„Ich bin ohne Erwartungen gekommen“ – eine Ausstellung im Einkaufszentrum

von | 31. März 2025 | Kunst erleben

„Ich bin ganz ohne Erwartungen gekommen – und nun gehe ich glücklich nach Hause“: Das haben meine Künstlerkollegin Anja Bothner und ich am vergangenen Freitag von einem unserer Gäste als Feedback auf unsere Ausstellung bekommen. Was mehr kann man sich als Künstlerin wünschen? Mehr als die Rückmeldung, dass Kunst glücklich macht, auch Menschen, die sonst mit Kunst nicht viel zu tun haben?

Kunst in einem Einkaufszentrum: Dieses Experiment reiht sich ein in andere Ausstellungen in ungewöhnlichen Settings: im Hotel, in einem ehemaligen Tchibo-Laden, in einer Kirche, in Geschäften, einer Event-Location, einem Kloster, einer Burg. Und nun eben ein Shopping-Tempel. Kann Kunst in einem Einkaufszentrum Menschen einladen, in den Ausstellungsraum einzutreten? Gelingt es vielleicht sogar, Menschen für Kunst zu interessieren, die Galerien elitär finden? Und umgekehrt: Finden auch Kulturliebhaber den Weg über die Rolltreppe in den ersten Stock, obwohl sie sich von Einkaufszentren sonst eher mit Schaudern abwenden?

Ausstellung im Einkaufszentrum – warum nicht? Auch von außen ist die Kunst sichtbar und lädt zum Eintreten ein.

Seit dem vergangenen Dezember versuchen die Lindauer Kunstschaffenden diese Fragen zu beantworten und bespielen einen leerstehenden Raum im hiesigen Einkaufszentrum „Lindaupark“ mit wechselnden Ausstellungen.

Ein Experiment

Experimente haben es an sich, dass sie ergebnisoffen sind. Nicht immer erweist sich die aufgestellte Hypothese als richtig. Ich muss zugeben, auch bei der nunmehr vierten Ausstellung im Lindaupark mit verschiedenen Themen, Techniken und Kunstschaffenden sind unsere Fragen nicht endgültig geklärt.

Eine Ausstellung im Einkaufszentrum, funktioniert so etwas, ist das erfolgreich? – das haben uns viele Gäste gefragt. Ich konnte nur mit einem „Jein“ antworten. Es hängt davon ab, was man als Erfolg definiert. 

Ausstellung Lindaupark, Ausstellungsansicht. Im Vordergrund sieht man, dass einige unserer Werke frei im Raum hängen (links „Schweben (2), rechts „Im Abend sich verlieren“).

Kunst nahbar machen 

Geht es darum, Kunst nahbar zu machen? Dann ist das Setting ein Erfolg. Es kommen viele Menschen verschiedenen Alters herein, manche mit vollgepackten Einkaufstüten, die vielleicht sogar nur die Abkürzung von Tür zu Tür nehmen wollen (wir haben von zwei Seiten geöffnet), aber dann doch innehalten und gucken. Ich habe Kinder beobachtet, die ihre Eltern reinziehen, weil es Bilder zu gucken gibt. Wir hatten Besuch von einer Gruppe hipper junger Menschen, bei denen ich sicher war, dass sie anschließend zu einem Laufstegsetting fahren, andere standen sehr, sehr lange vor verschiedenen Bildern und setzen sich damit auseinander. Es kamen Jugendliche – sehr selbstbewusst und als erste überhaupt fragend, ob sie die ausliegenden Zettel beschriften dürfen (sie durften – und wir konnten unsere Sammlung an Wörtern rund um das Ausstellungsthema der vier Elemente um „magisch“, bewegt“ und „still“ ergänzen). 

AUsstellung Im Lindaupark; hängende Worte
Hängende Assoziationen zum Thema der vier Elemente. In den ehemaligen Umkleidekabinen laden Bilder und passende Hörreisen zum Innehalten ein.

Es kamen Künstler und Kunstinteressierte, Freunde und Flanierende, Berufstätige und Rentnerinnen, manche gezielt, andere zufällig. Eine bunte Mischung. Viele stellten uns Fragen oder gaben aktiv Feedback. Am vergangenen Samstag – an dem gleichzeitig Open Studio Day  von Bregenz bis Lindau war – hatten wir zwischen 80 und 90 Besucher:innen. Und wir haben Sätze gehört wie „Oh ist das schön!“, „Man fühlt sich so leicht und wohl“, „Ich komme hier zur Ruhe“, „Glückwunsch zu Ihrer wunderbaren Ausstellung“ oder auch „Das wertet den Lindaupark richtig auf“. 

Ausstellung Lindaupark, Ausstellungsansicht; die Werke von Anja Bothner und mir im Dialog

Kunst verkaufen

Unter dem ökonomischen Aspekt betrachtet ist solch eine Ausstellung bestimmt eine Investition in die Sichtbarkeit, doch eignet sie sich kaum, um die Ateliermiete zu bezahlen. Rechnet man die Zeit des Aufbaus, der An- und Abreise, der Aufsichten, der Materialien, der Organisation und Pressearbeit ein, würden wohl die meisten Unternehmen abwinken oder Insolvenz anmelden.

Andererseits: Warum sollte das in einem Einkaufszentrum anders sein als in all den anderen Ausstellungsumgebungen? Verkauft wurden überwiegend kleine Sachen – Postkarten, Notizbücher, Kataloge, Fotografien, das eine oder andere kleine Originalbild. Aber eben alles im Rahmen eines Budgets von „das kann ich bei einem Shopping-Bummel mal eben mitnehmen“. Allerdings hatte ich zum Beispiel später mehrere Anrufe von Interessenten, das Sichtbarsein ist also vermutlich nicht zu unterschätzen.

Ausstellung Lindaupark, Ausstellungsansicht. Auch hier: dialogisch aufgehängt

Ein Chat auf Facebook

Spannend zur Frage, ob eine Ausstellung im Einkaufszentrum sinnvoll ist und überhaupt Menschen erreicht, ist ein Chat in der Lindauer Facebook-Gruppe vor ein paar Tagen:

Frage: War schon länger nimmer in Lindau. Ist denn der Lindaupark wieder besuchbar?

  • Antwort von NR. 1 Nein nix Spannendes und viel Leerstand
    • ICH Doch es gibt Kunst Lindauer Kunstschaffender zu sehen. Durchaus spannend und vielfältig.
      • Antwort von NR. 1 naja aber für ein „Einkaufszentrum“ relativ unzureichend. Mag ein spannender Künstler sein aber wenn ich zum schoppen gehe schaue ich mir keine Kunst an. Ebenso frage ich ja im Museum auch nicht wo steht die Butter. Der Lindaupark bzw „Die Bewegung am See“ hat nachgelassen. Das können Messepark und Rheinpark besser.
        • ICH Es ist nicht nur einer, sondern je nach Ausstellung zwischen 2 und 16 verschiedene Lindauer Kunstschaffende. Und warum nicht im Einkaufszentrum Kunst? Es kommen tatsächlich viele Menschen rein, die sonst vielleicht nicht unbedingt in Galerien gehen.
          Museum und Galerien haben eine unterschiedliche Ausrichtung, auch wenn sich in beiden Kunst anschauen lässt: Im Museum wird Kunst „nur“ gezeigt, in Galerien (und sonstigen Ausstellungsräumen) auch verkauft. Das ist ja das, wovon die Künstler leben.
          Butter kann ich im Supermarkt genauso wie auf dem Wochenmarkt oder direkt beim Erzeuger kaufen. Kunst in Galerien, bei sonstigen Ausstellungen oder direkt beim Kunstschaffenden.
  • Antwort von NR. 2 ich glaube der Fragesteller und NR 1 reden vom Bummeln in Einkaufsläden um dort zu shoppen und nicht um irgendwelche Ausstellungen anzuschauen
    • ICH in Ausstellungen kann man auch bummeln und shoppen, genauso wie in Klamottenläden, Buchhandlungen, Teeläden. Nebenan in dem tollen Kaffee kann man sich was Gutes für den Bauch kaufen, in der Buchhandlung was für den Geist, in der Pop-up-Galerie was fürs Gemüt. Mit Klamotten kann man sich verschönern, mit Kunst sein Zuhause.
  • Antwort von NR. 3 Jo und gleichzeitig ist der Fragesteller vielleicht ja auch an Kultur interessiert. Und wenn nicht freuen sich andere über den Hinweis, die dass nicht wussten und jetzt angeregt wurden.

Dieser Chatausschnitt ist vielleicht nicht repräsentativ. Doch er zeigt, dass für viele Menschen Kunst etwas ist, das man allenfalls im Museum anschaut, aber nichts, das für den Alltag relevant ist oder das man gar auf seiner Einkaufsliste stehen hat. Auf der anderen Seite ist vielleicht gerade solch eine Ausstellung in Räumen zwischen Café und Klamottenladen die Gelegenheit, Menschen Kunst niederschwellig zugänglich zu machen. Viele unserer Gäste haben gefragt, ob sie einen Flyer mitnehmen dürfen, weil sie ihren Freunden von der Ausstellung erzählen wollen.

Gespräche bei der Vernissage unserer Ausstellung. Unsere Rede war kurz genug, sodass dafür noch viel Zeit blieb.

Mit Kunst etwas tun

Ein ganz anderer Aspekt ist der, was Kunst kann. Das ist nicht unbedingt von der Ausstellungsumgebung abhängig, aber wird in einem Einkaufszentrum eben dadurch potenziert, dass dort viele Menschen einfach mit der Kunst in Berührung kommen können.

Hier werde ich etwas persönlich: Bei der momentanen Weltlage frage ich mich manchmal nicht nur, warum ich überhaupt Kunst mache, sondern auch, wie ich, wie unsere Gesellschaft diesem um sich greifenden „ICH, ICH, ICH“ ein gemeinsames „WIR“ entgegensetzen können. Und ich fühle mich oft verzweifelt, weil ich das Gefühl habe, da gar keinen Ansatzpunkt zu finden.

Und was ist passiert? Bei der Eröffnung sagte eine Freundin zu mir: „Genau das, was du machst, trägt dazu bei. Du trägst Schönheit und Leichtigkeit in die Welt, gibst mit deiner Kunst Hoffnung und Freude, sprichst über Kommunikation und Dialog – genau das, was wir momentan brauchen.“

Mit dem, was wir tun, setzen wir all dem, was gerade passiert etwas entgegen. Statt uns ohnmächtig und fremdbestimmt zu fühlen, können wir durch unsere Taten und Tätigkeiten einen positiven Kontrapunkt setzen.

Open Studio Day

Ergänzend noch ein kleiner Rückblick auf den Samstag. Auch das war ein Experiment: Statt beim Open Studio Day die Türen des eigenen Atliers zu öffnen, saßen wir im Einkaufspark in unserer Ausstellung. Das war zwar anders als sonst, aber trotzdem spannend. Ich schätze, dass die überwiegende Zahl der Gäste den Weg eher zufällig gefunden hatten, die anderen waren beim Open Studio Day unterwegs, ein paar kamen extra für die Ausstellung. Ich vermute, das schlechte Wetter hat uns eher in die Karten gespielt – der Lindaupark war richtig voll.

Party in der Eilguthalle; der DJ (links) in Warteposition. Der Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn neben Stephanie von Hoyos und Katya Dronova aus der Gruppe der Lindauer Kunstschaffenden. Im Hintergrund sind einige der ausgestellten Kunstwerke zu sehen.

Besonders schön war der Abend: Das Kulturamt Lindau hatte die Eilguthalle auf der Lindauer Insel als Ort für eine Abschlussparty organisiert, die Lindauer Kunstschaffenden hatten ihn mit einer tollen Ausstellung verschönert. Ich fand das Engagement in diesem Jahr wirklich großartig – sogar ein kostenloses Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel hatte das Kulturamt zur Verfügung gestellt. Es ist viel Wertschätzung zu spüren, von allen Seiten.

Kunstschaffen und Kunstwerke machen glücklich. Wertschätzung macht glücklich. Inspirierender Austausch macht glücklich. Ich bin also sehr froh und dankbar über unser Miteinander, unsere Ausstellung im Lindaupark. Und darüber, wie sich die Gruppe Lindauer Kunstschaffende während der letzten beiden Jahre entwickelt hat.

iInladungsflyer Ausstellung Lindaupark 03/2025

Anja Bothner, Dagmar Reiche
Leicht Geschichtet Feurig Tief – Im Dialog mit den vier Elementen
Pop-up-Galerie der Lindauer Kunstschaffenden
im Lindaupark, 1. Obergeschoss
Kempener Str. 1, 88131 Lindau
29. März bis 12. April 2025
Dienstag bis Samstag 14 bis 19 Uhr
Meine Anwesenheiten: 28.3., 29.3., 1.4., 2.4., 9.–11.4.


Dagmar Reiche Werkkatalog 2024 Cover

Mein aktueller Katalog: Hier lässt er sich online durchblättern


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