Im Gespräch über die Kunst. Heute: Anca aus Bad Saulgau

von | 9. August 2021 | Im Gespräch

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Anca kenne ich durch den Kunstverein Wasserburg. Was mir direkt bei unserem ersten Treffen auffiel: ihre herzenswarme, zugewandte, lebensbejahende Art. Anca ist präsent, dort wo sie gerade ist. Und man kann nicht anders als sie direkt ins Herz zu schließen. Bei unseren ersten Gesprächen stellten wir – neben der Liebe zur Kunst – einige Gemeinsamkeiten fest: unser Bezug zur Medizin, unsere Sozialisierung in einem osteuropäischen Staat, der eher später Ruf zur professionellen Kunst in unserem Leben.

Liebe Anca, als ich zum ersten Mal deine Kunst sah, war ich hingerissen. Bilder voller Emotionen, genauso lebendig wie du. Ich bin sehr froh, dich mittlerweile zu meinen Freundinnen zählen zu dürfen und freue mich total auf deine Antworten zu meinen Fragen.

Was genau war der Impuls, den Ruf der Kunst zu hören und ihm zu folgen?

Weißt du, liebe Dagmar, am Anfang war es einfach ein Spiel! Da war Gerold Jäggle, ein bekannter Bildhauer aus unserer ehemaligen Gemeinde und mittlerweile guter Freund. Bei ihm hatte ich eine kleine Bronzefigur modelliert, er hat mir die ersten Impulse gegeben. Dann habe ich Zeichenkurse bei Ricki Scopes in Riedlingen absolviert. Und plötzlich konnte ich den Bleistift nicht mehr loslassen! Kennst du dieses Bedürfnis? Nachts aufstehen zu müssen, um etwas zu malen, weil du Angst hast, dass du es vielleicht bis zum nächsten Morgen nicht mehr kannst? Erinnerst du dich an diese Freude, die ein kleines Kind hat, wenn es ein lang gewünschtes Spielzeug endlich bekommen hast? Als ich klein war und neue Schuhe bekommen hatte, musste ich sie mit ins Bett nehmen – genau solch eine Liebe habe ich für Kunst entwickelt. 

Oh ja, das kenne ich auch. Dieses Bedürfnis, nicht nach links und rechts zu schauen, sondern einfach nur zu malen, kreative Ideen zu verwirklichen. Was ich mich allerdings oft frage: Du hast derzeit ja noch einen Fulltime-Job als Ärztin in der Praxis zusammen mit deinem Mann.

Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

Ganz einfach: Wenn man etwas mit Leidenschaft macht, ist nichts unmöglich.

Das stimmt. Da ticken wir wohl ähnlich.
Und wie oft malst du – im Alltag oder auch sonst?

Ich male nicht so oft wie mir lieb wäre! Wie du schon erwähnt hast, ich arbeite noch als Ärztin, aber nicht mehr lange! Dann wird es bestimmt anders.

Ich habe dir erzählt, dass ich jedes Jahr in Castello di San Sebastiano Po bin, in der Nähe von Turin, Malkurse in einem Ambiente, was fast niemand sich vorstellen kann: Wir haben ein Schloss für uns zum Malen, Bildhauern, Fotografieren. Es gibt viele solche Kurse, aber dieser ist etwas Besonderes. Hier habe ich gespürt, was Malerei für mich bedeutet: Ich bin dort wie besessen, ich fange um 9 mit einem Bild an und ich kann es nicht lassen, bevor es fertig ist, manchmal am Stück bis 18, 19 Uhr! Ich kann solange stehen und ich spüre die Müdigkeit nicht. Zumindest nicht gleich …

Im Schloss in den Flow zu gelangen: Das versucht Anca fast in jedem Jahr aufs Neue.

Was ist deine bevorzugte Technik und warum?

Ich habe mit Bleistift und Kohle angefangen, dann Pastell wahnsinnig geliebt (Gerold Jäggle hatte mir seinen Pastell-Farbenkasten ausgeliehen … So eine Ehre!). Lange hatte ich Angst vor Ölfarben und habe deshalb mit Acryl gearbeitet. 

Viel später habe ich mir Ölfarben gekauft und dabei bin ich bis heute geblieben. Ein guter Freund und Künstler, Christian Hamsea, der auch eine große Rolle in meinem künstlerischen Werdegang spielt, hatte mir gesagt „Mädle, Öl ist das Höchste und die spannendste Technik, die musst du probieren!“ Da hatte er wohl recht, zumindest was mich betrifft.

Ich kenne ja deinen wunderschönen Schaffensraum, wo du deine Ölbilder malst. Erzähl mal davon:

Wo arbeitest du, wie sieht dein Arbeitsplatz aus?

Vor einem Jahr habe ich ein Atelier in unserem Haus bezogen. Vielleicht sollte ich besser sagen, ich lebe in dem Atelier.

Ja, und besonders leer ist es mittlerweile auch nicht mehr. Es ist schön, dir beim Malen zuzuschauen. Ich weiß, dass du oft mit beiden Händen gleichzeitig malst. Woher kommt das?

Kannst du auch mit beiden Händen schreiben?

Ja, stimmt alles! Das kommt daher, dass ich eigentlich Linkshänderin bin und zwangsweise auf Rechtshändigkeit umerzogen wurde – so war es damals in Rumänien üblich. Jetzt kommt mir das zugute. Und ja, ich kann auch gleichzeitig normal und in Spiegelschrift schreiben… Probier das auch mal, das macht so viel Spaß. Übrigens: Mein Mann sagt, ich könnte gleichzeitig rechts und links denken…

Anca in ihrem Atelier, voller Einsatz mit beiden Händen.

Mit geschlossenen Augen oder eben mit der nicht-dominanten Hand zeichnen, das ist ja eine Kreativtechnik, um das Denken auszuschalten und ins Tun zu kommen. Die würde dann bei dir wohl nicht so gut funktionieren. Ich muss gestehen, dass ich das echt als Herausforderung empfinde, mit links zu malen. Aber ich habe heimlich immer die Linkshänder beneidet, weil die linke Hand ja mit der rechten Hirnhälfte gekoppelt ist. Und diese ist bekanntlich der Teil, in dem unsere Kreativität verortet ist. Ich hab mir immer gewünscht, Linkshänderin zu sein, weil ich dachte, damit wäre eindeutig, dass ich kreativ bin, Verrückt, oder?

Hilft dir Musik zum Arbeiten?

Ja ich brauche Musik, meistens Klassisches, meist Klavier, meist von meinem Mann gespielt. Dann kommt auch meine Inspiration.

Du lässt dich auf viele Sujets ein – und doch kommst du immer wieder zu Portraits zurück.

Warum faszinieren dich Portraits so?

Das ist eine gute Frage. Ich habe mich selbst schon oft gefragt, warum ich Glücksgefühle bekomme, wenn ich einen Charakter einfange. Es hat bestimmt mit meinem Beruf als Ärztin zu tun.

Rotrausch. Öl auf Leinwand, 70 ×100 cm, 2021 – Arbeit von Anca

Wie kommst du überhaupt auf deine Ideen, was genau inspiriert dich?

Kurz auf den Punkt gebracht: Menschen, Alltagsmomente, meine Erlebnisse, erzählte Geschichten.

Wie würdest du das beschreiben, was du künstlerisch tust, in maximal drei Sätzen?

Gefühle erzeugen. Bei mir und bei anderen.

Das würde ich so unterschreiben, sofort. Das ist etwas, was uns verbindet oder? Nicht umsonst ist der Titel unserer ersten gemeinsamen Ausstellung „Mut zum Gefühl“. Mit unserer Kunst die Menschen berühren – das wollen wir wohl beide.

Liebe Anca, da ist etwas, was ich dich schon lange fragen wollte, weil ich es mir überhaupt nicht vorstellen kann: Du übernimmst ja – ganz wie die alten Künstler – Auftragsarbeiten. Wie geht das?

Wie gehst du genau vor, wenn jemand Interesse an einem speziell für ihn gemalten Porträt hat?

Oh … das ist das Schwierigste überhaupt! Der potenzielle Auftraggeber hat bestimmt keine 5 Stunden (und mehr) Zeit, Modell zu stehen. Deswegen habe ich mir ausgedacht, eine einzige Session Kaffeetrinken und Erzählung zu machen – und nebenher Fotos. Manchmal geht es dann ganz schnell, Ideen sprudeln, die Staffelei ist sofort da und ich habe mein gewünschtes Ergebnis. Manchmal ist es aber auch unglaublich mühsam, nächtelang denke ich, wie es werden soll, ein langer Kopf-Prozess; ich muss das Bild fertig im Kopf haben, dann kann ich anfangen. Und dann klappt es auch mit dem Auftrag.

Du hast mir erzählt, dass du auch immer wieder zu Bildhauersymposien fährst und Skulpturen schaffst.

Malen und Bildhauerei – wann bevorzugst du welche Technik?

Die Bildhauerei, die bringt mir die Ruhe und unglaublich viele Freunde. Und was ich vor Kurzem entdeckt habe: Für mich genauso faszinierend wie die Malerei ist es, mit Ton zu modellieren.

Anca beim Steineklopfen – wie sie lapidar ihre Tätigkeit als Bildhauerin bezeichnet.

Welche deiner Eigenschaften hilft dir bei deinem Kunstschaffen, welche ist eher hinderlich?

Meine Spontaneität ist gut, doch zugleich manchmal hinderlich.

Wieso findest du das? Erklär doch mal genauer. Ich denke, dass das doch eher eine hilfreiche Eigenschaft ist?

Ja, meine Spontanität… Ich gebe dir ein Beispiel: Ich habe einmal ein Bild angefangen, ich hatte ein tolles Foto entdeckt und ich hatte viel vor. Dann habe ich ein paar Striche mit dem Pinsel gemacht (wie ich es eigentlich immer mache – ich mache normalerweise keine Vorzeichnung).

Danach wollte ich mit der Malerei anfangen, aber ich konnte einfach nicht mehr, weil das Bild schon fertig war. Jeder weitere Strich wäre einfach zu viel gewesen. Das Bild habe ich nicht nur schnell fertig gemacht, sondern auch schnell verkauft. Aber ich habe keine Glücksgefühle dabei gehabt! Verstehst du das? Es ging alles viel zu schnell.

Mmh, ich weiß, was du meinst, kann mir das aber eher schwer vorstellen. Ich bin ja eine sehr langsame Malerin, die geduldig Schicht für Schicht aufträgt. Und wenn ich mal spontan-expressiv male, dann macht mich das sehr glücklich.

Kopf und Herz – wie sind die Anteile während deines kreativen Arbeitens?

Gib mir die Musik, dann ist mein Herz im Gehirn! 

Du Poetin! Hier noch eine Frage, die ich spannend finde. Stell dir vor, du könntest einen Abend mit einer Künstlerin, einem Künstler verbringen – ob lebend oder tot.

Welchen Künstler würdest du wählen und warum?

Lucien Freud, per excellence! Er ist das, was ich vermutlich nie erreichen werde.

Das kann ich total verstehen. Freud war wirklich ein Portraitmaler, der das Innere nach außen kehrt. Der gezeigt hat, warum Malerei etwas Besonderes sein kann, gerade auch bei der Darstellung von Menschen. Was würdest du ihn denn fragen wollen?

Ich würde ihn fragen, nach welchen Kriterien er seine Motive ausgesucht hat. Ich wäre gerne ein kleiner Kiebitz gewesen, der ihm beim Malen über die Schulter schaut. Bei ihm stimmt jeder Strich, ich muss dafür hart kämpfen.

Ach, da wäre ich mir gar nicht so sicher, dass er nicht auch gekämpft hat. Ich glaube, vieles ist Übung und es immer wieder und wieder zu tun. Dabei Fehler zulassen und auch Dinge verwerfen. Es wäre sicher sehr spannend, dies mal ehrlich mit großen Maler:innen zu diskutieren.

Und nun stell dir vor, du könntest dir eine Stadt aussuchen, in der du einige Tage verbringen darfst, um dich dort für deine Kunst inspirieren zu lassen.

Welcher Ort stände auf deiner Agenda?

Florenz, um jeden Tag etwas Neues in den Uffizien zu entdecken und zu lernen.

Oh wie toll, immer neue Gemeinsamkeiten. Wusstest du, dass Florenz auch zu meinen Lieblingsstädten gehört? Eines der wenigen Male in meinem Leben, wo ich freiwillig extra früh aufgestanden bin, um sie zu einem Zeitpunkt zu erleben, wo noch nicht so viele Menschen unterwegs sind. Ich habe damals sogar ein paar Florenz-Bilder gemalt.

Noch etwas ganz anderes: Ich weiß, dass du Kunst von anderen Kunstschaffenden bewunderst und auch kaufst.

Nach welchen Kriterien entscheidest du dich beim Kunstkauf für ein Werk?

Nach dem Prinzip: Das gefällt mir, aber das kann ich nie im Leben machen! Und ich bewundere die Künstler. 

Du hast zu Hause sehr viel Kunst hängen. Bleiben die Bilder an ihrem Platz oder hängst du sie immer mal wieder um?

Oh jaaaa, ich gehöre zur Fraktion „Ständig umdisponieren“. Manchmal wundere ich mich selber, wie viele Haken ich immer wieder neu einschlagen muss! 

Sag mal, machst du in deiner Freizeit auch andere Dinge außer Kunst?

Mmh, eigentlich nicht. Alle unsere Urlaube werden so geplant, dass Kunst im Mittelpunkt steht und danach alles andere. Ich mache viele Kurse und ich entdecke mich immer wieder von Neuem. Die Zeit ist kurz und es gibt viel zu lernen. 

Kreatives Schaffen selbst in der Freizeit. So wird auch die kommende Generation angesteckt…

Wie war deine künstlerische Entwicklung und wie entwickelst du dich weiter? Was gibt dir dazu Impulse?

Ich male seit 2015; das ist überhaupt nicht lange und ohne meine liebe Menschen, meine Freunde, meine Dozenten, würde ich mich nie weiter entwickeln, würde ich nie wissen, wo ich mich gerade befinde. Gerold Jäggle hat mich gelehrt, was die positive Kritik bedeutet, aber auch, mit kritischen Äußerungen umzugehen. Ricki Scopes hat mir beigebracht, was die Proportionen und die leise Töne sind. Christian Hamsea hat mir gezeigt, wie ein Künstler tief und breit in die Natur und Welt atmen kann. Sebastian Probst gibt mir den Raum den ich brauche, um kreativ zu werden. Von ihm lerne ich ständig, obwohl er mir keine Erklärungen gibt – es reicht, wenn man ihm beim Schaffen über die Schulter schaut, es reicht, wenn er im Vorbeilaufen einen Satz über meine Arbeit sagt! 

Das finde ich toll, dass du so viele Impulse von so vielen Menschen aufnehmen kannst, und dich ständig weiter entwickelst.

Gibt es etwas, was du unbedingt noch lernen willst?

Viele Künstler haben gleich mit abstrakter Kunst angefangen. Ich finde, dass abstrakt zu malen eine sehr schwierige Methode ist – die ich nicht beherrsche, aber gern beherrschen möchte. Ich lasse mich überraschen. 

Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe und auf die du gerne eine Antwort geben würdest?

Liebe Dagmar, eine Frage würde ich gern dir stellen: Wieso hast du mich gewählt? 

Du meinst, warum ich dich für das Interview ausgewählt habe? Das liegt doch wohl auf der Hand, oder? Lies dir einfach noch einmal deine spannenden Antworten durch, genau damit habe ich gerechnet. Ich finde, du bist eine tolle Künstlerin und ein wunderbarer Mensch. Ich bin glücklich, dich zu kennen. Und deine Poesie drucke ich mir aus und hänge sie an den Schreibtisch:

Gib mir die Musik, dann ist mein Herz im Gehirn.


Links

* Anca Jung: Webseite
* Eine weitere Freundschaft, die aus dem Kunstverein gewachsen ist: Interview mit Christa

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6 Kommentare

  1. Ihr zwei seid unglaublich bereichernd für mich. Ebenso beeindruckt ihr mich. Eure Art und eure ART. Ich staune und lerne von euch. Ich höre euch lachen und lache so gerne mit. Ich spüre euch fühlen und möchte gleiches tun. Der Text im Interview ist bereichernd und mitfùhlsam. Bewegend. Zwei Künstlerinnen auf Augen- und Herzenhöhe.

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    • Liebe Christa, solch eine Freude hast du mir gemacht, mit deinem Kommentar. Die Kunst ist besonders bereichernd, wenn man auch an die menschliche Ebene andockt. Gemeinsam lachen ist wunderbar, sich austauschen über das, was bewegt, ebenso. Offen sein, um voneinander zu lernen ist auch ein Geschenk – ich lerne ebenso von dir wie du von mir. Ich habe Glück, so viel tolle Menschen zu kennen! Danke, dass du dazu gehörst.

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      • Liebe Dagmar, liebe Anca, das war kurzweilig und interessant, schön und inspirierend. Ich habe euer Gespräch sehr gerne gelesen. Ancas Spruch hätte ich gern als Postkarte. Musik finde ich auch toll zum kreativ sein. Ich freu mich schon suf das nächste Interview und auf Ancas Seite werde ich mich auch umsehen. Liebe Grüße Kathrin

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        • Liebe Kathrin, dein Kommentar freut mich sehr. Ja, Anca Spruch ist wirklich enmalig. Ich bin ja eher diejenige, die Stille mag, deshalb gibt es bei mir selten Musik. Manchmal als Projekt, um malerisch darauf zu antworten, sonst ist es bei mir ruhig im Atelier (außer wenn ich die Löcher für die Befestigungen on meine Holzplatten bohre…). So ist jeder anders kreativ, das ist sehr spannend, oder? Ich freue mich auch schon auf das nächste Interview, dieser Blog-Bereich ist mir immer eine besondere Freude.

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  2. Da steckt harte Arbeit und viel Leidenschaft in der Kunst. Herzlichen Dank für diese schönen Einblicke!

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    • Arbeit und Leidenschaft – ja, das stimmt. Schön, dass Ihnen die Einblicke gefallen!

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