Wir sind seit Jahrhunderten dem Diktum der Zeit untergeordnet. Uhren takten unseren Alltag, die Wertigkeit unseres Tuns bemisst sich danach, wie viel wir pro Zeiteinheit schaffen. Dazu kommt die Beschleunigung der letzten Jahrzehnte, die mittlerweile gefühlt exponentiell zunimmt und kaum noch die Möglichkeit zum Innehalten, Durchschnaufen und Verdauen gibt. Nicht nur Fastfood für den Körper, sondern auch für unser Gehirn. Erholungsphasen zum Aufräumen und Klären? Fehlanzeige. Das macht krank, selbst Menschen wie mich, die eher zur schnellen, ungeduldigen Sorte gehören.
Unsere Jetztzeit ist fast verschwunden. Wir sind nahezu ständig auf der Suche nach der Optimierung der Zukunft oder blicken zurück auf das Vergangene – zumindest auf das, was vermeintlich besser war, oder immer und immer wieder auf das, an dem wir gelitten haben.
Dem Erleben hinterherhecheln
Uns geht die Wahrnehmung für den Moment verloren, für das, was eben gerade jetzt passiert oder sich zeigt. Wie Heerscharen von Heroinabhängigen klicken wir uns von Link zu Link, scrollen endlos nach unten oder swipen von einem Angebot zum nächsten. Unser Dopaminlevel ist ständig erhöht und vieles kommt uns mittlerweile in der Realität so fad vor, dass wir lieber am Instagram-Erleben anderer Menschen teilnehmen, als uns selbst auf den Weg zu machen.
Die Medien schleudern die Nachrichten in einem Tempo unters Volk, dass einem nichts anderes mehr übrig bleibt, als nur die Überschriften zu scannen, zumindest wenn man sich nicht dem Gefühl aussetzen will, etwas zu verpassen.
Auf Festen taumeln wir von einem Smalltalk zum nächsten, in unserer Freizeit hasten wir von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Und zwischendurch buchen wir Meditationskurse im Kloster, um endlich wieder Bodenhaftung zu bekommen.
Vom Warten bis zur Bilderflut
Wie sehr es mittlerweile normal ist, etwas schnell zu erreichen, ist mir kürzlich beim Fotografieren aufgefallen. Vor Jahrzehnten habe ich eine analoge Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen; meine Eltern wollten mir damit meinen Berufsstart in Großbritannien einfacher machen und hofften darauf, wenigstens durch Bilder daran teilnehmen zu können. Das Internet gab es damals nur als Kommunikationskanal unter eingeweihten Wissenschaftlern. Kannte man – wie ich – niemanden, der von Fotografie Ahnung hatte, blieb einem nicht anderes übrig, als sich das Wissen mühsam selbst zu erarbeiten.
Schon das analoge Fotografieren als solches ging alles andere als schnell: Da man pro Film nur 24 oder 36 Fotos festhalten konnte (und sich vorab auf eine Lichtempfindlichkeit festlegen musste), nahm man sich für jedes einzelne der Bilder sehr viel Zeit. Man konnte sich keine Vorschau auf dem Display anzeigen lassen, brauchte also Vorstellungskraft und musste abwägen und entscheiden, was es wert war, festgehalten zu werden. Und dann musste man Wochen warten, bis der Film im Fotolabor entwickelt war. Hatte man dann seine Notizen zu den Versuchen mit Blende und Belichtungszeit verlegt, musste man von vorne anfangen. Und wieder warten. Die Ausbeute: Wenn man Glück hatte, waren ein bis drei der 36 hart erarbeiteten Fotos gut, die anderen teuer bezahlter Ausschuss.
Dann wurden die digitalen Spiegelreflexkameras erfunden und irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem diese auch für den Endverbraucher erschwinglich wurden. Diesmal war es mein Mann, der mir eine schenkte. Auch hier dauerte es, bis ich mit meiner neuen Freundin warm wurde: Einer meiner ersten Tätigkeiten war, die Speicherkarte zu formatieren, auf der alle Fotos von unserm gemeinsamen Urlaub lagen.
Nochmal Jahre später hatte ich dann ein Handy mit einem Leicaobjektiv – diesmal selbst erworben, schön leicht und mit guten Ergebnissen. Meine alten Kameras fristen seitdem mitsamt der Objektive ein Schattendasein im Schrank.
Fotografieren in der Jetztzeit
Vor kurzem hatte ich das Bedürfnis, wieder mit einer „richtigen“ Kamera zu fotografieren. Die spiegellosen Systemkameras sind mittlerweile sehr gut und weitaus leichter als meine alten Fotoapparate. Ich bin monatelang um ein bestimmtes Modell herumgeschlichen, dann habe ich es endlich gekauft.
Während der letzten Tage habe ich versucht, mich mit meinem Neuerwerb vertraut zu machen. Und ich merke, wie häufig ich kurz davor bin, mir einfach wieder mein Handy zu schnappen und „mal eben“ ein Foto zu machen.
Einfach und schnell versus komplex und – zumindest am Anfang – mit einer erheblichen Zeitinvestition. Letztere liegt aber auch an den riesigen Auswahlmöglichkeiten an der Kamera selbst, sodass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Da führt die Automatik-Einstellung durchaus in Versuchung.
Möchte ich jedoch bessere Fotos machen als mit dem Handy, muss ich durch dieses Tal der Tränen. Letztlich übrig bleibt eine Mischung aus den Vorteilen der Technik und selbst gewählten Einstellungen (in meinem Fall das Objektiv und die Blende). Und damit kann man dann eine Versuchsreihe starten: nervtötend, spannend, befriedigend. Zwar garantiert die Technik keine guten Fotos, doch ohne sie ist deren Gelingen noch unwahrscheinlicher. Ich hoffe, dass ich irgendwann den Punkt erreiche, an dem ich mich ganz auf das Motiv statt die Technik konzentrieren kann.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, wie schwer es mittlerweile geworden ist, Geduld aufzubringen. Wir glauben, etwas müsse direkt funktionieren, und investieren kaum noch Zeit, wenn dem nicht so ist. Doch das ist aus meiner Sicht ein Irrtum. Klavierspielen will geübt werden und auch in der Malerei fallen Genies viel seltener vom Himmel als das Internet uns glauben machen will.
Fazit
Der Kern ist letztlich die Frage, wie und womit ich meine Zeit füllen will. Und wie sehr ich im Jetzt leben mag, den Augenblick wertschätzend. Sich auf den Prozess (und ja, auch das langsame Lernen) einzulassen, kann sehr befriedigend sein. In einer Welt, die immer das (perfekte) Ergebnis im Blick hat, aber auch sehr herausfordernd.
- Mehr über Kunst lesen? Hier meinen Newsletter abonnieren
- Mehr von meiner Kunst sehen? Hier geht es zu meiner Galerie
- Kunst kaufen? Hier geht’s zu meinem Shop
Mein aktueller Katalog: Hier lässt er sich online durchblättern
Links
- Wenn das Ergebnis zählt: Die Selbstoptimierung blockiert die Kreativität.
- Mehr zum Hinterherhecheln: Winter-Blues oder Online-Frust?
- Weglassen (und damit auch mehr Zeit gewinnen): Erkenntnisse als Artist in Residence in Maulbronn
- Ein Buch zu diesem Thema, das ich aus vollem Herzen empfehlen kann: „Abgelenkt“ geschrieben vom britischen Journalisten Johann Hari; den Originalbuchtitel „Out of Fokus“ finde ich fast noch besser.
0 Kommentare