Sie besuchen eine Ausstellungseröffnung oder einen Künstler in seinem Atelier? Sie suchen nach einem Gesprächseinstieg, der garantiert auf Begeisterung stößt? Dann ist diese Frage nicht die richtige. Im Gegenteil: Sie ist vermutlich eine der von Kunstschaffenden am wenigsten geliebten Smalltalk-Eröffnungen.
Deshalb sind die Antworten, die Sie auf solch eine Frage bekommen, auch oft flapsig: „Es dauert so lange, bis es fertig ist.“, „Gute Kunst muss nicht lange dauern.“ oder auch „Kommt drauf an.“ Die letzte Antwort ist durchaus korrekt. Es hängt von vielen Faktoren ab, wie lange jemand braucht, ein Kunstwerk zu schaffen. Dazu später mehr. Viel spannender finde ich die Gegenfrage „Wofür ist das wichtig?“ Oder konkreter: „Wofür ist Ihnen das wichtig, warum wollen sie das wissen?“
Warum Menschen fragen, wie lange ein Bild braucht
Ich denke, viele fragen, weil sie gern ins Gespräch kommen wollen und sich damit auf neutralem Boden wähnen: Arbeitszeit ist nichts Kunstspezifisches, also kann man sich darüber unterhalten, ohne Ahnung von Kunst zu haben. Zudem erfahren sie dann direkt etwas über den Arbeitsprozess, auf den doch viele neugierig sind.
Ein weiterer Grund ist ein ganz banaler: der Wunsch einzuschätzen, was Kunst wert ist. Dazu wird sie mit anderen Leistungen verglichen, die ja oft nach Stunden abgerechnet werden. Zeit ist eine Maßeinheit, mit der jeder etwas anfangen und die man in Relation setzen kann. Viel Zeit zu benötigen, wird dann mit mehr Wert gleichgesetzt – oder aber mit weniger Können.
Bei manchen Menschen, die selbst kreativ tätig sind, steckt vielleicht auch der Wunsch dahinter, die eigene Geschwindigkeit besser einschätzen zu können.
Es kommt drauf an – der Prozess selbst
Wie schnell eine Arbeit fertig ist, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Die eine malt schnell und expressiv, der andere langsam und in vielen Schichten, wieder ein anderer realistische Tierbilder, bei denen feinste Haare und andere Details viel Zeit benötigen. Der Vierte nutzt eine Technik mit langen Trocknungszeiten, die Nächste malt riesige Formate, für die allein das Mischen der benötigten Farbmengen viel Zeit braucht.
Und ein und derselbe Künstler braucht für Werke in gleichem Format und gleicher Technik auch nicht immer die gleiche Zeit (bei mir zum Beispiel kann das von wenigen Stunden bis Monaten reichen). Davon abgesehen schalten die wenigsten Kunstschaffenden am Anfang ihres Kreativprozesses eine Stoppuhr ein.
Was zudem alles Zeit benötigt
Doch letztlich greifen diese Antworten zu kurz. Denn in das fertige Kunstwerk fließen viel mehr Stunden ein als der eigentliche Prozess dauert. Zum Kreativschaffen gehören auch Impulse zu sammeln und Ideen zu wälzen, das Nachdenken und Vorbereiten, das Innehalten, Zweifeln und Verwerfen. Skizzenbücher zu füllen, bevor man überhaupt mit den „richtigen“ Bildern anfängt, sich über Themen, Farben, Komposition, Bildelemente usw. Gedanken zu machen. Sich mit der Kunst anderer zu beschäftigen, Ausstellungen zu besuchen, zu lesen und sich weiterzubilden sind ebenso wichtig, um den Kontext zu verstehen und sich zu verorten. Um zu lernen und sich weiterzuentwickeln, sind üben und experimentieren genauso wichtig, wie mit anderen Kunstschaffenden zu diskutieren.
Und nicht zu vergessen: Bereits Gelerntes und etwas, was man gut kann, immer wieder über Bord zu werfen und mit etwas Neuem zu beginnen, damit die Kunst nicht ihre Seele verliert. Also freiwillig immer wieder fast bei Null anfangen!
Letztlich müssen auch Zeiten eingerechnet werden, die für Organisatorisches und andere Tätigkeiten benötigt wird: das Beschaffen der Materialien, die Abschlussarbeiten, das Bilderrahmen, Ausstellungsbewerbungen und -vorbereitungen, das Präsentieren auf der Webseite und vieles andere.
Warum die Antworten irrelevant sind
Angenommen, Sie wissen nach dem Gespräch, wie viel Zeit der Künstler genau für dieses Bild zur Fertigstellung gebraucht hat. Was machen Sie mit dieser Information? Ist die Prozessdauer ein Qualitätskriterium?
Wer ist besser: Derjenige, der schnell etwas fertig bekommt oder diejenige, die lange dafür braucht? Falls die Qualität nicht von der Dauer abhängt, warum sollte sie dann relevant sein? Vielleicht braucht der Kunstschaffende länger, weil er noch ganz am Beginn seiner Karriere steht und weniger Erfahrung hat. Wenn Sie das in Stundenlohn umwandeln, bezahlen Sie dann mehr als für ein Bild, bei dem von Anfang an jeder Pinselstrich sitzt.
Lassen sich die Techniken gegeneinander aufrechnen? Was ist mit der Kunst, bei der der Anteil konzeptioneller Vorarbeit viel größer ist als der eigentliche Umsetzungsprozesse? Solche Fragen zeigen bereits, dass die benötigte Zeit vielleicht interessant, aber zumindest für die Bewertung von Kunst wenig relevant ist.
Eine Geschichte: vom Maler und dem Hahn
Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom chinesischen Tuschemaler und dem Hahn? Der Künstler galt als der fähigste seiner Zeit und wurde vom Kaiser beauftragt, das perfekte Bild eines Hahnes zu malen. Nachdem der Kaiser nach drei Jahren nichts von ihm gehört hatte, wurde er ungeduldig und suchte den Maler in seinem Atelier auf. Dieser breitete ein Blatt aus, setzte in wenigen Sekunden einen perfekten Hahn darauf und überreichte das Bild dem Herrscher.
Dieser war beeindruckt und gleichzeitig zornig darüber, dass er so lange warten musste, wenn das Malen doch so schnell geht. Daraufhin öffnete der Meister die Schubladen seiner Truhen und Schränke – und es quollen unzählige Studien und Zeichnungen von Hähnen hervor. Drei Jahre Arbeit, um in drei Sekunden ohne zu zögern das perfekte Bild zu schaffen.
Wie lange machst du das schon?
Die Frage, wie lange jemand für ein Bild braucht, ist so ähnlich wie die Frage, wie lange jemand schon malt. Oft möchten die Menschen etwas ganz anderes wissen und haben nur keine Ahnung, wie sie das verpacken sollen. Oder sie suchen nach einem Gesprächseinstieg und treten dem Kunstschaffenden ungewollt zu nahe. Dieser hört im Kopf dann vielleicht etwas wie „wow, so kurz und doch schon so gut“ (was so viel bedeuten kann wie „Manchen schenkt es der Herr im Schlaf“, also Talent ganz ohne Arbeit) oder umgekehrt, „boah, so lange und noch immer nicht besser“.
Wie in jedem Gespräch kommt es immer auf den Kontext und den Tonfall an. Und darauf, wie das Gegenüber etwas versteht oder welche Erfahrungen derjenige gemacht hat. Fallstricke gibt es immer, doch mit Humor und Empathie lassen sich diese meist umgehen.
Fazit
Ich kann die Frage, wie lange man für ein Bild braucht, nachvollziehen – und ja, sie kommt sehr oft und fühlt sich manchmal nervig an. Doch man braucht sich als Künstlerin darüber nicht ärgern, sondern kann versuchen, sie differenziert zu beantworten. Man kann zeigen, dass Kunst zu schaffen viel mehr ist, als der Malprozess oder gar das fertige Bild. Letztlich sind Fragen eine Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen und Kunst nahbar zu machen.
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