Immer wieder stellen mir Menschen die Frage, welche Vorbilder ich in der Kunst habe. Früher bin ich bei dem Begriff „Vorbild“ eher zurückgezuckt. Er schmeckte nach „Held“ und „imitieren“ – Kunst, die so toll ist, dass ich versuche, sie nachzumachen. Und bei meiner langen Suche nach Authentizität war das ein Gefühl, dass ich gar nicht brauchen konnte.
Mittlerweile sehe ich das entspannter. Natürlich gibt es Kunstschaffende, die mich inspirieren. Das Spannende ist, dass diese Impulse sich nicht auf die künstlerische Sprache bzw. den Stil beschränken. Sondern dass mich einzelne Werke oder sogar nur einzelne Aspekte davon ansprechen, manch anderes überhaupt nicht. Oder dass mich Sachen inspirieren, die nichts mit der Kunst, sondern etwas mit Bereichen des künstlerischen Daseins und Wirkens tun haben.
Hier nun meine ganz persönliche Auflistung von Künstlerinnen und Künstlern, die mir bei der Frage nach Inspiration spontan eingefallen sind – gleichzeitig ein kleiner Parforceritt durch die (westliche) Kunstgeschichte. Diese Liste könnte ich problemlos verlängern, zudem wird sie sich sicher immer wieder ändern, zumindest in Teilen. Aus rechtlichen Gründen kann ich leider nicht überall Bilder zeigen und selten die, die ich unter den Werken genannt habe. Auch deshalb habe ich weiterführende Links ergänzt. Zudem habe ich nach Zitaten der genannten Künstlerinnen und Künstler gesucht, die exemplarisch für ihr Denken und Schaffen stehen könnten.
Meine persönliche Favoritenliste:
- Leonardo da Vinci
- Albrecht Dürer
- Artemisia Gentileschi
- Rosalba Carriera
- Angelica Kauffmann
- William Turner
- Janus la Cour
- Joaquín Sorolla
- Giorgio Morandi
- Alberto Giacometti
- Cy Twombly
- Horst Janssen
- Gerhard Richter
- … und weitere 14 in Kurzform
1. Leonardo da Vinci (1452–1519)
Italienischer Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph der Renaissance. Er ist einer der bekanntesten Universalgelehrten aller Zeiten, wenn nicht sogar der berühmteste.
Besonders die Natur interessierte ihn – künstlerisch genauso wie im Hinblick auf ihre Gesetzmäßigkeiten. Er forschte, dachte nach, zeichnete auf, machte Studien. Er suchte die Schönheit nicht in idealisierten Modellen, sondern in der Natur und ihn ihrem Zusammenspiel mit den Menschen.
Was mich inspiriert
- Unstillbare Neugier auf das, was die Welt zusammenhält; da Vinci erkannte und schuf Verbindungen, auch zwischen Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören
- Er legte sich nicht auf eine Sache fest, sondern war an vielem interessiert (und gut darin!): Bauchladen und Tausendsassa; Natur und Mensch, Kunst und Philosophie; Ingenieurskunst und Architektur, Malerei und Dichtung, Anatomie und Mathematik, Wissenschaftler und Erfinder…
- Er war ein Freund der Aleatorik, fand in zufälligen, ungewöhnlichen Formen Inspiration und sah darin Gesichter
- Er erkannte den Zusammenhang zwischen Sauberkeit bzw. Schmutz und Pest und organisierte die erste Müllabfuhr Mailands
- Er träumte vom Fliegen und war überzeugt, dass sich ein Fluggerät entwickeln lässt
Bekannte / typische Werke
- Die Mona Lisa
- Das Abendmahl
- Der vitruvianische Mensch
Zitate
- „Jede unserer Erkenntnisse beginnt mit den Sinnen.“
- „Wer wenig denkt, der irrt viel.“
- „Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar wohlgeöffnete Augen.“
Links
- Liste der Gemälde von Leonardo da Vinci auf Wikipedia
- Eine Zusammenfassung über Leonardo da Vinci und sein Wirken
- Über den spektakulären Raub der Mona Lisa
- Salvator Mundi: Über das teuerste Bild der Welt und den Zweifel, ob es wirklich von Leonarda da Vinci gemalt wurde
2. Albrecht Dürer (1471–1528)
Deutscher Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker während der Renaissance.
Mit seinen konsequent signierten Gemälden, Zeichnungen, sowie den große Verbreitung findenden Kupferstichen und Holzschnitten war er zu seiner Zeit in ganz Europa bekannt und geachtet.
Was mich inspiriert
- Dürer war einer der ersten bedeutenden Künstler, der seine Werke als Urheber systematisch mit einem Monogramm kennzeichnete.
- Dürer war nicht nur ein neugieriger, vielseitiger und handwerklich toller Künstler, sondern ein guter Netzwerker und Selbstvermarkter.
- Mit 13 schuf er mit einem Silberstift sein erstes (bereits meisterhaftes) Selbstporträt – etwas, was nördlich der Alpen (anders als in Flamen) bis dato unbekannt war.
- Er war Maler, aber auch ein begnadeter Grafiker (Holzschnitt, Kupferstich), Illustrator, Zeichner.
- Er hat etliche Bücher geschrieben (Kunst, Mathematik…).
Bekannte / typische Werke
- Die betenden Hände
- Der Feldhase
- Das große Rasenstück
- Sein Rhinoceros
- Seine zahlreichen Selbstportraits
Zitate
- „Was ganz leicht ist, kann auch nicht sehr kunstreich sein. Was aber kunstreich ist, das will Fleiß, Mühe und Arbeit haben.“
- „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur. Wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“
Link
- Eine Zusammenstellung von einigen seiner berühmten Kunstwerke
- Die Digitale Sammlung des Städel Museums in Frankfurt besitzt eine große Auswahl an Dürer-Werken
3. Artemisia Gentileschi (1593–1653)
Italienische Malerin in der Zeit des Barocks. Ihr Talent wurde schon sehr früh erkannt und durch ihren Vater gefördert. Sie wurde als junge Frau vergewaltigt, ihr Vater zog vor Gericht. Dort erwartete sie eine weitere traumatische Erfahrung (inklusive Folter), der Angeklagte erhielt nur eine milde Strafe.
Nach ihrem Umzug von Rom nach Florenz wurde sie als Künstlerin sehr erfolgreich. Zunächst war sie stark von Caravaggio lebensnaher Darstellungsweise und seinen dramatischen Lichteffekten beeinflusst, entwickelte dann aber ihren eigenen, sehr lebendigen und emotionalen Stil mit strahlenden Farbtönen und Plastizität der gemalten Kleider.
1616 wurde sie als erste Frau an der florentinischen Accademia dell’Arte del Disegno aufgenommen. Sie war gut vernetzt, arbeitete als anerkannte Auftragsmalerin und erhielt sogar Auftrage für Altarbilder – als Frau äußerst ungewöhnlich.
Was mich inspiriert
- Gentileschi war in einem von Männern dominierten Berufsfeld tätig und hatte sogar eine eigene Werkstatt – mit männlichen Angestellten
- Zudem arbeitete sie typisch männlich (Themen und Bildgrößen): Historienbilder, mythologische und biblische Themen
- Sie malte starke, mutige tatkräftige Frauen, mit viel Ausstrahlung und Dramatik
Bekannte / typische Werke
- Judith und Holofernes
- Susanna im Bade
Links
- Ein spannender Artikel über Gentileschi in der Zeitschrift Emma
- Eine Dokumentation über die Künstlerin auf arte: Verbrechen und Kunst im Barock – Der Fall Artemisia Gentileschi
4. Rosalba Carriera (1675–1757)
Italienische Malerin in der Zeit des Rokokos, die für ihre innovative Herangehensweise an Pastelle bekannt ist: Ihr wird die Popularisierung ihrer Verwendung als Medium für ernsthafte Porträtmalerei zugeschrieben. Sie hat von Venedig aus die Höfe Englands, Deutschlands, Frankreichs und Italiens mit ihren Porträts in Pastell beliefert. Darüber hinaus hat sie junge Frauen zu Künstlerinnen ausgebildet.
Was mich inspiriert
Künstlerin, die
- eine Technik revolutionierte
- in ganz Europa erfolgreich war
- zahlreiche Frauen ausbildete
Bekannte / typische Werke
- Selbstportrait mit Schwester
- Portrait von Caterina Sagredo Barbarigo
Links
- In den Staatlichen Museen zu Berlin gab es 2023 eine spannende Ausstellung über Frauen in der italienischen Kunstwelt 1400 – 1800
- Artikel über Rosalba Carriera in der italienischen Publikation Finestre sull’Arte (auf deutsch)
- Eine Buchpublikation über die Künstlerin von 1908, digitalisiert 2010
5. Angelica Kauffmann (1741–1807)
Schweizerisch-österreichische Malerin und Druckgrafikerin des Klassizismus, die bereits als 6-Jährige als Wunderkind bezeichnet, von ihrem Vater gefördert und bereits mit 21 als Ehrenmitglied der Accademia Clementina Di Bologna gewählt wurde. Im Jahr 1766 zog sie nach London und wurde einer der ersten weiblichen Mitglieder der Royal Academy.
Was mich inspiriert
- Selbstbewusste, erfolgreiche Frau, die nicht dem Rollenmodell ihrer Zeit entsprach
- Sie traf Entscheidungen, z.B. in ein anderes Land (nach London) zu ziehen, wo sie als Auftragsmalerin v.a. für Portraits und später in Italien auch Historiengemälde sehr erfolgreich wurde (während ihr Vater Atelier und Haushalt organisierte!)
Bekannte / typische Werke
- Ariadne von Theseus verlassen
- Selbstportrait
- Portrait von Goethe
Zitat
- „Es gibt Schönheit in der Natur, die man nicht nachahmen kann.“
Links
- Auf YouTube gibt es zahlreiche Videos über die Künstlerin. Hier ist eins davon
- Die Webseite des Angelica Kaufmann Museums in Vorarlberg
6. Joseph Mallord William Turner (1775–1851)
Englischer Maler, Aquarellist und Zeichner in der Epoche der Romantik, wird als einer der Vorläufer des Impressionismus angesehen. Mit 14 Jahren wird er Stipendiat der Royal Academy, stellt bereits ein Jahr später dort sein erstes Aquarell aus. Mit 26 Jahren wird er Vollmitglied der Royal Academy, später Professor. Seine bevorzugten Themen waren Landschaften und Seestücke. Sein besonderes Interesse: das Licht und die Atmosphäre. Turner hinterließ mehr als 300 Ölgemälde und fast zwanzigtausend Aquarelle und Zeichnungen.
Was mich inspiriert
- Er hat mich gelehrt, dass Kunst berührt
- Sein Umgang mit Licht
- Seine Modernität
- Seine Herangehensweise: die Natur spüren, um sie in Malerei übersetzen zu können (man denke an die Geschichte, dass er sich an den Mast eines Schiffes binden ließ, um den Sturm richtig zu spüren und entsprechend malerisch umsetzen zu können)
- Die Welt beim Reisen entdecken
- Seine Neugier auf die Entwicklungen in der Welt – die Eisenbahn, Lichtbilder, Industrialisierung…
- Sein Geschäftssinn (so baut er 1804 an seinem Haus eine Galerie an, in der er seine eigenen Bilder ausstellt und verkauft)
Bekannte / typische Werke
- Burning of the Houses of Parliament
- Rain Steam and Speed, The Great Western Railway
- Snow Storm – Steamboat off a Harbour’s Mouth
- Die verschiedenen Bilder von Venedig
Zitate
- „It is only when we are no longer fearful that we begin to create.”
- „I have no secret but hard work. This is a secret that many never learn, and they don’t succeed because they don’t learn it. Labor is the genius that changes the world from ugliness to beauty, and the great curse to a great blessing.”
- „My job is to paint what I see, not what I know.”
Link
- Es gibt so viel Publikationen über Turner, wo soll man da anfangen? Mein Tipp: dieses Video auf YouTube
7. Janus la Cour (1837–1909)
Dänischer Maler der Stille und des nordischen Lichtes, für mich auch der Langsamkeit.
Er entwickelte seine Naturbilder auf Reisen, etwa Alpen, Italien, Frankreich, malte aber vor allem Landschaften in Dänemark. Die Berge haben ihn dazu inspiriert, zu einem Maler der dänischen Küste & Landschaft zu werden: Stille, karge, reduzierte Orte (nicht süßlich/golden), die er in Monumente verwandelt. Bäume und Parks, Fluss und Meer, Felsen, Wiesen, Strand. Dabei befinden sich oft unscheinbare Elemente wie Tang, Gras, Steine im Vordergrund.
Was mich inspiriert
- Maler der Stille, die mich in seinen Werken tief anrührt
- Handwerklich brillant und altmeisterlich. Gleichzeitig in seiner Komposition und Ausschnittswahl, Perspektive und Darstellung der Struktur sehr modern
- Nichts anderes als pure Natur und tiefe Ruhe. Nichts Verklärtes, nichts Gefälliges, nichts Wamherziges. Keine Geschichten. Liebe zum Unscheinbaren, klar dargestellt.
- Serielles Arbeiten, da die Wirklichkeit nicht als Unikat existiert (Änderungen z.B. durch Wetter, Jahreszeiten) und es unendlich viele Blickwinkel gibt
- Er hat 5 Jahrzehnte lang konsequent seinen Stil verfolgt, unbeeinflusst von all den neuartigen Strömungen in der 2. Hälfte 19. Jahrhundert wie die Schule von Babinzon, Naturalismus, Realismus, Impressionismus…
- Aus seinen Briefen auf Reisen erkennt man, dass er sich stark und oft auch sehr kritisch mit der europäischen Kunst auseinandersetzt. Er sucht nach Inspirierendem, um davon zu lernen.
Bekannte / typische Werke
- Monte Rosa
- Mündung des Waldmühlenbaches in die Ostsee
- Villa d’Este in Tivoli
Zitate
- „Ein früher Morgen mit Tau und leicht trübem Wetter, ein Mondscheinabend am Strand gehören zu meinen ersten Erinnerungen als 8- bis 10-Jähriger.“
- „Der Wind trocknt die Tränen besser als die Hoffnung auf ein Wiedersehen.“
Links
- Janus la Cour und das neue Bild der Natur — Kurator Florian Illies im Gespräch mit Simon Elson
- Mein Lesetipp, aus vollem Herzen empfohlen: das von Simon Elson verantwortete Buch: Macht der Stille Janus la Cour und das Bild der Natur, erschienen im Sandstein Verlag; aus ihm stammen auch die beiden Zitate
8. Joaquín Sorolla y Bastida (1863–1923)
Spanischer Maler und Grafiker des Impressionismus.
Er beherrschte das Licht- und Schattenspiel so perfekt, dass der Betrachter fast meint, die Sonne und den Sand auf der Haut zu spüren.
Was mich inspiriert
- Das Flirren und Gleißen des Lichts der mediterranen Landschaft
- Das Wasser und seine Reflexionen
- Die Stoffe und ihre Haptik
Bekannte / typische Werke
- Spaziergang am Strand
- Mutter und Kind am Strand
- Zwei Schwestern, Valencia
Zitat
- „I hate darkness. Claude Monet once said that painting in general did not have light enough in it. I agree with him. We painters, however, can never reproduce sunlight as it really is. I can only approach the truth of it.“
Links
- Sorolla wurde 2016 in der Kunsthalle München mit der Einzelausstellung Spaniens Meister des Lichts gewürdigt
- Eine Slideshow von 555 (!) Gemälden des Künstlers auf YouTube
9. Giorgio Morandi (1890–1964)
Italienischer Maler und Grafiker, bekannt für seine ruhigen Stillleben von Flaschen, Schüsseln und anderen Objekten, die vom Menschen für den täglichen Gebrauch gefertigt werden. Er setzte dabei Flächigkeit und Räumlichkeit mit gedeckten, harmonischen Farben und Licht in Beziehung.
Was mich inspiriert
- Er hat sein „Warum“ gefunden und das konsequent verfolgt: Wie spiegeln die Proportionen von gefertigten Gegenständen den Menschen – in ihrer Eignung für dessen Hand und zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse?
- Und das ganz unspektakulär und still.
Bekannte / typische Werke
- Ich denke, sie sind eher in ihrer Gesamtheit bekannt und erkennbar
Zitate
- „One can travel this world and see nothing. To achieve understanding it is necessary not to see many things, but to look hard at what you do see.”
- „I am essentially a painter of the kind of still life composition that communicates a sense of tranquillity and privacy, moods which I have always valued above all else.“
- „Das einzige Interesse, das die sichtbare Welt in mir erregt, betrifft den Raum, das Licht, die Farbe und die Formen…“
Links
10. Alberto Giacometti (1901–1966)
Schweizer Bildhauer, Maler und Grafiker der Moderne, der seit 1922 hauptsächlich in Paris lebte und arbeitete. Er war dort vernetzt mit zahlreichen Malern, Sammlern, Literaten, Philosophen etc. Bekannt wurde er v.a. wegen seiner langen, überschlanken menschlichen Figuren. Dabei setzte er sich mit dem Verhältnis zwischen Figur und Raum auseinander.
Was mich inspiriert
- Er hat Zeit seines Lebens für sein künstlerisches Schaffen nicht mehr gebraucht als sein winziges Atelier in Paris (und seine Besuche in seinem Heimattal Bergell).
- Er hat sein Leben diesem Schaffen untergeordnet
- Er forschte unbeirrt nach seinem künstlerischen Weg. Auch wenn das bedeutete,
seine Figuren immer kleiner und die Sockel immer größer werden zu
lassen und die Figuren damit fast zum Verschwinden zu bringen (und damit auch seine geliebte Mutter zu verstören, die sonst immer an ihn glaubte). - Er glaubte daran, dass Fehler keine Fehler sind, sondern unabdingbarer Teil des kreativen Prozesses
- Seine Vernetztheit und seine Offenheit für grenzübergreifendes Denken: Surrealismus. Philosophie. Die Natur des Menschen
Bekannte / typische Werke
- Seine langgestreckten Skulpturen sind unverkennbar. Die Bronzefigur „Zeigender Mann“ wurde 2015 für 126 Millionen Euro an einen Privatsammler verkauft
Zitat
- „Je mehr ich scheitere, desto erfolgreicher bin ich.”
Links
- Giacomettis Biografie auf der Webseite der Stiftung
- Im Museum moderne Kunst Passau war 2022 eine Giacometti-Ausstellung zu sehen
- Ein Buch, das ich mit Freude gelesen habe: James Lord – Alberto Giacometti: Die Biographie (2009)
11. Cy Twombly (1928–2011)
Amerikanischer Maler, Fotograf & Objektkünstler, wichtiger Vertreter des abstrakten Expressionismus.
Äußerst produktiver Künstler. Seine oft großformatigen Bilder bestehen aus Farbschichten und Überlagerungen mit Spuren, Kratzern, Kritzeleien, Schrift. Sie wirken fast beiläufig und hell, gleichzeitig untergründig und geheimnisvoll.
Was mich inspiriert
- Er blieb bei sich und seinem Schaffen, auch als er noch nicht berühmt war: In den 50er Jahren war die New Yorker Kunstszene das Non-Plus-Ultra. Doch er richtete sich zum Ende der 50er Jahre ein Leben in Rom ein und besuchte von dort aus regelmäßig andere Orte wie Gaeta, Griechenland, Ägypten, den Sudan.
- In einem seiner seltenen Interviews sagte er, dass die Ruhe ihm die Freiheit als Maler gegeben habe.
- Er malte Schrift, verband Text und Bild
- Orte wurden zum ‚Schauplatz‘ der Entstehung seiner Werke; er sagte selbst, er sei immer von Orten verführt worden; moderne Historien- und Mythologiemalerei.
Bekannte / typische Werke
- Zyklus „Lepanto“
Zitate
- „My line is childlike but not childish. It is very difficult to fake. To get that quality you need to project yourself into the child`s line. It has to be felt.“
- „To my mind, one does not put oneself in place of the past; one only adds a new link.“
Link
- Ein langer Artikel über Twombly von 2011 (auf Englisch)
12. Horst Janssen (1929–1995)
Norddeutscher Grafiker und Zeichner. Hat zudem toll geschrieben und Reden gehalten. Schonungslose Selbstportraits und karge Landschaften; meisterhafte Radierungen und Lithografien. Exzessives Leben und Lieben mit vielen, oft alkoholgetriebenen Skandalen, war ein bisschen der „Bad Boy“ der Hamburger Gesellschaft.
Was mich inspiriert
- Begnadeter Druckgrafiker und Zeichner
- Gewaltiges Œvre, allein die Anzahl seiner Selbstportraits geht in die Tausende
- Hat viel in thematischen Serien gearbeitet (meist beeinflusst durch Erlebnisse/Ereignisse)
- Große Themen: Die Liebe und das Leben, die Vergänglichkeit und der Tod; die Natur – Makrokosmos und Mikrokosmos
- Die Kunst des Monochromen
- War selbstbewusst, hat sich an den Großen gemessen
Bekannte / typische Werke
- Viele seiner Werkzyklen, etwa die Selbstportraits, die Landschaftsradierungen, Stillleben…
Zitat
- „Ich bin hinter den flüchtigen Erscheinungen dieser Welt in ihren wechselnden Verkleidungen her, damit ich bei meiner Beerdigung sagen könnte: ‚Ich hab’s gesehen!‘ Und wenn ich bis dahin und zwischendurch schreie, dann: Laßt mich in Ruhe.“
Link
- Mein Blogartikel über die Janssen-Ausstellung in Kaufbeuren
- Auf YouTube finden sich etliche Dokumentationen – hier ist eine davon, die auch zeigt, wie Janssen vor Selbstbewusstsein gestrotzt hat (Kunstkönnen geht nicht zwingend mit sympathischen Menschen einher)
- Bücher gibt es zahlreiche; ich habe eine große Sammlung, in die ich immer wieder reinschaue, um Inspiration zu finden
13. Gerhard Richter (1932–…)
Deutscher Maler, Bildhauer und Fotograf. Von 1971 bis 1993 war er Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Werke gehören zu den teuersten eines lebenden Künstlers, auf internationalen Rankinglisten steht er seit Jahren auf einem der ersten Plätze.
Was mich inspiriert
- Er verweigert sich jeder „Botschaft“ – Malen ist Malen. Punkt.
- Er probiert immer wieder Neues aus. Ist ein Thema ausgereizt oder kommt er nicht weiter, beginnt er mit dem nächstem.
- Seine Künstlerbücher
- Seine Werkverzeichnisse
- Für mich (neben William Turner) der erste Künstler, bei dem ich dachte: Von ihm möchte ich gern ein Bild besitzen.
Bekannte / typische Werke
- Die übermalten Fotografien, Die „verwischten“ Bilder, z.B. Akt auf der Treppe…
- Die Wolkenbilder
- Betty
- Die Rakelbilder
- Das Fenster im Kölner Dom
- Der „Atlas“
- Der Stammheim-Zyklus
Zitate
- „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtungen; ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“
- „Das Denken ist beim Malen das Malen“
- „Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder.“
- „Es geht um keine Lehre bei einem Kunstwerk. Bilder, die deutbar sind und die Sinn enthalten, sind schlechte Bilder. Ein Bild stellt sich dar als das Unübersichtliche, Unlogische, Unsinnige. Es demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt. Es zeigt uns das Ding in seiner Vielbedeutigkeit und Unendlichkeit, die eine Meinung und Ansicht nicht aufkommen lassen.“
Links
- Auf der Webseite von Gerhard Richter finden sich zahlreiche Informationen, u.a. auch viele weitere Zitate
- Mein Blogartikel über die Gerhard-Richter-Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf 2024
Und hier 14 weitere kurze „Warums der Inspiration“
- Paul Cézanne (1839–1906): Weil er einen neuen Umgang mit Perspektiven schuf, seine Farben klar sichtbar über die Flächengrenzen hinausgehen und sich alle folgenden Stillleben-Künstler an seinen Äpfeln messen mussten und müssen
- Pablo Picasso (1881–1973): Weil er sich ständig weiterentwickelt und experimentiert hat. Weil er ein untrügliches Gespür für großartige Kompositionen hatte. Weil er Druckgrafik (die er sich autodidaktisch und mit Hilfe von Druckern aneignete) experimentell weiterentwickelt und ganz anders als vorher üblich verwendet hat.
„Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, denken die Leute, sie müssen es ‚verstehen‘.“
Eines meiner Lieblingszitate überhaupt: „Ein Maler ist ein Mann, der malt, was er verkauft. Ein Künstler ist dagegen ein Mann, der das verkauft, was er malt.“
* Ein Artikel über Picasso als Druckgrafiker begleitend zu einer Ausstellung im Frankfurter Städel Museum 2019 - Joseph Cornell (1903–1972): Weil er Erinnerungen und Träume in poetische dreidimensionale Collagen verwandelt hat.
- Frida Kahlo (1907–1954): Weil sie persönliches Leid in starke Kunst verwandelt und unverwechselbare Frauenbilder voller Persönlichkeit geschaffen hat.
„Nichts ist absolut. Alles verändert sich, alles bewegt sich, alles dreht sich, alles fliegt und verschwindet.“;
„Ich male meine eigene Realität. Das Einzige, das ich weiß, ist, dass ich male, weil ich es brauche, und ich male, was auch immer durch meinen Kopf geht, ohne andere Überlegungen.“
* Ein Portrait über die Künstlerin im ad Magazin - Nicolas de Staël (1914–1955): Weil er es geschafft hat, Landschaft zu seiner eigenen zu machen, sie zu abstrahieren und neu zusammenzusetzen. Und sie damit fühlbar zu machen.
„One never paints what one sees or believes one sees, one paints with a thousand vibrations the blow received.“
* Ein Einblick in seine Werke (ausgestellt im Musée d’Art Moderne de Paris 2023/24) auf YouTube - Joan Mitchell (1925–1992): Weil sie mit der Farbe getanzt hat.
„Sometimes I don’t know exactly what I want [with a painting]. I check it out, recheck it for days or weeks. Sometimes there is more to do on it. Sometimes I am afraid of ruining what I have. Sometimes I am lazy, I don’t finish it or I don’t push it far enough. Sometimes I think it’s a painting.“ - Gillian Ayres (1930–2018): Wegen ihrer Farben und weil Ihre Gemälde und Drucke eine unfassbare Lebensfreude ausstrahlen. Und weil ich deren grafische Anmutung bewundere.
„In artist material shops I become rather excited and extremely greedy. I suppose just levering the lid off a tin of paint is a pleasure and pure turps probably smells better than any perfume.” - Sheila Hicks (1934–…): Weil sie es geschafft hat, Textilkunst als ernstzunehmende Form der Kunst zu etablieren. Weil ihre Kunst im Zusammenspiel zwischen Material, Farbe und Raum sinnlich ist.
„I’m having a wonderful time experimenting, and I couldn’t care less whether they’re gonna label it. Whether it’s gonna be acceptable to the art community, or to the craft community, or to no community. (…) I like to play and work and invent things that have crossover meaning.“
* Mein Blogartikel über die Ausstellung in St.Gallen
* Ein Interview mit Sheila Hicks 2019 - David Hockney (1937–…): Weil er neugierig ist und auch im Alter immer wieder Neues ausprobiert (z.B. Filmdrehen, iPad…) . Weil er ein kluges Buch geschrieben hat, das zeigt, dass auch schon vor Jahrhunderten Hilfsmittel wie Projektionen zum Malen genutzt wurden (Geheimes Wissen: Verlorene Techniken der Alten Meister wiederentdeckt)
„Ich liebe es, mir die Welt anzusehen. Es hat mich schon immer interessiert, wie wir sehen und was wir sehen. Die Welt ist aufregend, auch wenn man das von vielen Bildern nicht behaupten kann.“ - Miriam Cahn (1949–…): Weil sie einen gnadenlosen Blick auf unsere Welt hat. Weil sie es schafft zu zeigen, dass Kunst mehr Emotionen wecken kann als die abgebildete Realität in den Medien.
„… und die Frage stellen, was ist Kunst anderes als ein überdachter Fluchtweg, was ist ein Museum anderes als ein Schutzraum, manchmal auch eine Isolationszelle, für in Form, in Gestalt gebrachte Träume, Visionen und Gespinste?“
* Ich hatte das Vergnügen, die Künstlerin 2019 persönlich kennenzulernen, weil ich als Buchdesignerin den Begleitkatalog zu ihrer Ausstellung im Kunsthaus Bregenz gestalten durfte. - William Kentridge (1955–…): Weil er ein extrem vielseitiger Künstler ist (Zeichnung, Bewegtbilder, Animationen…), der es schafft, einen Bogen zwischen dem Thema Postkolonialismus / Apartheid und humorvoller, spielerischen Magie zu spannen und dabei gattungsübergreifend denkt und arbeitet.
Und weil ihm das Zugänglichmachen von Kunst extrem wichtig ist.
„It’s always been in between the things I thought I was doing that the real work has happened“
* In den Hamburger Deichtorhallen fand 2021 eine Kentridge-Ausstellung statt
* 2024 hat Kendridge den internationalen Folkwang-Preis erhalten - Friedel Anderson (1954 – …): Weil er wunderbare Landschaften und Stillleben malt, die zeitgenössisch und gleichzeitig zeitlos sind.
- Peter Callesen (1967– …) und
- Simon Schubert (1976 – …): Weil sie zeigen, dass Papier Kunst sein kann.
Fazit
Eine spannende Aufgabe, mir zu überlegen, warum ich Kunstschaffende und ihre Kunst inspirierend finde. Ich habe festgestellt, dass ich dadurch klarer sehe, was mich selbst umtreibt:
- Natur, Stille, Licht
- Himmel und Wasser
- Freiheit im Denken, Experimentelles tun
- Vielfalt ist kein Zeichen von Schwäche
- Keine Angst vor dem Scheitern haben
- Nicht entlang der ausgetretenen Pfade laufen oder den Strömungen folgen, lieber Neues wagen
- Bei sich bleiben (auch oder gerade bei Gegenwind), Selbstbewusstsein
- Schauen, schauen, schauen
- Machen, machen, machen, immer dazu lernen
Und zum Abschluss die Frage: Wie schaffe ich es, mich in der Vielfalt zu fokussieren?
Wenn ich das mal wüsste…
PS: Sie haben es tatsächlich geschafft, bis hier zu lesen? Dann habe ich noch einen abschließenden Tipp: Machen sie sich doch auch mal Gedanken, warum Sie wovon inspiriert sind. Das eröffnet wirklich immer wieder neue Perspektiven und man schaut sich Kunst mit anderen Augen an.
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Liebe Dagmar,
vielen Dank für diesen wunderbaren Einblick – so viel Herz, Tiefe und echte Begeisterung!
Ich bin vor einiger Zeit nach Mallorca ausgewandert und liebe hier besonders die Verbindung von Natur, Kultur und Kunst. Auf kleinen Märkten und in versteckten Galerien habe ich mir schon ein paar besondere Stücke „erackert“ – jedes erzählt eine eigene Geschichte. Inspiration finde ich hier an jeder Ecke, oft ganz unerwartet.
Dein Artikel hat mir nochmal bewusst gemacht, wie wertvoll diese Vielfalt an künstlerischen Stimmen ist. Danke fürs Teilen!
Liebe Andrea,
danke für deinen Kommentar. Da hast du dir einen schönen Platz zum Leben ausgesucht, der – wie gute Kunst – viele Geschichten erzählt.
Natur, Kultur und Kunst befruchten sich seit jeher, es ist schön, das immer wieder zu entdecken.
Viel Spaß beim Weiterstöbern und „Ackern“, Dagmar