Die Räume im Castello von Bajardo kenne ich seit vier, fünf Jahren. Nämlich seitdem unsere Freunde sich entschlossen haben, das Leben als Architekten in Deutschland gegen das als Olivenbauern in Ligurien einzutauschen und ich sie das erste Mal dort besucht habe. Zu der Zeit hatte Roger, ein englischer Künstler und Musiker, auf der Empore sein Atelier und man konnte einfach vorbeischauen und mit ihm einen Schwatz halten oder ihm beim Cellospielen zuhören. Ich mochte die Atmosphäre, sehr sogar.
Irgendwann räumte Roger die Räume und die Gemeinde nutzt sie seitdem für Ausstellungen verschiedener Kunstschaffender. Und so entsteht die Idee, auch meine Kunst dort zu zeigen. Es ist super, Freunde zu haben, die dort leben, des Italienischen mächtig sind und sich tatsächlich bereit erklären, den Kontakt zur Gemeinde Bajardo zu bahnen. Die Kulturbeauftragte Daniela Martini und der Bürgermeister Remo Moraglia finden den Vorschlag gut und so suchen wir nach einem Termin. Es wird die erste Augusthälfte – wie sich später zeigt, eine super Entscheidung, da während dieser Zeit nicht nur viele Feriengäste unterwegs sind, sondern im Ort zahlreiche kulturelle Aktivitäten stattfinden. Ein Kulturprogramm, von dem sich manch größerer Ort eine Scheibe abschneiden kann.
Alte Gassen. Tolle Blicke. Anstrengung
Anfang August packe ich mein Auto und mache mich auf den Weg. Anders als sonst habe ich diesmal nur eine grobe Vorstellung, welche Bilder ich wie aufhänge – zum Ausstellungstitel „Tranquillo e Contento / Quiet and Joyful“ passen fast alle meiner Werke. Also entschließe ich mich, einfach das Auto vollzupacken und erst vor Ort zu entscheiden.
Was ich nicht bedacht habe: Das Castello liegt wunderschön auf einem Berg mit atemberaubender Rundum-Sicht. Doch es ist nur zu Fuß erreichbar, die Gassen dorthin sind schmal und steil. Bereits nach dem ersten Schwung bei 30 Grad versteckt sich das „Ruhig und entspannt“ im Schatten und „Verschwitzt und außer Atem“ übernimmt die Führung. Doch ich bin trotzdem froh: Meine Freunde – fit den Weg hinauf tänzelnd – schleppen die doppelte Mengen meiner Kisten und Bilder, während ich immer wieder außer Atem stehen bleibe und so tue, also würde ich die Landschaft bewundern oder meine überall hängenden Ausstellungsplakate zählen. Leise fluchend schwöre ich mir, demnächst wieder mehr Sport zu machen. Oder tanzend meine Bilder zu malen. Später guckt Roger vorbei und schultert auch noch ein paar Kisten. Ich bin dankbar, dass so die Ausstellungseröffnung nicht wegen eines Herzklabasters ins Wasser fällt.
Vorbereitungen. Die Herausforderung von Bergen. Es lebe die Improvisation
Die nächsten beiden Tage erhole ich mich im Schatten, lade meine Arbeitsmaterialien in der Ferienwohnung ab und male. Ich entscheide mich dann dagegen, in den kommenden Tagen auch vor Ort im Ausstellungsraum zu arbeiten. Ich brauche Ruhe zum Schaffen. Die Vorstellung, dass ich das Malen oder Drucken immer wieder unterbrechen muss, um mich auf meine Gäste einzustellen, finde ich dann doch zu stressig. Immerhin muss ich so nicht entscheiden, welche Materialien ich wo aufbaue oder hin und her fahre. Nur das Skizzenbuch wird mein ständiger Begleiter. Zudem habe ich andere Arbeit mit, für die ich nur meinen Laptop brauche. Und einen ganzen Stapel an Büchern.
Mitte der Woche stelle ich mich der nächsten Herausforderung: von Berzi, wo ich wohne, hoch nach Bajardo fahren, ungefähr 300 Höhenmeter auf gut 4 Kilometern. Wer schon mal in den Ligurischen Bergen unterwegs war, weiß, was ich meine. Ich hoffe inständig, dass die Hitze die Menschen davon abhält, sich auch ins Auto zu setzen und mir entgegen zu kommen. Die Straßen sind so eng, dass ich nicht genau weiß, wie man aneinander vorbei kommt, ohne dem Abgrund Hallo zu sagen. Aber es hilft nichts: Da ich in den nächsten Tagen noch mehrfach Ausstellungsaufsicht mache, muss ich mich an die Strecke gewöhnen. Und was wäre das Leben ohne Herausforderungen?
Der Aufbau ist dann leichter als gedacht. Zumindest die Entscheidung, was ich wo aufhänge, ist relativ schnell getroffen, wie so häufig flüstert es mir der Raum zu. Herausfordernd ist dann allerdings das Hängen selbst – die dicken Wände mögen keine Nägel und sind so buckelig, dass manche Bilder von der Seite aussehen, als wollten sie gleich abheben. Glücklicherweise sind von meinen Vorgängern ein paar Nägel, Löcher und Hängevorrichtungen bereits angebracht, sodass ich davon einfach so viele wie möglich nutze. Diesmal also keine optische Ausrichtung der Rahmen an einer Linie, sondern eher eine bewegte Hängung. Eine gute Übung in Improvisation und im Loslassen meines Perfektionismus. Im Anschluss fühle ich mich schon als halbe Italienerin.
Meine Freunde machen nicht nur das beste Olivenöl der Welt, sondern gehen seit Jahrzehnten klettern. So verdonnere ich Markus, mir beim Aufhängen meiner frei schwebenden Wolkenfotos zu helfen. Ich kann kaum zuschauen, wie er auf dem Geländer balanciert und denke die ganze Zeit darüber nach, dass es etliche Meter bis unten zum Steinboden sind.
In der Nacht vor der Vernissage erstelle ich noch die Werklisten, zweisprachig wie das Ausstellungsplakat. Und ich setze mich endlich an meiner Rede. Ich habe mir fest vorgenommen, diese auf Italienisch zu halten, auch wenn ich nicht viel mehr kann als einen Espresso und ein Croissant zu bestellen. Vier Monate mit einer Sprachlern-App waren weitaus weniger effektiv als ich gehofft hatte, obwohl ich mir zäh jeden Tag mindest 10 Minuten freigeschaufelt habe. An Smalltalk ist nicht zu denken, doch zumindest die Aussprache habe ich ein bisschen gelernt. Also: ein paar Worte des Dankes schreiben, durch den Google-Übersetzer jagen und solange üben, bis ich das Gefühl habe, nur noch über jedes zehnte Wort zu stolpern. Ich bin gerüstet für die Eröffnung am Freitagabend.
Eröffnung. Mit einem Schuss Italienisch
Die Vernissage ist richtig fein. Rund 30 Gäste haben den Weg hier hoch geschafft, vermutlich sind alle fitter als ich. Remo und Daniela haben es sich nicht nehmen lassen, vorbeizukommen und die Eröffnungsworte zu sprechen. Ich bin gerührt.
Dann versuche ich mich am Italienischen – da das Publikum sogar an der richtigen Stelle lacht, gehe ich davon aus, dass ich mich einigermaßen verständlich ausdrücke. Ich bin erleichtert, als ich ohne Knoten in der Zunge am Ende meines Zettels angekommen bin. Im Anschluss gehen wir und etliche Gäste noch in den Ort – seit gestern wird jeden Abend auf dem Platz unter der Linde Jazz gespielt. Sommergefühl.
Café, Cornetto und Arte
Die weiteren sechs Ausstellungstage beginne ich oft mit einem Espresso und einem Croissant im Café. Beides schmeckt zum Niederknien. Doch meine Laune wechselt während des Tages immer wieder von „wow, ist das toll“ zu „warum mache ich das eigentlich“ und zurück. Einmal kommen über 80 Gäste, an einem anderen Tag gerade mal 12. Dann helfen auch meine Bücher nicht mehr gegen das Kaugummi-Gefühl von 8 Stunden Aufsicht. Zwischendurch laufe ich immer mal wieder raus, der Blick über die Ligurischen Berge versöhnt mich jedesmal.
Viele wunderbare Erlebnisse gibt es: Gäste, die erzählen, wie sehr sie der Ausstellungstitel angesprochen hat, wie schön sie die Bilder finden, dass sie in der Ausstellung zur Ruhe kommen. Ein Paar bietet mir an, weitere Plakate im Nachbarort aufzuhängen, weil sie wollen, dass noch mehr Menschen von der Ausstellung erfahren.
Roger, der immer mal wieder vorbeischaut, bringt an einem Nachmittag sein Cello mit und gibt ein kleines, spontanes Konzert. Die Töne von Vivaldi und Bach verweben sich mit den Farben meiner Bilder, die Atmosphäre wandelt sich von sehr schön zu magisch. Ich bin berührt.
Ein junges Paar fragt am ersten Sonntag nach dem Preis von zweien meiner Bilder und ist kurze Zeit später verschwunden. Da habe ich sie wohl abgeschreckt. Eine Woche später kommen sie erneut – wie ich später erfahre, aus der Nähe von Finale Ligure, also gut 1,5 Stunden (für eine Strecke !) entfernt. Und sie kaufen die beiden Bilder. Solche Wertschätzung tut gut. Und es macht mich glücklich, dass zwei meiner Werke demnächst Teil eines italienischen Alltags sind.
Abschied. Ich komme gerne wieder
Am letzten Sonntagabend bin ich erschöpft, aber froh. Fast 300 Gäste haben sich auf den beschwerlichen Weg zum Castello gemacht, haben die grünen Pfeile auf den Gassen entdeckt und mich und meine Kunst gefunden. Roger meint, das sei richtig viel. Und er muss es ja wissen, schließlich hat er zwei Jahre dort gearbeitet und ausgestellt.
Am Montag baue ich alles ab und trage es zum Auto, diesmal fast ohne Schwitzen. Na gut, es ist nicht mehr so heiß und es geht bergab. Ich habe wieder Hilfe, sodass wir schnell fertig sind. Bei der Schlüsselübergabe im Rathaus statt werde ich von Daniela und Remo fest in den Arm genommen und bekomme ein Dankeschön dafür, mit meiner Kunst das Castello und den Ort verschönert zu haben. So viel Wertschätzung, das ist etwas ganz Besonderes. Ich bin schon wieder gerührt.
Ein paar Tage bleibe ich noch bei meinen Freunden in Berzi. Malen, Lesen, Arbeiten. Miteinander reden und essen. Und etwas entspannen.
Fazit
Für mich haben Bajardo und Berzi etwas Magisches. Ich bin zum vierten Mal hier und habe diesmal als Ausstellerin ganz neue Erfahrungen gesammelt. Der Aufwand für diese doch kurze Ausstellung war riesig, doch das, was ich im emotionalen Gepäck davon zurückbringe, ist sehr viel größer. Ich bin sehr, sehr dankbar.
PS: Und damit ich fürs nächste Mal besser gerüstet bin, habe ich mich mit meinem Mann zu einem Italienisch-Kurs angemeldet…
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Links:
- Die Seite der Gemeinde Bajardo (auf italienisch): Comune Bajardo
- Die Webseite meiner Freunde in Berzi: Casa Monte Carmelo
- Für diejenigen mit einem Instagram-Account: hier ist ein Reel zum Ausstellungsort
- Ein anderer Erfahrungsbericht: Als Artist in Residence in der Kartause Ittingen
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