Sonntagsmorgenslektüre, ich blättere in einem Kunstmagazin. Ich schlage die Seiten über die Ausstellung von Ernst Gamperl auf und die abgebildeten Gefäße fahren mir direkt ins Herz. Ich kann zunächst gar nicht benennen, was genau mich so berührt, aber das Verlangen, diese Objekte in natura zu sehen, anzufassen, drumherum zu laufen, ist überwältigend.
Nun, einige Monate später, habe ich im Hamburger Museum für Kunst & Gewerbe endlich die Gelegenheit dazu. Nur berühren ist leider nicht erlaubt.
Dualität
Die Holzobjekte tragen ein Geheimnis in sich. Sie sind Material, einerseits. Holz, das meisterhaft gedrechselt ist, zum Teil hauchdünn, bis an die Grenze des Machbaren. Sie stehen, raumfüllend oder kleiner, einzeln oder als Gruppe, und sprechen durch ihre Gestalt zu uns. Gleichzeitig sind sie Hülle, umschließen die Leere. Und das so überzeugend, dass sie dieser quasi eine Gestalt geben, sie fühl- und greifbar machen.
Sie sind zugleich vollkommen und unperfekt. Sie besitzen wunderbar gedrechselte Formen und Rillungen, die die Maserung verstärken, doch zeigen ebenso Einbuchtungen und Auswölbungen, Risse und Unregelmäßigkeiten, die dem Eigenleben des Holz geschuldet sind und gerade deshalb für Spannung sorgen. Die Wertschätzung des Meisters für sein Material ist durchgehend zu spüren. Er gibt dem Holz Freiraum, holt zärtlich hervor, was in ihm steckt und lässt dabei zu, dass Unvorhersehbares Raum einnimmt. Aktives Tun gepaart mit passivem Geschehen-Lassen, sich einzulassen auf das, was nicht steuerbar ist und darauf zu reagieren: Dies erscheint mir wie eine Metapher für alles kreative Schaffen. Und für das Leben.
Ein weiteres Gegensatzpaar, das hier ganz selbstverständlich aufgelöst wird: die oft geführte Debatte, ob etwas Handwerk oder Kunst sei. Für mich ist es ganz klar beides, aufs Schönste so vereint, dass man sich fragt, wozu diese Diskussion überhaupt nötig ist.
Wabi-Sabi
Mich erinnern die Objekte an das japanische Konzept des Wabi-Sabi, in Unvollkommenheit, Schlichtheit und Vergänglichkeit Schönheit zu finden. Der natürliche Alterungsprozess wird nicht nur als gegeben hingenommen, sondern als wertvoll geschätzt, Makel sind Spiegel gelebter Geschichte. Kein Wunder, dass Gamperl in Asien bereits Erfolge erzielte, als er hier in Europa noch weniger bekannt war.
Das Lebensbaumprojekt
Eine rund 230 Jahre alte, 2008 bei einem Sturm entwurzelte Eiche in Rott am Inn wurde zu einem 10 Jahre dauernden Projekt. Lebensbaum deshalb, weil es mit Abstand das größte Projekt seines Lebens sei, so Gamperl in dem im Museum gezeigten, sehr sehenswerten Film („Ernst Gamperl – Dialog mit dem Holz“). Der Baumriese wog 33 Tonnen, sein Durchmesser betrug über 2 Meter. Um überhaupt in die Werkstatt transportiert werden zu können, musste er bereits vor Ort in kleinere Teile zerlegt werden. Für das Weiterverarbeiten musste Gamperl sogar neue Werkzeuge bauen.
Aus dem Holz entstanden während der zehn Jahre 97 skulpturale, gefäßähnliche Objekte. Gamperl drechselt das noch nasse Holz und lässt es erst im Anschluss trocknen, was zu den Verdrehungen, Schwüngen und Verformungen führt. Die Ausstellung im Museum für Kunst & Gewerbe zeigt genau diese Arbeiten, wundervoll platziert, sodass sie miteinander sprechen und auch den Betrachtenden zum Dialog einladen.
Die Grundformen und Größen variieren, ebenso die Farben. Gamperl gibt ihnen auf unterschiedlichste Art ihre natürlichen Tönungen, etwa durch Schwärzung mit Eisenoxid, mit Lehmerden, Kalkmilch, Öl und Wachs. Manche Werke hat er sogar im Boden vergraben, um die im Holz enthaltende Gerbsäure mit der Erde reagieren zu lassen.
Jedes Werk hat einen ganz individuellen Charakter. Manche der Objekte stehen fest auf dem Untergrund und wachsen stolz und schlank in die Höhe, andere wirken als seien sie froh, sich nicht mehr dem Himmel entgegenstrecken zu müssen. Die meisten sind etwas schief. Und alle sind sich selbst genug.
Tritt man näher, erkennt man die Details: die wunderschöne Maserung, die kunstvoll eingebrachten Rillen, die Öffnungen und Risse, die durch die Trocknungsprozesse entstanden und teilweise durch Schwalbenschwanzverbindungen gesichert sind. Bei manchen Gefäßen sind Details ergänzt, etwa ein Bambusstäbchen am Deckel.
Um sich die Verwandlung besser vorstellen zu können: Das Gefäß am Eingang der Ausstellung wog als unbearbeiteter Holzblock 600 bis 700 kg, jetzt sind es – bei fast gleicher Größe – nur noch ungefähr 3 Kilogramm mit einer etwa 5 mm dünnen Wand.
Selbst dem Bedürfnis, die Gefäße berühren zu wollen, ist Sorge getragen: Drei Teststücke sind zum Anfassen freigegeben. Allerdings muss ich gestehen, dass das mein Verlangen, die Objekte zu streicheln oder sogar zu umarmen, eher verstärkt hat. Eine der schönsten Ausstellungen, die ich in letzter Zeit besucht habe.
Ernst Gamperl
Das Lebensbaumprojekt
Museum für Kunst & Gewerbe
Steintorplatz, 20099 Hamburg
22. November 2025 bis 24. April 2026
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 21 Uhr
Montag geschlossen
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