Sich beim Malen auf wenige Farben zu beschränken, hört sich zunächst nach unnötiger Einschränkung des kreativen Schaffens an. Warum nur drei oder vier Farben nehmen, wenn doch die Vielfalt der Pigmente so unendlich groß und betörend ist?
Doch das, was sich kontraproduktiv anhört, setzt in der Realität ungeahnte Kräfte frei. In der Reduktion liegt riesiges Potential.
Die Qual der Wahl
Psychologisch lässt sich das begründen: Etliche wissenschaftliche Studien zeigen, dass mit steigender Anzahl von Wahlmöglichkeiten die Bereitschaft oder Fähigkeit, sich zu entscheiden, sinkt. Ein Beispiel dafür ist das „Marmeladen-Experiment“ der Psychologin Sheena Iyengar, das sie in den USA durchgeführt und im Jahr 2000 veröffentlicht hat: Zwei Verkaufsstände mit Marmelade waren in einem Luxusshop aufgebaut – einer mit sechs Sorten, der andere mit 24. Bei ersterem entschieden sich fast ein Drittel der Interessierten dafür, ein Glas zu kaufen, an dem anderen Tisch dagegen lag die Anzahl bei nur 3 Prozent, obwohl grundsätzlich zunächst viel mehr Menschen Interesse zeigten. Viel hilft also nicht viel, sondern demotiviert. Das gilt für Marmelade genauso wie für Farbpigmente.
Vielfalt kann hemmen
Manche kennen den Effekt bei ihren Künstlermaterialien: Bevor sie mit dem Malen anfangen, haben sie das Gefühl, erst noch bestimmtes Zubehör zu benötigen (nachdem sie vorher stundenlang in einschlägigen Onlineshops oder auf Videokanälen nach Inspiration gefahndet haben).
Und dann lähmt sie ihr perfekt ausgestattetes Atelier, weil die riesige Auswahl so viele verschiedene Möglichkeiten bietet. Eine Entscheidung für etwas ist fast unmöglich, zumal sie gleichzeitig zahlreiche Entscheidungen gegen etwas bedeutet.
Limitierte Palette
Das Spannende ist, dass bereits mit wenigen Farben plus Schwarz und Weiß ein Farbspektrum gemischt werden kann, das riesig ist (und gleichzeitig sehr harmonisch). Bekannt ist die extrem reduzierte und nach ihm benannte Palette des dänischen Malers Anders Zorn, die er vor allem für seine Portraits benutzt hat: ein warmer Gelbton (Gelber Ocker) und ein leuchtendes Rot (Zinnoberrot oder heute Kadmiumrot); dazu kamen ein Bleiweiß (heute Titanweiß) und ein bläuliches Elfenbeinschwarz. Die Farbtöne, die sich daraus mischen lassen, sind erstaunlich, man schaue sich zum Beispiel seine zahlreichen Selbstportraits an, die man in den Suchmaschinen findet.
Weniger ist mehr
Ein weiterer Vorteil von selbst auferlegter Beschränkung: Diese fördert die Kreativität! So wie wir als Kind mit wenigen Stöcken und Steinen ein ganze Welt bauen konnten, lassen sich mit Restriktionen differenzierte Bildwelten schaffen.
Eine Beschränkung lädt uns zum Denken und Experimentieren ein: Wie kann ich Grün erzeugen, wenn ich kein fertiges aus der Tube habe; wie ein warmes gelbliches und wie ein dunkles kühles für die Schatten unter dem Baum? Was passiert mit den Farben, wenn ich sie untereinander mische und was, wenn ich sie unverdünnt nebeneinander setze? Wie verändert Weiß deren Anmutung und Sättigung und welche Wirkung hat Schwarz?
Je weniger Ausgangsmaterial ich habe, desto besser kann ich mich auf solche Fragen fokussieren. Das ist nicht nur spannend, sondern enorm befreiend. Und es erzeugt eine steile Lernkurve.
Ein weiterer Vorteil: Bei weniger Farben fällt es leichter, den Fokus auf die Komposition und die Kontraste zu lenken. Und so mächtig Farbwirkungen sind, so wenig funktionieren sie, wenn der Bildaufbau nicht durchdacht ist, die Komposition schwächelt und das Auge nicht weiß, wo es hinschauen soll.
Geduld und Reduktion
Derzeit bin ich Gastkünstlerin in Maulbronn. Das ist tatsächlich ein Übungsfeld für Reduktion. Ein Aspekt ist, dass mein Auto nicht gerade riesig ist, sodass ich mich bereits beim Packen von Pinseln, Farben und Leinwänden beschränken musste.
Doch das ist tatsächlich nur ein kleiner Faktor. Viel herausfordernder: mich nicht von der Fülle der Impulse für mein Kunstschaffen fortschwemmen zu lassen und dann hilflos zu ertrinken. Gerade in der ersten Zeit hier hat mich das wirklich umgetrieben. Ich weiß jetzt, woher die Redensart „ins Schwimmen kommen“ rührt.
Hinzu kommt der Erwartungsdruck, etwas schaffen zu müssen („Ich bin schon gespannt auf das, was du alles zurückbringst“ – das habe ich vorher ganz oft gehört, doch irgendwie auch selbst gedacht), das ist nicht nur das Gegenteil von Reduktion, sondern spannt ein weiteres komplexes Themenfeld auf.
Was mir zurzeit noch auffällt: Sich zu beschränken heißt auch, den Geduldsfaden zu dehnen. In und mit der Reduktion zu experimentieren bedeutet, sich gegen schnelle Ergebnisse zu entscheiden. Fragen Sie einen Forscher in der Wissenschaft: Versuchsreihen können sich endlos hinziehen, bevor man überhaupt das erste verwertbare Material erhält. Und da ist ein Ergebnis noch lange nicht in Sicht… Das Gefühl „Ich werde sowieso nicht fertig“ kann gerade bei Ungeduldigen dazu beitragen, gar nicht erst anzufangen.
Die Fülle im Innehalten entdecken
Die Tendenz, vorhandene Zeit gut zu nutzen, ist wohl den meisten von uns vertraut. Auch ich bin nicht vor dem Pro-Zeiteinheit-möglichst-viel-erleben-Virus gefeit.
Bestes Beispiel: Vor meiner Abreise nach Maulbronn habe ich Wanderkarten gewälzt und überlegt, wo ich überall auf Spurensuche nach der Stille gehen könnte. Und seitdem ich hier bin, habe ich mir immer wieder Routen rausgesucht, die in einem fußläufigen Radius zu bewältigen sind.
Doch dann der erste Stolperstein: ein verstauchter Knöchel, der den Radius auf die Entfernung zum Garten beschnitten hat. Reduktion von außen fühlt sich jedoch anders an als die selbst bestimmte, und so hat sie mich, zumindest zunächst, nicht besonders froh gemacht. Doch dann habe ich gemerkt, dass mit jedem Tag meine innere Getriebenheit abnahm und einem stillen Genuss Platz gemacht hat: stundenlang zeichnen, Bücher am Stück lesen, ohne ständig To-do-Listen im Kopf zu haben, eine Tasse Kaffe mit geschlossenen Augen unter dem Apfelbaum genießen. In Ruhe Eindrücke sammeln.
Mittlerweile bin ich wieder zu Fuß unterwegs. Gestern Abend habe ich entdeckt, wie viel mehr Freude es macht, keine festgelegten Routen zu „schaffen“, sondern sich treiben zu lassen. So habe ich im Wald Bekanntschaft mit einem Dachs gemacht, am Weiher den Flug schillernder Libellen verfolgt, mich über die Größe eines Reihers gewundert und die Beine auf einer Bank an einem Platz baumeln lassen, den angeblich Hermann Hesse schon sehr geliebt hat. Ich habe die grafische Ästhetik gestapelter Baumstämme entdeckt, die filigranen Muster von sonnendurchwirkten Blättern und am Himmel eine Wolke auf ihrer Reise begleitet, die aussah wie ein Vogel. Ich habe die Bienen gezählt, die mit den Sonnenblumen ins Gespräch vertieft waren und die unglaubliche Symmetrie der Disteln bewundert. Die Wegstrecke war reduziert, doch die Zeit war prall gefüllt mit Entdeckungen.
Mir fiel dabei wieder ein, wie häufig ich das erlebt habe, als mein Sohn noch klein war. Der gemeinsame Weg von der Kita zurück war gefüllt mit Staunen über die leisen Wunder der Welt. Auf dem Weg zu seinem Erwachsenwerden wurde dieses Staunen immer weniger selbstverständlich, auch bei mir.
Fazit
So wie Weißraum in Bildern oder Büchern wichtig ist, kann das Weglassen beim Malen die Konzentration und Wahrnehmung stärken. Zudem nimmt es vielleicht auch den Druck raus, das etwas Perfektes entstehen muss. Und im Alltag kann Reduktion zum Neuentdecken und Staunen verführen. In diesem Sinn: Less is more, ein Hoch auf die Reduktion!
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Weitere Links
- Die Frische des Neuen: Einladung zum Staunen
- Wie Farben wirken und zusammenspielen
- Mehr zur Komposition und was alles dazu gehört
- Eines der vielen Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen (und für sehr gut befunden habe): „Muße. Vom Glück des Nichtstuns“. Der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel zeigt darin, wie wichtig das Reduzieren von Tätigkeiten für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden ist. Nein, Müßiggang ist kein Faulenzen, sondern essentiell für unser Gehirn!
- Die Studie der Psychologin Sheena S. Lyengar wie zu viel Auswahl die Motivation schwächt: When Choice is Demotivating: Can One Desire Too Much of a Good Thing?
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