Simultanfarbdruck

von | Kurz & knackig

(Multicolour) Viscosity Printing, Simultaneous Color Printing

Die Theorie hört sich etwas trocken an, in der Praxis ist die Technik des Simultanfarbdruck jedoch sehr spannend und lädt zum Experimentieren ein. Diese Sonderform der mehrfarbigen Radiertechnik wurde von Stanley William Halter Ende der 1950er Jahre entwickelt. Der britische Maler und Druckgrafiker sah die experimentelle Druckgrafik als eigenständige Kunstgattung an. Mit seinen Ideen beeinflusste er zahlreiche Künstler bzw. arbeitete mit vielen zusammen, etwa Picasso oder Jackson Pollock.

Das Prinzip des Simultanfarbdrucks

Mit diesem Verfahren ist es möglich, maximal drei (plus eine weitere für die Vertiefungen) Farben von einer Platte zu drucken. Das unterscheidet sie von der klassischen Farbradiertechnik, bei der für jede Farbe eine separate Druckplatte angefertigt und passgenau übereinander gedruckt werden muss. Das Verfahren macht sich die verschiedene Viskosität von Farbe zunutze, die einen Abstoßungseffekt erzeugt.

Für den Simultanfarbdruck sind drei Faktoren relevant:

  • Eine Druckplatte mit mindestens zwei verschiedenen Ebenenhöhen (erzeugt durch Wegnehmen und/ oder Aufbringen von Material); pro Farbe wird eine Ebene benötigt
  • Unterschiedliche Viskosität (bzw. Ölgehalt) der Farben
  • Farbwalzen verschiedener (Stauch-)Härten: Je geringer die Viskosität, also je dünnflüssiger und damit ölhaltiger die Druckfarbe ist, desto härter muss die Walze zum Auftragen sein.

Da dieses Verfahren unterschiedlich hohe Bereiche auf der Druckplatte benötigt, ist es streng genommen eine Kombination aus Radierung (Tiefdruck) und Hochdruck, für den Drucktechniken wie Collagraphie oder Holzschnitt eingesetzt werden. Es wird häufig experimentell verwendet und dabei auch mit anderen Drucktechniken kombiniert (Monotypie, Druck von der Gelplatte).

Der Druckprozess

Das übliche Vorgehen, am Beispiel von zwei Farben plus Linienfarbe:

  • Zunächst werden wie bei einer Kaltnadelradierung Linien in die Platte eingeritzt, eine (oft dunkle) Farbe mit hoher Viskosität für die Linienfüllung wird aufgebracht und in die Vertiefungen eingearbeitet. Anschließend wird die Platte mit Zeitungspapier und Gaze wieder ausgewischt. So verbleibt nur die Farbe in den Vertiefungen. 
  • Im nächsten Schritt wird eine eher dünnflüssige Druckfarbe (engl. = runny ink) aufgebracht. Um ihre Konsistenz zu erreichen, wird sie mit wenigen Tropfen Leinsamenöl oder Ähnlichem verdünnt. Zum Auftragen der Farbe ist eine harte Walze notwendig, die mit geringem Druck einmal über die Platte gerollt wird. Die Farbe bleibt so nur an den höchsten Bereichen hängen.
  • Der dritte Schritt ist der Auftrag einer Druckfarbe mit hoher Viskosität (tacky ink). Dafür kann sie mit Magnesiumkarbonat eingestellt werden. Die Farbe wird mit einer weichen Rolle aufgebracht, damit sie sich in den mittelhohen Bereichen der Platte verteilt. Die vorher aufgebrachte flüssige Farbe weist die hochvisköse Farbe ab, d.h., an diesen Stellen bleibt sie nicht hängen. Das ist vergleichbar mit dem Prinzip der Lithographie, das auch auf der Abstoßungskraft von Öl und Wasser beruht.
    Es bietet sich an, vor dem Auftragen die Platte um 90 Grad zu drehen. Die Walze sollte etwas breiter sein als die Druckplatte und der Durchmesser sollte ausreichen, um die Farbe in einer einzigen Rollaktion aufzubringen (Durchmesser mal pi = maximale Länge, die mit einmal Ausrollen abgedeckt werden kann). Die die flüssige Farbe auf der weichen Walze hängen bleibt, muss diese vor einem erneuten Ausrollen gesäubert werden.

Merksatz nach Bill Richie: „Niedrige Viskosität läuft auf einer harten Walze zu den hohen Stellen“

Der Simultanfarbdruck ist ein etwas exotisches, wenig bekanntes Druckverfahren. Auf YouTube finden sich etliche englischsprachige Videos, die moderne und experimentelle Herangehensweisen zeigen. Definitiv einen Versuch wert!

Radierpresse
Radierpresse

Externe Quellen & interne Links