Ruhe.

Schaffen und durchschnaufen

Das war nicht immer leicht, aber fast immer lustig. Jedenfalls waren wir 4 Tage jeweils rund 7 Stunden beschäftigt, dem wunderbaren Ort gerecht zu werden und unsere Vorstellungen zu verwirklichen. Dann musste noch die Werkliste erstellt werden: Flugs Donnerstagabend im Halbdunkel noch Ziffern anbringen und fotografieren, um zu wissen, welches Bild welche Nummer trägt. Am nächsten Tag (dem Tag der Eröffnung) vormittags am Schreibtisch in Lindau sitzen und feststellen, dass die meisten Fotos unscharf sind und ein paar Bilder fehlen.

Glücklicherweise ist Anca ein Mensch, der liebevoll mit anderen umgeht und deren Herzen im Flug gewinnt. Dazu hatte sie ja bereits 4 Tage Zeit gehabt. Und so rief sie kurzerhand die netten Damen am Empfang an, die flugs neue Fotos machten und uns schickten. Weiter ging es. Parallel besorge Anca die Getränke und all die anderen Kleinigkeiten, die noch fehlten. Schick machen, hinfahren, vor Ort dann die letzten Handgriffe, Flyer verteilen, Gästebuch auslegen.

Die Belohnung war eine Vernissage mit rund 100 sehr interessierten und wohlwollenden Gästen (und das, obwohl zeitgleich eine Eröffnung im Kunstmuseum Ravensburg stattfand). Mit einer berührenden Laudatio der Kunsthistorikerin Ingeborg Maria Buck und wunderbarer Life-Musik des Jazzsaxophonisten Jürgen Heudorfer mit zwei seiner Kollegen. Ich muss zugeben: Stolz zu sein, ist ein schönes Gefühl.

Kurz vor der Eröffnung: Die Gäste kommen, der Raum füllt sich.

Wer nicht bei der Eröffnung dabei sein konnte, aber noch schauen möchte: Bis zum 30. September besteht täglich die Gelegenheit. Ab Mitte nächster Woche wird dort auch eine kleine Begleitbroschüre ausliegen (die sich hier digital durchblättern lässt). Anca bietet Mittwochnachmittags Führungen an, ich stoße dazu, wenn ich es einrichten kann. Und ansonsten bin ich jederzeit bereit, mich mit Ihnen/Euch vor Ort zu treffen, gern auch gekoppelt mit einem gemeinsamen Kaffee. Einfach melden.

Diejenigen, die nicht kommen können und Anca noch nicht kennen, finden ein Interview mit ihr in meinem Blog. Und wer weiß, vielleicht kommen sie dann doch?

Anca Jung, Dagmar Reiche
Mut zum Gefühl
4.–30. September 2021
Täglich geöffnet 7 bis 21 Uhr, freier Eintritt
Spitalhalle im Heilig-Geist-Spital, Bachstraße 57, 88213 Ravensburg

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2 Kommentare

  1. Liebe Dagmar, ich habe deinen Artikel verschlungen. Danke für deine Einblicke und die wunderbare Installation. Ja – Heißkleber ist ein launisches Material 😉. Stolz seid ihr zurecht. Viel Spaß noch bei der Ausstellung. Ich wünsche euch viele interessante Gäste.

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    • Liebe Katrin, da hast du ja nicht lange warten können, bis du auf den Link zum Artikel geklickt hast :-) Ich freue mich wie immer über dein Feedback. Schade, dass du am anderen Ende der Republik lebst, zu gern würde ich dich und dein tolles Papier auch mal analog kennenlernen. Aber das schaffen wir noch!

      Antworten

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