Macht Kunst einsam?

von | 1. Januar 2025 | Ateliergeflüster

Künstlerin arbeitet allein in ihrem Atelier, in dem viel Kunst zu sehen ist. Ist sie einsam?

Als Künstlerin habe ich viele Freund:innen, die selbst kreativ tätig sind – etwa als Musiker, Schauspieler oder eben auch Bildende Künstler:innen. Sie alle machen das, was sie tun, mit Leidenschaft und viel Liebe. Doch nicht alle versuchen, damit ihr Geld zu verdienen. Das ist manchmal ein Minenfeld.

Als ich vor einigen Jahren entschieden habe, von meiner Kunst zu leben, blickte ich zwar schon auf eine lange Zeit als Selbstständige zurück, doch auf viele Aspekte des Berufslebens als Künstlerin war ich nicht vorbereitet. Einigen davon bin ich während der vergangenen Wochen und Monate mehr als einmal begegnet. Bei der Auseinandersetzung damit hatte ich manchmal das Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen. Ich bin sicher, auch andere Kunstschaffende kennen das – daher dieser Artikel.

Diese Aspekte sind potenzielle Herausfordungen und Diskussionsquellen:

  1. Kunst und Knete
  2. Hört bei Kunst die Freundschaft auf?
  3. Kunst und Preisgestaltung
  4. Qualität der Kunst
  5. Ausstellungsumgebung
  6. Kunstvermarktung
  7. Sind Künstler einsam?
Sessel in einem Galerieraum, in dem viele Gemälde hängen
Bequemer Sessel oder Schleudersitz? Konstruktives Alleinsein oder Einsamkeit?

Kunst und Knete

Kunst und Geld sind ein Paar, von dem wohl viele behaupten, dass es nicht besonders gut zusammenpasst. Doch wenn das Kunstschaffen nicht nur Leidenschaft ist, sondern auch ein Business sein soll, müssen die beiden sich irgendwie zusammenraufen.

Im Business müssen Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgestellt werden: Wie hoch sind die Ausgaben, mit welchen laufenden Kosten muss ich planen? Wie viel Zeit muss ich in all die Dinge stecken, die nicht „Kreieren“ im engeren Sinn bedeuten, sondern die nötig sind, um ein Business zu generieren und am Laufen zu halten, also so etwas wie Webseite und Social Media, Presse und Marketing, Technik, Rechtliches und Finanzen? Welche Materialien brauche ich, welche Fortbildungen bringen mich weiter?

Wie definiere ich potenzielle Käufer und wie schaffe ich es, diese anzusprechen? Wie sinnvoll ist es, Kataloge zu gestalten, Videos zu drehen und Audios zu generieren? Soll ich Vorträge halten oder Kurse geben? Wie positioniere ich mich, wo, wofür und wie bewerbe ich mich? Wie schaffe ich mir Inseln zum Arbeiten, Freiräume zum Experimentieren? Und ganz schlicht: Wie erhalte ich mir bei all diesen Herausforderungen die pure Freude am Schaffen?

Lächelnde Künstlerin mit Pinseln in der Hand in ihrem Atelier
Kunst schaffen – mit Begeisterung und Leidenschaft!

Hört bei Kunst die Freundschaft auf? 

Einer der potenziellen Reibungspunkte ist, dass nicht alle meiner Freundinnen diese finanziellen Herausforderungen haben. Sei es, weil sie sich nicht als professionelle Künstlerin sehen, sei es, weil sie ihre Kunst im Ruhestand oder nebenher machen und auf diese Einkünfte nicht angewiesen sind und vielleicht sogar ihr Atelier zuhause haben, also keine Mietkosten anfallen.

Wenn man Kunst vor allem aus Leidenschaft macht, stehen vielleicht die Qualität der Werke und die künstlerische Weiterentwicklung im Fokus, während all die anderen Punkte, die zu einem Business gehören, kaum relevant sind.

Wenn unsere Blickwinkel und Prioritäten verschieden sind, kann es für mein Gegenüber schwierig sein, meine Kritik an oder Zurückhaltung bei gemeinsamen Aktionen zu verstehen. Oder noch schlimmer, sie wird als mangelnde Wertschätzung oder als überheblich wahrgenommen. Auch deshalb versuche ich hier, die aus meiner Sicht wichtigen Aspekte etwas genauer zu beleuchten.

Arbeit aus ineinander geschichteten Papierfasern. Der Titel ist "dünnhäutig"
Macht Kunst einsam? Auf jeden Fall manchmal sehr dünnhäutig!

Kunst und Preisgestaltung

Die Preise für Kunst festzulegen, ist kein einfaches Unterfangen. Die Details dazu habe ich in meinem Artikel „Was kostet Kunst“ schon ausführlich beleuchtet. Auf einen Aspekt möchte ich hier näher eingehen: die Umgebung, in der die Kunst ausgestellt wird. Dabei sind aus meiner Sicht zwei Fragen relevant: Zum einen „Was kosten meine Werke überhaupt?“ Und zum anderen: „In welchem preislichen Umfeld stelle ich meine Bilder aus, was kosten also die anderen Kunstwerke?“

Was kosten meine Werke?

In bestimmten Settings ist meine Kunst möglicherweise zu günstig. So habe ich vor einigen Wochen mit einer Münchner Galeristin gesprochen, die meinte, dass sie Kunst in solchen Preiskategorien nicht ausstellen könne, weil diese unter ihrem sonstigen Niveau liegen. Oder mit anderen Worten: Nur das, was relativ viel kostet, wird als hochwertig wahrgenommen.

Würde ich dort auszustellen, müsste ich meine Preise anheben. Doch das würde wiederum dazu führen, dass ich in einem anderen Ausstellungsumfeld viel zu teuer bin, also dort keine Chancen mehr habe, meine Werke zu verkaufen.

Auf dem professionellen Kunstmarkt ist es verpönt, Preise wieder zu senken oder bei Sonderaktionen mit Rabatt zu verkaufen (außer vielleicht mit einem kleinen Preisnachlass für Sammler, die mehr als ein Werk erwerben). Ein Argument dabei ist, dass es Sammler nicht besonders gut finden, wenn der Wert ihrer Kunst sinkt. Das heißt: mit den Preisen hochzugehen, ist im Prinzip eine unumkehrbare Entscheidung und muss deshalb gut überlegt sein. Je nach Ausstellungskontext unterschiedliche Preise zu verlangen, ist auch keine Lösung – mit welchem Argument sollte ich das meinen Kunden erklären?

In welchem preislichen Umfeld zeige ich meine Werke?

Innerhalb einer Ausstellung sollte die Preisstruktur stringent sein. Menschen tendieren dazu, sich für Günstigeres (bzw. etwas, was im Mittelfeld liegt) zu entscheiden. Das habe ich zum Beispiel erlebt bei Ausstellungen, in denen Malerei und gleichzeitig Fotografie gezeigt wurden. Gekauft wurden überwiegend die Fotografien – sie waren zwar anders als die Gemälde keine Unikate, aber weitaus günstiger.

Bei gleichen Preisen entscheiden sich potenzielle Käufer wiederum oft eher für das, bei dem sie das Gefühl haben, mehr für ihr Geld zu bekommen. Diese Erfahrung habe ich kürzlich bei einer Benefizveranstaltung gemacht, bei dem alle Werke zum Einheitspreis angeboten wurden. Gekauft wurden vor allem sehr große Bilder. Das Traurige: Damit waren dann gerade mal die Materialkosten gedeckt. Das wäre so, als würde der Bäcker das Brot zu dem Preis weiterverkaufen, die der Teig gekostet hat.

Zusammenfassend: Die Preisgestaltung sollte wohl überlegt sein, ebenso wie das Umfeld, in dem die Kunst ausgestellt werden soll.

Verschiedene Behälter zum Farbenmischen und für Wasser
Manche Materialien muss man nicht extra kaufen. Doch andere – wie hochwertige Farben und Leinwände – schon. Auch das muss bei der Preisfindung eingerechnet werden.

Qualität der Kunst

Auch dies ist ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte: Möchte ich in einem Kontext ausstellen, bei dem die künstlerische Qualität sehr unterschiedlich ist? Es geht hier nicht um verschiedene Techniken und Arten von Kunst, oder um das, was ich mag oder auch nicht. Und es geht auch nicht darum, ob jemand studiert hat oder Autodidakt ist, Mitglied in einem Berufsverband wie dem BBK ist oder nicht. Sondern es geht um Qualitätsmerkmale. Und so schwer diese im Einzelnen festzulegen sind, es gibt sie meiner Meinung nach.

Ist es also angemessen, wenn ich sage, mit der oder dem möchte ich nicht zusammen in einer Ausstellung hängen? Das hört sich schrecklich arrogant an, ich weiß. Und doch ist es vielleicht wichtig, sich als professionelle Künstlerin solche Fragen zu stellen und sie in Entscheidungen für oder gegen eine Ausstellung einfließen zu lassen. Oder sie umzudrehen in „Mit wem möchte ich gerne ausstellen“.

Kunstausstellung in einem Hotel
Eine Ausstellung im Hotel? Möglich, doch immer mit Abwägen verbunden.

Ausstellungsumgebung

Dieser Punkt ist eng verwandt mit den vorherigen. Wo möchte ich ausstellen? Was möchte ich mit der Ausstellung erreichen: Geht es mir nur um den potenziellen Verkauf oder auch um das Renommee des Ortes? Ist eine Ausstellung in einem Geschäft ok oder in einem Hotel? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Was dabei nicht vergessen werden darf: Für professionelle Bewerbungen um Ausstellungen, Fördermittel oder Artist Residencies ist auch eine Vita wichtig. Und auf dieser sollten wiederum keine „trivialen“ Orte auftauchen, sondern Adressen wie Kunstvereine, Galerien, Museen. Ähnliches gilt für nationale und internationale „Artrankings“: Was zählt, sind die Ausstellungsumgebungen und ob man allein oder in einer Gruppe (und dann: mit wem) ausstellt.

Das kann ich gut finden oder nicht, aber wenn ich mich in diesem Kunstmarkt behaupten oder sogar „Karriere“ machen will, darf ich solche Punkte nicht ignorieren. Sondern muss mir immer wieder Fragen stellen wie: „Was genau möchte ich erreichen?“, „Wo geht es um Sichtbarkeit, um den Ruf oder um Verkäufe?“, „Was nehme ich in Kauf und unter welchen Bedingungen?“. Und auch ganz wichtig: „Wie verteile ich meine Energie?“

Foto von einem Acrylgemälde in Rottönen an einer Wand in einem Wohnzimmer
Kunstvermarktung gehört auch zum Künstlerinnendasein: Werke so aufbereiten und in virtuelle Räume stellen, dass sich die Menschen vorstellen können, wie sie wirken. Und dann das Ganze in den Shop hochladen und beschreiben.

Kunstvermarktung

Die Marketingstrategie ist bei jedem Business ein zentraler Aspekt. In der Kunst stellen sich dafür dann Fragen wie: Wie werde ich bekannt? Wie schaffe ich es, sichtbar zu werden und Menschen für meine Kunst zu begeistern und, im besten Fall, meine Kunst zu verkaufen? Werde ich als Expertin wahrgenommen, nehmen die Menschen mich ernst? Oder auch: Nehmen mich die Institutionen des Kunstmarktes ernst? Das ist leider nicht immer das Gleiche, manchmal sogar gegenläufig.

Kommunikationsmaterialien sind wichtig – ganz klassische wie Einladungsflyer, Kataloge, Plakate, aber auch der Gesamtauftritt etwa des Vereins oder des Veranstalters: Wirken die Printprodukte, das Logo, der Webauftritt professionell? Gibt es eine Präsenz in der Presse und den sozialen Medien und wenn ja, wie sieht diese aus? Zu wenig ist genauso schwierig wie zu viel, der Spagat zwischen „zu verhalten“ und „zu penetrant“ ist oft nicht so einfach. Das Amsterdamer Rijksmuseum zeigt mit seinem Instagram-Auftritt, dass sogar Humor funktioniert, doch die Grenze zum Lächerlichen oder Nervigen ist schnell überschritten.

  • Auf all diese Aspekte blicke ich bei meinem eigenen Auftritt und passe sie gegebenenfalls immer wieder an. Doch genauso genau schaue ich mir sie eben auch in anderen Settings an. Ich möchte, dass meine Kunst als professionell wahrgenommen wird, und dazu gehört auch ein professioneller Auftritt bzw. ein professionelles Umfeld..
  • Das heißt beispielsweise, dass ich mich nur dort bewerbe, wo aus meiner Sicht diese Kriterien erfüllt sind. Kritik an den Prozessen und Produkten in Institutionen steht mir als Externe nicht zu. Manchmal darf ich als Grafikdesignerin die jeweiligen Werbemaßnahmen selbst gestalten oder Vorschläge machen. Doch oft muss ich einfach das Beste hoffen (was ja auch oft funktioniert).
  • Bei Aktionen in Gruppen, die ich kenne, kann Manöverkritik jedoch ein Drahtseilakt sein. Manchmal wird sie von den jeweils Aktiven als mangelnde Wertschätzung empfunden, schnell mal ergänzt um das Totschlagargument „Dann mach es doch selbst“. Manchmal wird sie nicht verstanden. Oder die Gruppe ist so bunt gemischt, dass es grundsätzlich nicht so einfach ist, einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Foto von Pinseln und Stiften in einem Atelier
Die wenigsten Menschen teilen die Begeisterung, sich über Pinsel auszutauschen …

Sind Künstler einsam?

Viele Kunstschaffende arbeiten allein. Kreativität wird von Stille genährt, richtet sich der Blick doch dann nach innen und kann sich fokussieren. Doch fühlen sich Künstler deshalb einsam? Ich denke, das ist – wie bei anderen Menschen auch – Typsache. 

Ich zum Beispiel mag Alleinsein und Stille sehr, fühle mich in meinem Atelier also nicht einsam. Allerdings finde ich es oft sehr schwierig, Menschen, die selbst keine Kunst machen, zu vermitteln, mit welchen Dämonen ich mich als Künstlerin rumschlage. Und dann entsteht manchmal das Gefühl „Keiner versteht mich“, bestimmt ein Aspekt von Einsamkeit. 

Doch auch mit anderen Kunstschaffenden ist die Kommunikation nicht immer einfach. Auf viele Aspekte bin ich oben eingegangen. Und dazu gibt es Missverständnisse, Neiddebatten, abweichende Meinungen und emotionale Befindlichkeiten – eben die ganze Palette menschlichen Miteinanders. Also kann man sich als Künstlerin durchaus auch einsam unter anderen Kunstschaffenden fühlen. 

Frau, die mit dem Rücken zu Betrachtenden allein für einer Bildergalerie steht

Fazit

Als professionelle Künstlerin muss ich mir immer wieder die Frage stellen, welche Kunst ich warum und wie mache. Doch um Kunst nicht nur erfüllend zu finden, sondern von der Leidenschaft auch leben zu können, sind weitere Themen wichtig: Wie ich sichtbar werde, wie ich Menschen erreiche, die sich für Kunst begeistern, in welchem Umfeld ich ausstelle, wie ich die Preise für meine Kunst gestalte.

Während ich versuche, mit solchen Fragen meinen künstlerischen Platz zu finden, besteht immer die Gefahr, dabei anderen auf die Füße zu treten oder mich unverstanden und ausgegrenzt zu fühlen. Wichtig ist deshalb, im Gespräch zu bleiben, das Handeln zu erklären. Und auch mich selbst und die eigenen Reaktionen immer wieder kritisch zu hinterfragen. Damit aus dem frei gewählten Alleinsein im Atelier keine Einsamkeit wird, braucht es Offenheit für andere und für Anderes. Und vermutlich auch die Fähigkeit, nicht alles so ernst zu nehmen – miteinander lachen verbindet.


Dagmar Reiche Werkkatalog 2024 Cover

Mein aktueller Katalog: Hier lässt er sich online durchblättern


Links:

Tschüss Blockade, hallo Kreativität

Sie wollen Ihre weiße Leinwand in eine kreative Bühne verwandeln? Ich habe für Sie Impulse zusammengestellt, damit Sie wieder ins kreative Tun kommen. Hier gibt es das PDF.

Weitere Blogartikel

Art Karlsruhe 2026

Art Karlsruhe 2026

Nach längerer Zeit habe ich es endlich mal wieder geschafft, die Art Karlsruhe zu besuchen. Und ich muss sagen: Ich bin froh, dass ich dort war. Das aktuelle Kurator:innenteam Olga Blaß und Kristian Jarmuschek hat etwas richtig Frisches auf die Beine gestellt. Was als...

Wolken in der Kunst

Wolken in der Kunst

Erinnern Sie sich an diese Sommer als Kind? Als wir auf dem Rücken im Gras lagen, in den Himmel auf die seltsamen, schnell wechselnden Gebilde blickten und unsere Gedanken mit ihnen auf die Reise schickten? Als wir uns Fragen stellten wie: Wo kommen die Wolken wohl...

Zärtlich staunen – ein Rückblick auf 2025

Zärtlich staunen – ein Rückblick auf 2025

Die Berge sind sanft überzuckert, so wie die Weihnachtsplätzchen, die ich doch noch gebacken habe, bevor der Advent vorbei ist. Nun sitze ich am Tisch, draußen lichtet sich der zähe Frühwinternebel und die Sonne setzt die kargen Zweige des Gartens fast schüchtern in...

Still und Froh – eine Ausstellung in Ligurien

Still und Froh – eine Ausstellung in Ligurien

Die Räume im Castello von Bajardo kenne ich seit vier, fünf Jahren. Nämlich seitdem unsere Freunde sich entschlossen haben, das Leben als Architekten in Deutschland gegen das als Olivenbauern in Ligurien einzutauschen und ich sie das erste Mal dort besucht habe. Zu...

Wer bin ich, was macht mich aus?

Wer bin ich, was macht mich aus?

Eigentlich beteilige ich mich so gut wie nie an gemeinschaftlichen Blog- und Social-Media-Aktionen. Ob 100-Tage-Challenges, einmal im Monat zwölf Fotos posten oder jeden Tag ein Adventskalendertürchen öffnen – solche Aktivitäten zielen darauf ab, möglichst viel...

13 (+) Kunstschaffende, die mich inspirieren. Und warum

13 (+) Kunstschaffende, die mich inspirieren. Und warum

Immer wieder stellen mir Menschen die Frage, welche Vorbilder ich in der Kunst habe. Früher bin ich bei dem Begriff „Vorbild“ eher zurückgezuckt. Er schmeckte nach „Held“ und „imitieren“ – Kunst, die so toll ist, dass ich versuche, sie nachzumachen. Und bei meiner...

8 Kommentare

  1. Liebe Dagmar,
    toller Erfahrungsbericht, Einblick, Auseinandersetzung mit dem professionellen Künstlerdasein, …
    Ich kann dich in allen beschrieben Erfahrungen, Gedanken wie auch Herausforderungen bestens verstehen.
    Ich bin auch so ein ‚Zwitterwesen‘, welches Freie Malerei und Grafik Design an der FH in Köln Anfang der 1980er Jahre studiert hat.

    Auch wenn ich ursprünglich als freier Künstler (Malerei, Musik, Schauspiel, Bühnen- wie Kostümdesign und Grafik Designer für Music-Studios, – und Verlage) mein leben leben wollte, so waren es dann die eigenen Kinder, die regelmäßig verlässliche monatliche Einnahmen benötigten und mich zur Entscheidung führten, als Grafik Designer, Art- und Creative Director ab 1986 über 30 Jahre für Agenturen zu arbeiten. Eine Entscheidung die ich niemals bereut habe. Durch das Erfüllen meiner Verantwortung meinen geliebten Kindern gegenüber, bin ich auch als Künstler gereift und konnte meine Entwicklung als Künstler frei entfalten.
    Umso mehr ich in Agenturen auch eine Etatverantwortung übernommen habe, umso mehr konnte ich in die Marketingetatplanung auch eine Kulturförderung und Kulturbildungsprojekte als CSR- oder CC-Maßnahme einbauen. Jedoch, die Dreifachbelastung als Familienvater – eine zeitlang alleinerziehend – als Kreativverantwortlicher in Agenturen und für Unternehmen sowie in meiner Leidenschaft als Künstler und Kunst- und Kulturförderer führten, nachdem mein jüngster Sohn sein Studium 2006 began, zu einem schweren BurnOut. Nach zwei Jahren Therapie habe ich mich wieder stabilisiert – ich würde sogar sagen – ich war von vielen eingebrannten Programmen befreit wie Neugeboren.
    Ab dieser Zeit (2008) arbeitete ich nur noch als angestellter Marketing- und Werbeleiter für ein Unternehmen in einer 24Std/Woche. Ich ließ mein Künstlerleben mit meinen Marketingerfahrungen verschmelzen und gründete eine europäische Künstlervereinigung. In dem Konzept zu dieser Vereinigung habe ich viele Aspekte und Herausforderungen, einer professionellen Künstler:innenentwicklung und gleichzeitig Kunstvermarktung sowie öffentlichen Kulturbildung symbiotisch vereint.
    4 Themenausstellungen als Gruppenausstellungen + 1 Einzelausstellungen pro Jahr; Ausstellungsräume in Kooperation mit Galerien, Ausstellungsräumen von Kulturämtern, gemietete Hallen oder sogar eigene Ausstellungshallen in Bonn und Aachen durch Sponsorenverträge; Kooperationen mit anderen Künstlervereinigungen um sich gegenseitig zu unterstützen; die Ausstellungen immer als wahrnehmungssensibilisierendes Kunsterlebnis inszeniert. [die Räume sowie die gesamte Athmosphäre und den Gästeservice mit kreativer Energie aufladen | keine Verkaufspräsentation verschiedener Künstler:innen-Positionen sondern die Kunstwerke in Ihrer Ausstrahlung wirken lassen; keine Preise an den Kunstwerken sondern nur Titel, Format, Technik, Enstehungsjahr – zum Teil selbst dies nicht sondern nur ganz dezent eine Nummer, die sich im Austellungsbegleiter und in einem aufwendig hergestellten Katalog wieder findet; zum niederschwelligen Einstieg in den Kunstkauf gab es limitierte Serigrafien der ausgestellten Kunstwerke und die „COMO KunstWundertüten©“ mit kleinen Originalkunstwerken. Als Catering habe ich dann das Artist-Palette-Catering© entwickelt. Ein kleines ‚mehrgängiges Menü‘ in den Schalen einer Künstlerpalette mit Halterung für das Getränkeglas. (Über diese kreative Idee und Menüofferte waren die Gäste nicht nur überrascht, sondern konnten in einer Hand ein ‚Menü‘ halten und dabei durch die Ausstellung wandeln. Begleitend gab es Angebote von Workshops, Performance, Musik, Symposien, Kunstexperimenten, Installationen und meist auch ein bis zwei Erlebniskunstwerke. Die Präsentation der Kunstwerke war immer auf dem höchst möglichen Niveau / Rahmung, Passepatout, Skulpturenpodeste, Beleuchtung, Kataloge, Pressemappen, Catering, Empfang, etc. …
    Das Ziel war u.a., durch dieses Erleben von Kunst, Kultur und Kreativität, viele Mitmenschen für Kunst und Kreativität zu begeistern und die unvoreingenommene Herangehensweise und Annäherung an Kunstwerke zu öffnen. Es ging mir darum, dass so viele Menschen den Wert eines Kunstwerkes erkennen, ohne nach bekannten oder weniger bekannten Namen zu schauen und/oder den angegebenen Preis als Wertmaßstab hinzuzuziehen. Es ging mir darum, einer individuellen Beziehung zwischen Betrachter:in und Kunstwerk nichts in den Weg zu stellen. Da sich das wohltuende inspirierende Erlebnis dieser Kunstinszenierungen nachhaltig einprägte, sprachen sich diese ‚COMO-Kunst-und Kultur-Inszenierungen‘ sehr schnell herum und die Presse berichtete über diese ausergewöhnlich ‚andersartigen‘ und hochwertigen Inszenierungen. Damit stieg dann auch der Verkauf der Kunstwerke. Weil eine persönliche Beziehung zu den Kunstwerken aufgebaut wurde; weil diese Kunsterlebnise an sich wohltuend, erlebnisbereichernd, bewusstseinsöffnend, dankbar angenommenes Geschenk waren und weil die COMO zu einer bekannten ‚Marke‘ geworden ist. Ganz gleich wie bekannt ein:e Künstler:in ist, die bei COMO Ausstellungen beteiligt war, der Wert aller ausstellenden Künstler:innen war durch die Marke ‚COMO‘ in einem hohen Niveau wertstabil.
    Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, den Verkauf der Kunstwerke während den Ausstellungen in die Hände von Kunstverkäufer:innen auf Provisionsbasis zu legen, damit der/die Künstler:in und der Verkauf der Kunstwerke in zwei unterschiedliche Kompetenzen gelegt wird. es gab jedoch auch direkte Verkaufbeziehungen mit den Künstler:innen. Es wurde jedoch nie mit den Künstler.innen gefeilscht, sondern der angegebene Preis immer akzeptiert. Das Kunstwerk ist der Wert und das Geld nur mittels zum Zweck.
    Das COMO Konzept ist auch entstanden, um den immer stärker auseinanderdriftenden Markt des hochgehypten Spekulationskunstmarktes mit all den Marketingtricks und einer immer mehr schrumpfenden kunstinteressierten Bildungsbürger-Mittelschicht wieder zu schließen. Aufbau einer eigenen Käuferschicht, die sich erneut für die Kunst interessiert und nicht von dem profitorientierten Spekulationswert von Kunst und/oder der Kunst als Prestigeobjekt interessiert ist.

    Nun, dies ging 11 Jahre sehr erfolgreich, bis sich ab 2018 immer weniger Sponsoren sowie Kommunen für eine finanzielle oder materielle Förderung entschließen konnten. Ab 2020 – den Covid Kulturlockdowns -war dann leider Ende im Gelände und ich saß auf 550,00 monatlichen Lagerraumkosten zur Lagerung von Kunstwerken und dem umfangreichen Ausstellungs-eventequipment ohne Einnahmen generieren zu können. Im Mai 2022, kurz bevor ich einen Präsentationstermin für ein Kulturprojekt in NYC vereinbart hatte, lag ich mit einem Herzinfarkt und einer Bypass OP im Krankenhaus.
    Nun habe ich mich zwar ganz gut berappelt und wieder angefangen Kulturkonzepte zu schreiben und Sponsoren sowie Kulturinstitutionen zu akquirieren. Nur so intensiv um alles selbst kümmern, wie in der Zeit von 2008 – 2020 werde ich nicht mehr können. Zudem habe ich statt Rücklagen nun Schulden. Ich mache natürlich als Künstler und Conceptioner weiter, gebe ehrenamtlich Kunst- und Kreativitätskurse und glaube ganz fest daran, dass sich doch noch eine Institution oder eine Stiftung oder ein Kulturamt für die Kulturprojektkonzepte begeistert.

    Keine Sorge, ich werde zu deinen weiteren Beiträgen nicht mehr so ungefragt mein Herz ausschütten und voll erfreuter Erwartung alle weiteren Beiträge durchlesen.

    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg in dem Spagat zwischem dem Künstlerinnenleben und den Marketingherausforderungen.
    Denn so oder so, ob man nun von seinem Kunstschaffen und -schöpfen leben muss und will, oder ob man einfach nur wie auch immer finanziell abgesichert aus Leidenschaft Künstler:in ist, mit dem Tode durch den Herzinfakt konfrontiert, machte ich mir schon die Gedanken, wohin mit all meinen Kunstwerkgeschöpfen, die ich in 40 Jahren mit viel Leidenschaft und Liebe kreiert habe, wenn ich dann irgendwann ablebe? Meinen Kindern kann ich nicht 40 Rollcontainer voll Kunstwerke überlassen und ihnen zumuten, dass die diese notgedrungen ‚entsorgen‘ müssen geht auch nicht. (Bis auf ein paar Kunstwerke die sie sich aussuchen möchten)
    Es gibt also nur die Möglichkeiten, so viele Kunstwerke noch u präsentieren und zuverkaufen, anschließend so viele wie möglich u verschenken – oder das Glück zu haben, dass eine Nachlassstiftung sie übernimmt – und den Rest vor meinem Ableben selbst zu entsorgen.

    Also, immer mit Zuversicht nach vorne!

    Alles Liebe
    Georg ‚Gepe‘

    Antworten
    • Lieber Georg ‚Gepe‘,
      hab von Herzen Dank, dass du dir soviel Zeit für solch eine ausführliche Antwort genommen hast. Es ist toll zu lesen, dass auch andere Kreative meine Erfahrungen teilen und Ähnliches erleben. Dem eigenen Tod so knapp entronnen zu ein, ändert ganz sicher auch nochmal die Perspektiven: mir ging das mehrfach so in den letzten Jahren beim Tod naher Angehöriger und Freunde. Und doch verliert man im Alltagstrott diesen Blickwinkel wieder allzuschnell. Deshalb versuche ich immer wieder zurückzutreten, das Gute zu sehen, dankbar zu sein. Meine Erlebnisse und Gedanken in meinem Blog mit anderen zu teilen, gehört auh dazu: In dem Moment, wo ich über etwas schreibe, muss ich darüber nachdenken und versuchen, auch andere Positionen einzunehmen. Das hilft auch dabei, flexibel zu bleiben und ist zumindest für mich auch ein Rezept gegen Zynismus.
      Deine „COMO“-Zeit liest sich spannend, in vielen Pukten sind wir uns einig. Besonders an dein Ziel „durch dieses Erleben von Kunst, Kultur und Kreativität, viele Mitmenschen für Kunst und Kreativität zu begeistern und die unvoreingenommene Herangehensweise und Annäherung an Kunstwerke zu öffnen.“ unterschreibe ich sofort :-)
      Ich wünsche dir weiter nicht nur ein großes, sondern auch gut schlagendes Herz und sende liebe Grüße,
      Dagmar

      Antworten
    • Lieber Gepe,
      vielen Dank für deinen Mut und deine offenen Worte.
      Ich denke, dass viele Künstler:innen Burn-Out-gefährdet sind, gerade, wenn Sie ihren Lebensunterhalt mit „normaler“ Arbeit bestreiten müssen, denn, egal, was sie gerade machen, sie haben immer ein schlechtes Gewissen, dass sie den anderen Teil vernachlässigen und muten sich daraufhin zu viel zu.
      Um kreativ zu sein braucht man mindestens genausoviel Kraft und geladene Batterie, wie für die Erwerbsarbeit nötig ist. Die vorhandene Energie richtig aufzuteilen ist auch eine Kunst.
      Ich wünsche Dir Alles Gute
      Otto

      Antworten
      • „Die vorhandene Energie richtig aufzuteilen ist auch eine Kunst.“ – wie wahr! Danke für Ihren klugen Kommentar, lieber Otto.

        Antworten
  2. Ein schöner Text . Vielen Dank! Ja, als Künstler bin ich oft einsam. Aber darin liegt auch eine Stärke! Viele Stunden alleine im Atelier – nur ich und das Bild. Ein guter Ausgleich ist notwendig. Natur – Familie und Reisen. Meditation, Sport und Freunde. Den nur so finde ich neue Inspirationen. Und nur so komme ich den inneren Bildern am nächsten. Viele Grüße!

    Antworten
    • Lieber Nikolaus, danke für deinen Kommentar. Ich empfinde die Zeit im Atelier – die ich wie du sehr liebe und die elementarer Teil meines Schaffens ist – eigentlich gar nicht als einsam, sondern würde sie als Alleinsein bezeichnen. Und ja, ein Ausgleich braucht es auf jeden Fall, auch für die Inspiration :-) Viele Grüße zurück, Dagmar

      Antworten
  3. Liebe Dagmar,

    das ist nicht nur ein kleiner Essay, sondern schon ein hilfreiches Seminar über Kunstvermarktung !
    Du gehörst zu den wenigen, die nicht nur Kunst bilden können, sondern zudem über Schreibtalent verfügen.
    All diese, teils existenziellen, Fragen, mit denen sich vermutlich fast alle Kunstschaffenden beschäftigen (müssen), sprichst Du mit bemerkenswerter Offenheit an, ohne dabei in Selbstmitleid zu verfallen. Du würzt das ganze mit Lockerheit und Humor und bietest es uns in leicht lesbarem professionellen Layout und Design dar. Vielen Dank !

    Zu vielem würde ich gerne etwas schreiben, doch beschränke ich mich auf einen Kommentar zum Titel des Blogbeitrages „Macht Kunst einsam“:
    Ich denke bildende Künstler und Schriftsteller haben ein bestimmtes „Mindset“, wie man heutzutage sagt, das bedingt, dass Sie mit dem Alleinsein keine Probleme haben, sich damit nachgerade wohl fühlen.
    Ich z.B. fühle mich in Gegenwart anderer Menschen schnell unwohl und, ja, einsam, weil unverstanden. Wenn ich mein Atelier dann z.B. abends betrete, beginnt nach einiger Zeit des Schaffens die Zeit still zu stehen und erst durch das Zwitschern der Vögel und das Aufgehen der Sonne bemerke ich, wieviele Stunden vergangen sind. Doch einsam habe ich mich in diesen vielen Stunden nicht eine Sekunde gefühlt, es sei denn, man versteht unter „einsam“ eins mit allem zu sein oder unter „allein“ mit allem eins zu sein.
    Auf das Ergebnis des Geschaffenen kommt es dabei primär nicht an, ich bin oft sogar regelrecht unzufrieden damit. Doch wenn ich nach Tagen einen Blick drauf werfe, dann denke ich mir, bei aller Bescheidenheit, wow, gut geworden.

    Noch ein Wort zu Künstlerkolleg:innen. Mit ihnen finde ich die Kommunikation oft besonders schwierig, also schwieriger, als mit „normalen“ Zeitgenossen. Man möchte doch eigentlich meinen, dass es unter „Kolleg:innen“ leichter wäre. Doch sind halt Künstler:innen meist ziemliche Eingenbrötler und Sturköpfe.

    Liebe Grüße !

    Antworten
    • Lieber Otto, haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Gedanken und freundlichen Rückmeldungen. Ich weiß nicht, ob die Freude am Alleinsein auf alle Kunstschaffenden zutrifft, aber ganz sicher auf viele. Mir geht es jedenfalls so wie Ihnen: Das Alleinsein im Atelier ist wohltuend und inspirierend. Bei den Künstlerkolleg:innen sind meine Erfahrungen tatsächlich gemischt: Manchmal ist es sehr schwierig, ja. Manchmal aber auch sehr nett, wertschätzend und unterstützend. Eigentlich wie im sonstigen Leben auch :-)

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert