Nach längerer Zeit habe ich es endlich mal wieder geschafft, die Art Karlsruhe zu besuchen. Und ich muss sagen: Ich bin froh, dass ich dort war. Das aktuelle Kurator:innenteam Olga Blaß und Kristian Jarmuschek hat etwas richtig Frisches auf die Beine gestellt.
Was als Erstes ins Auge fällt: Die Hallen sind locker und angenehm bespielt. Für eine Messe findet sich viel wohltuender Weißraum. Die großen oder auch intimen Kojen werden immer wieder durchbrochen von großzügigen Skulptureninseln, die es erlauben, den Blick schweifen zu lassen und auch mal zur hohen Decke zu richten.
Rund 180 Galerien aus 18 Ländern zeigen Kunst aus den letzten 125 Jahren. Die Vielfalt ermöglicht eine spannende Entdeckungsreise. Große Namen neben neuen oder kaum bekannten Positionen: Das Repertoire ist groß und bietet wohl für jeder/m Kunstinteressierten Schönes, Provokantes, Berührendes, Überraschendes und Inspirierendes.
Leitthemen und Dialog
Spannend ist, dass vieles im Dialog präsentiert wird: in Halle 1 Werke der klassischen Moderne neben aktuellen Positionen, in Halle 2 Kunst nach 1945 und Gegenwartskunst. Das eröffnet häufig neue Assoziationsfelder. In Halle 4 (dm-Arena) lässt sich ausschließlich zeitgenössische Kunst anschauen.
In Halle 3 finden sich private Sammlungen, Kunstinstitutionen, Orte für Gesprächsrunden und Squares mit verschiedenen Themen, die als Inspiration gedacht sind, um mit dem Kunstsammeln zu beginnen.
Viele Galerien konzentrieren sich mit one:artist show auf eine/n Künstler/in. Eine davon wird mit dem art karlsruhe Preis ausgezeichnet und das dafür ausgewählte Werk vom Kunstmuseum Karlsruhe für die art karlsruhe Sammlung angekauft. Die diesjährige Preisträgerin ist Shanee Roe, verteten von der Berliner Kornfeld Galerie. Zudem wurde der Loth-Skupturenpreis verliehen – er ging an den Stahlbildhauer Robert Schad und die Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart.
Zusammenhänge entdecken
Die vier großen Hallen stehen unter diesen unterschiedlichen Leitthemen und gehören trotzdem zusammen. Das liegt auch daran, dass es neben der klassischen Verteilung von großen oder kleineren Ständen weitere inhaltliche Stränge gibt, die sich durch farbige Codierungen finden lassen:
- Die bereits erwähnten zweiundzwanzig Skulpturen-Spots und der Skulpturengarten im Innenhof zwischen den Hallen – diese Möglichkeit, auch große Skulpturen im Tageslicht zu zeigen, ist fast schon ein Markenzeichen der Art Karlsruhe.
- Die Sektion „re:discover“ lädt dazu ein, vergessene Kunstschaffende wiederzuentdecken – und zwar in drei der vier Hallen (1, 2, 4).
- Die Sektion „re:frame“ rückt das Thema des künstlerischen Nachlasses ins Rampenlicht und zeigt sechs Lebenswerke, für deren Bewahrung sich Galerien oder andere Einrichtungen einsetzen, ebenso verteilt in den Hallen 1, 2 und 4.
- In der Sektion „start:block“ in Halle 3 machen Galerien Vorschläge für Werke, mit denen ihrer Ansicht nach ein Einstieg ins Sammeln von Kunst beginnen könnte – eher kleinformatig, oft auf Papier und von noch unbekannteren Kunstschaffenden. Verliebt man sich dort in ein Werk, kann man sich weitere Arbeiten bei der jeweiligen Galerie in den anderen Hallen anschauen.
- Auch in Halle 3 findet sich der „paper:square„, wo verschiedenste Arbeiten auf und mit Papier vorgestellt werden. Fühlt man sich angesprochen, kann man auch hier überlegen, danach die entsprechenden Galerien zu besuchen.
Nachwuchsförderung
Schön finde ich auch, dass im „academy:square“ in Halle 3, ausgewählte Absolvierende baden-württembergischer Kunsthochschulen ihre Arbeiten zeigen können. Die überzeugendste Position wurde mit dem erstmals vergebenen LBBW academy:square award auszeichnet. Da die LBBW von dem Preisträger Felix Wagner (Staatliche Akademie Karlsruhe) Werke für ihre Sammlung ankauft, ist es eine doppelter Gewinn für ihn: eine Anerkennung, die sich gut auf der Vita macht, und die entsprechende Vergütung für den Ankauf.
Zudem weht mit dem Vorstellen junger Kunstschaffender ein frischer Wind und macht Kunst vielleicht auch für eine junge Generation zugänglicher.
Persönliches Resümee
Ich habe fast zwei Tage in den Messehallen verbracht und trotzdem nur einen Teil der Kunst wirklich gesehen. So schön die Vielfalt ist, so anstrengend ist es, sich zu fokussieren. Meine Tasche habe ich mit Katalogen, Visitenkarten und Künstlervitae gefüllt, die ich nochmal in Ruhe recherchieren und anschauen werde. Mein Kopf und meine Seele wurden mit mit Vielem zum Nachdenken und Nachfühlen bereichert. Zum Abschluss noch meine ganz persönlichen Entdeckungen und Highlights:
- Domenico Grenci (Nuova Galleria Morone, Mailand): Oh, diese Portraits… Zärtlich, traurig, berührend, wie aus einem Traum. Mir gingen sie direkt ans Herz. Und so habe ich wenigstens einen Katalog mit Bildern des in Bologna lebenden Malers mitgenommen. (Übrigens: Auch seine Blumenstilleben sind wunderbar!).
- Ella Bergmann-Michel (Galerie Éric Mouchet): Die Malerin, Fotografin und Dokumentarfilmerin gehörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den innovativsten Kunstschaffenden; ihre Collagen waren einzigartig und modern. Sie und ihr Mann, Robert Michel (ebenfalls Künstler), lebten in einer Mühle in der Nähe von Frankfurt, der zu einem wichtigen Treffpunkt für Künstler wie Kurt Schwitters, El Lissitzky, Jan Tschichold und Willi Baumeister wurde. Ich bin fasziniert von ihren grafischen Arbeiten. Der nette Galerist hat mir einen Katalog geschenkt und Interessantes über ihr Leben erzählt. Dass das Ehepaar in Vergessenheit geraten ist, führt er darauf zurück, dass sie fast ausschließlich auf Papier gearbeitet haben …
- Mona Pourebrahim (Döbele Kunst Mannheim): Die im Iran geborene Künstlerin hat in Teheran, in Münster und in Dresden Kunst studiert. Ihre abstrakten Werke erinnern an Landschaften, die geheimnisvoll und kraftvoll sind. Die Farben sind meisterlich eingesetzt. Die Bilder rühren an, viele Menschen sind davor stehen geblieben.
- Friedel Anderson (Hubertus Hoffschild): Für mich keine Neuentdeckung, aber immer wieder berührend. Ich liebe die Landschaften dieses tollen Malers aus dem Norden. Seine Preise steigen stetig, sodass ich mir wohl auch in Zukunft kein Original mehr leisten kann. Fast alle Bilder waren schon am Mittwoch mit einem roten Punkt versehen.
- Carmen Schaich (Petra Rinck): Mein Favorit: Zuerst im start:block in Halle 3 entdeckt und fasziniert innegehalten, dann am Stand der Galerie erneut gebannt stehen geblieben. Ich durfte weitere Arbeiten in der mitgebrachten Mappe anschauen und hatte das Glück, mit der Künstlerin selbst ins Gespräch zu kommen. Ich bin ein Fan. PS: Heute meinem Sohn davon erzählt und ihm ihre Webseite gezeigt. Auch er ist begeistert.
- Steffen Diemer (Galerie Commeter): Ich habe vor einigen Jahren eine Dokumentation über diesen ganz besonderen Fotografen gesehen und schaue seitdem immer mal wieder sehnsüchtig im Internet auf seine Bilder. Sie nun in echt zu sehen, war etwas ganz Besonderes. Da gibt es wohl eine direkte Verbindung von den Augen zum Herzen. Dieser Meinung war übrigens auch die besonders freundliche Galeristin.
- Jörg Schemmann (Kunst Herrmann): Der v.a. in Regensburg lebende Künstler zeigt Kiefern, Obstzweige, Blüten vor fast monochromen Flächen, die durch ihre Farben Assoziationen wie Himmel hervorrufen. Horizonte? Fehlanzeige. So werden die dargestellten Dinge wirklich zu Hauptdarstellern, kompromisslos und gleichzeitig sehr zart. In seinen Landschaftsbildern dagegen kommen Horizonte vor – sichtbar oder versteckt hinter den Dünen. Irgendwie ehrlich und gleichzeitig berührend.
- Rolf Händler (Galerie Schwind): Ich gestehe, dass ich von diesem ostdeutschen Maler noch nie gehört hatte. Er ist einer Künstler, die im Rahmen von re:frame gezeigt werden. Ich habe einen Katalog erworben und freue mich schon auf das Entdecken seiner Kunst.
- Wainer Vaccari (Galerie Alessandro Casciaro): Vaccari ist ein italienischer Künstler, der im Rahmen von re:disover vorgestellt wird. Er ist es definitiv wert, wiederentdeckt zu werden! Seine Bilder sind skurril, geheimnisvoll, auch ein bisschen verstörend. Und gleichzeitig oft voller Humor. Sie erzählen Geschichten, ich vermute jedem Betrachtenden eine andere. Großartig!
- Claudia Berg (Galerie Erik Bausmann): Die Künstlerin aus Halle ist wohl vor allem Grafikerin. Ich aber habe mich in ihre Gemälde verliebt, die geradewegs aus einem schönen Traum entwichen zu sein scheinen. Würde ich mir direkt aufhängen.
- Liv Jung-König (mariART): Ich kann nicht ganz in Worte fassen, was mich an ihren Werken fasziniert. Sie fangen Momente ein, ohne sie richtig greifbar zu machen. Sie haben etwas Beiläufiges und sehr Sanftes. Ein bisschen wie das kurze Streicheln der Mutter, während sie an uns vorbeiging.
- In der Nähe von Regensburg gibt es in Adlmannstein einen ganz besonderen Ort. Drei Künstlernachlässe werden hier vom Ehepaar Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler betreut, 2020 haben sie ein Schaulager dafür eingerichtet. Spielerisch, experimentell und immer wieder neu werden diese Werke gezeigt und mit Gesprächen über Kunst, Konzerten und anderem verbunden. Ich habe mich mit Ingo Kübler über das mit dem Kulturpreis des Landkreis Regensburg ausgezeichneten Projekt unterhalten und Adlmannstein in meine Liste der Want-to-visit-Orte aufgenommen. Ein Beispiel, das zum Nachahmen anregt!
Die Art Karlsruhe ist eine Messe zum Entdecken, die es leicht macht, einen Zugang zur Kunst zu finden. Die Stimmung war positiv und zugewandt. Die Skulpturenorte geben immer wieder die Möglichkeit, innezuhalten. Die Idee, Anreize zum Kunstsammeln zu schaffen, finde ich großartig. Ich komme auf jeden Fall wieder!
Links:
- Zur Webseite der art Karslruhe
- SWR-Bericht mit Schwerpunkt auf den Skulpturen
- Artikel im monopol Magazin über den academy:scare
- Die Webseite der Künstlerin Carmen Schaich
- Hier gibt es mehr Informationen zum Schaulager in Adlmannstein
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