Kunst und Komposition

von | 26. Februar 2022 | Kunstwissen

Auch wenn ich bei meiner Garderobe eher der Schwarz-Weiß-Typ bin, faszinieren mich Menschen, die selbst die wildesten Muster und Farben so kombinieren können, dass sie exzellent angezogen wirken. Andere dagegen schaffen es nicht einmal, mit Kleidungsstücken in zwei Farben passend gekleidet zu sein. Der Trick: Ein Gefühl für Komposition.

  1. Was bedeutet Komposition
  2. Die Prinzipien der Komposition
  3. Ordnungsprinzipien und Gestaltungsmittel
  4. Kompositionslehre und Kompositionsanalyse

In der Malerei ist es ähnlich: Unabhängig davon, ob ein Bild groß und farbenfroh oder leise und monochrom ist, kann es gut wirken – oder auch nicht. Zentraler Aspekt dafür ist die Komposition. Dies gilt in der Kunst genauso wie in der Musik und der Lyrik. Oder auch in der Fotografie, der Architektur und im Design, etwa bei der Planung eines Stadtviertels, bei der Buchgestaltung oder einer Ausstellungskonzeption. Die schönsten Farben, Tonleitern und Bildmotive wirken nicht, wenn die Prinzipien der Komposition nicht berücksichtigt sind.

Was bedeutet Komposition

Der Begriff leitet sich von dem lateinischen „componere“ ab, was „zusammensetzen“ und „in Position bringen“ meint, aber auch Bedeutungen wie „Hand in Hand“, „konzentrieren“, „gegenüberstellen“, „versammeln“ oder „gestalten“ beinhaltet. Spannenderweise alles Elemente, die bei einer Bildkomposition wirklich eine Rolle spielen.

Die Komposition ist vereinfacht gesagt der formale Aufbau und das zugrunde liegende Ordnungsprinzip. Einzelne Teile werden passend und in einer bestimmten, ganz individuellen Ausführung zu einem Stück – in der Malerei dem Bildraum – zusammengesetzt. Es geht um das Verhältnis der Bildelemente zueinander sowie in Bezug auf die gesamte Bildfläche. Durch ihre Anordnung ergibt sich eine bestimmte Wirkung und der Blick des Betrachters wird gelenkt. 

In der Musik ist das Prinzip den meisten Menschen klar: Ein Komponist fügt die Noten passend zu einem harmonischen oder bewusst disharmonischen Musikstück zusammen. Er gibt die Tonart und den Rhythmus vor, fügt Hinweise für die Schnelligkeit und Lautstärke ein, bahnt eine bestimmte Bewegung, etwa durch Änderung der Tonhöhen. Zudem besteht ein Musikstück oft aus verschiedenen Instrumenten, die miteinander harmonieren müssen, damit sich der Hörer nicht die Ohren zuhält. Meist lässt sich die Art der Komposition einem bestimmten Musikstil zuordnen, der ganz verschiedene Menschen anspricht (oder auch nicht). 

Ähnlich ist es in der Bildenden Kunst. Viele Elemente tragen zu einer Komposition bei. Sie sind gleichwertig, aber nicht in jedem Kunstwerk in gleicher Wichtung enthalten. Mit der Komposition lenkt der Künstler den Blick des Betrachters, strukturiert das Bild, gibt ihm einen bestimmten Charakter. Will er Harmonie – dann wählt er eine eher symmetrische Komposition und monochrome Farbpalette. Möchte er es spannend? Dann entscheidet er sich für Asymmetrien, starke Kontraste, ungewohnte Dynamik, eine Horizontlinie, die sehr weit oben oder unten liegt. Gute Künstler wissen um diese Aspekte und berücksichtigen sie in ihren Werken – viele bewusst, andere unbewusst.

Umgekehrt gilt das auch für die Betrachter: Die Elemente der Kompositionslehre erleichtern es, ein Bild zu beurteilen und oft auch, es zu verstehen. Sie entscheiden mit darüber, ob ein Kunstwerk gut ist und letztlich, ob es die Fähigkeit hat, Menschen zu berühren.

kunstreiche Komposition Renger-Patzsch
Die Komposition lässt sich oft einfacher bei Schwarz-Weiß-Bildern erkennen, weil Farbe eher ablenkt – hier eine paar Beispiele. Diese Skizzen habe ich bei einer Ausstellung des Fotografen Albert Renger-Patzsch in der Pinakothek der Moderne in München gemacht, um die Kompositionen seiner wunderbaren Fotos nachzuvollziehen.

Die Prinzipien der Komposition

Die Kompositionslehre ist ein bisschen wie eine Werkzeugkiste: Die verschiedenen Aspekte, die zu einer Komposition beitragen, sind die Werkzeuge, die je nach angestrebter Bildwirkung während des Malens ausgewählt und immer wieder anders eingesetzt werden. Bei einer 8-Kreuzschlitz-Schraube komme ich mit einem 10-er Schlitzschraubendreher nicht besonders weit, für Holz brauche ich andere Dübel als für eine bröselnde Altbauwand. Je nachdem, welche Bauprojekte ich wie oft ausführe, wird mein Koffer andere Werkzeuge enthalten als der meines Nachbarn. Und manchmal muss ich auch Werkzeuge ersetzen oder neue dazukaufen. So wird die Zusammenstellung der kompositorischen Prinzipien von verschiedenen Künstlern oder Lehrern unterschiedlich gehandhabt. Deshalb werde ich die Elemente nach meiner persönlichen Sortierung vorstellen, die eben deshalb keinesfalls allgemeingültig sein kann.

Passendes Werkzeug ist auch beim Malen wichtig

Grundsätzlich stelle ich mir als Malerin Fragen zu Spannung und Rhythmus, Dynamik und Harmonie. Passt alles zusammen? Erziele ich die Bildwirkung und erzähle die Geschichte, die ich möchte? Passt das Hochformat wirklich zu meiner abstrakten Landschaft? Wird der Betrachter durch das Bild geführt oder irrt er umher? Manchmal reicht es, ein einzelnes Element in der Komposition zu ändern, und das Werk fühlt sich plötzlich fertig an – wie ein letztes Puzzlestück, das an die richtige Stelle gesetzt wird.

Alle Aspekte bedingen sich gegenseitig und greifen ineinander. Das heißt, dass die folgende Auflistung in der Praxis selten genau getrennt werden kann. Die Gestaltungsprinzipien gelten übrigens nicht nur für figürliche, sondern auch abstrakte Kunst – und können somit helfen, diese Betrachtern zugänglicher zu machen.

Ordnungsprinzipien und Gestaltungsmittel

Eines vorweg: Es gibt keine starren Regeln beim Malen eines Bildes, keine To-do-Liste, die ein Künstler bei der Bilderstellung abarbeiten muss. Allerdings gibt es einige Leitlinien, die eine bestimmte Wirkung erzielen oder unseren Sehgewohnheiten entgegenkommen. Sie zu berücksichtigen, hilft gerade am Anfang, Entscheidungen zu treffen, was ein Bild noch benötigt oder ob es fertig ist. Wenn sich ein Bild nicht rund anfühlt, liegt es oft daran, dass die Komposition noch Schwächen aufweist. Um die Gestaltungsprinzipien anzuwenden, stehen dem Künstler verschiedene Mittel zur Verfügung.

Die Ordnungsprinzipien beim Aufbau eines Bildes, eines Gebäudes oder eines Musikstücks sind vergleichbar. Sie lassen sich einsetzen (oder missachten), um eine angestrebte Wirkung zu erzielen. Dies kann auch eine bewusste Irritation oder Provokation unserer Seh- und Hörgewohnheiten sein. Folgende Aspekte sind aus meiner Sicht zu beachten:

Struktur

Stellen Sie sich vor, ein Architekt würde ein Haus planen, indem er mit einzelnen Zimmern beginnt, statt zunächst den Grundriss des Gebäudes, die Anzahl der Wohnungen und die überhaupt benötigten Räume festzulegen. Die Folge: Fenster in verschiedenen Höhen, fehlende oder unnötige Türen, Treppenhäuser, von denen sich nicht alle Wohnungen erreichen lassen, Bäder, in die keine Toilette mehr passt, riesige Schlafzimmer und winzige Wohnbereiche – Chaos innen und außen.

Einfacher ist es, mit einem Konstruktionsplan zu beginnen – das gilt in der Kunst ebenso wie in der Architektur. Dies ist ein kompositorisches Gerüst, in dem die Elemente nach einem bestimmten Prinzip positioniert werden. So wird ein Gefüge festgelegt, an dem sich die weiteren Schritte ausrichten lassen. Ein Beispiel aus der Buchgestaltung ist ein Raster, durch das abgesteckt wird, welche Abbildungsgrößen es gibt, wie viele Spalten eine Buchseite hat, wie breit diese sind und wie groß die Abstände dazwischen. Solch ein Raster ist wie eine Klammer, ein Ordnungssystem, das man nicht sieht, das aber ein optische Einheit erzeugt.

Statt ein Raster zu erstellen, lässt sich auch mittels Skizzen ausprobieren, welche Bildaufteilung harmonisch wirkt.

Gestaltungsmittel und Grundformen

Punkt, Linie und Fläche sind die drei Grundgestaltungsmittel eines Bildes. Alles setzt sich daraus zusammen. Komposition bedeutet, die Elemente auf der Bildfläche so zu verteilen, dass sie die beabsichtigte Bildwirkung erzielen. Wichtig sind dabei Aspekte wie Länge, Größen und Proportionen, die Anzahl und Art der Formen, ihre Abstände, Platzierung und Kontraste. Wie sehen die Einzelteile aus und in welcher Beziehung stehen sie zueinander und im Bezug auf das gesamte Werk?

Sind Formen groß oder klein, stehen sie einzeln, in wilden Gruppen oder in Reih und Glied? Sitzen winzige Elemente neben riesigen, dunkle neben hellen? Hocken sie Seite an Seite oder stehen sie sich gegenüber? Sind sie begrenzt auf den Bildraum (geschlossene Komposition) oder im Anschnitt zu sehen, führen also aus dem Bild heraus (offene Komposition)? Punkte wirken statisch, mehrere Punkte ergeben Linien, die das Gefühl von Bewegung und Rhythmus erzeugen. Unterstützt werden diese Wirkungen durch das Verwenden von Farbe.

Flächen bestehen aus drei Grundformen, die sich beliebig zusammensetzen lassen – Quadrat bzw. Rechteck, Kreis bzw. Ellipse und Dreieck. Unsere Psyche spricht ihnen verschiedenen Eigenschaften zu:

  • Ein Quadrat wird als stabil, statisch und vertrauenserweckend empfunden.
  • Ein Kreis wirkt harmonisch und vollkommen.
  • Ein Dreieck fühlt sich – je nach Ausrichtung – dynamisch, instabil oder aggressiv an. 

Zu wissen, welche Assoziationen geweckt und Gefühle ausgelöst werden und dies zu berücksichtigen, ist ähnlich wie die Entscheidung, ein Musikstück in einer heiteren Dur- oder einer schwermütigen Moll-Tonart zu komponieren. Deshalb sind diese Formprinzipien auch ein wichtiger Aspekt beim Logo-Design. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie häufig sich in Bildmarken von Banken und Versicherungen Rechtecke finden? Selbst bei gegenständlichen Bildern können die einzelnen Bereiche in solche abstrakten Formen „übersetzt“ und damit bestimmte Aussagen vermittelt werden.

Platzierung

Wichtig für die Komposition sind die Ausrichtung und das Aufteilen einer Seite: Hoch- oder Querformat, wo werden Flächen oder die Horizontlinie positioniert, wo befinden sich visuelle Schwerpunkte? Wichtige Prinzipien sind hier die Drittelteilung und der Goldene Schnitt. 

  • Bei der Drittelteilung oder Drittelregel (Rule of Thirds) wird die Fläche durch jeweils zwei Linien horizontal und vertikal in Drittel geteilt. Wichtige Elemente werden auf den Schnittpunkten positioniert. Am stärksten wird das Auge vom Punkt unten links angezogen. 
  • Der Goldene Schnitt ist ein Teilungsverhältnis von Flächen oder Linien, das zu einer bestimmten Proportion (1:1,618) führt. Diese wird von vielen Menschen als besonders harmonisch empfunden.

Viele Mobiltelefone und Kameras bieten heute die Möglichkeit, beim Fotografieren diese Linien und ihre Schnittpunkte einzublenden und das Bild entsprechend harmonisch zu komponieren. 

kunstreiche Kunstwissen Komposition Drittelregel
Eine Möglichkeit, wichtige Elemente zu positionieren ist, das Bild entsprechend der Drittelregel zu unterteilen. Besonders harmonisch wirken Platzierungen im Bereich der Linienschnittpunkte. Zudem ist es gut, wenn in jedem der Felder „etwas passiert“, sodass das Auge Orte zum Innehalten hat.

Auch die Position des Betrachters sollte berücksichtigt werden. Schaut er von einer erhöhten Stelle auf das Bild hinab, wie von einem Berg auf die darunter liegende Landschaft? Blickt er nach oben oder steht er auf Augenhöhe, sieht er ein Panorama oder nur einen Ausschnitt? Mit dem Betrachterstandpunkt in Bezug auf das Bild wird Distanz oder Nähe erzeugt, ein Gefühl von Winzigkeit oder Überlegenheit, von Allgemeingültigkeit oder Intimität. Damit kann der Künstler bewusst spielen. Dies ähnelt der Entscheidung eines Romanautors, ob der Leser Teil der Handlung ist oder allwissend das Ganze von außen betrachtet.

Die Überlegung, wie eine Seite aufgeteilt wird, ist eng verwandt mit dem Thema „Fokus und Grenzflächen“, was weiter unten beschrieben wird.

Bewegung

Ein Bild kann Bewegung erzeugen, deren Richtung und Geschwindigkeit vorgeben. Wie wird der Betrachter durch das Bild geführt, um welche Art der Geschichte handelt es sich? Ist es eher ein Actionthriller mit schnellen Szenenwechseln oder eine innere Reise bei einer Entspannungsübung, handelt es sich um einen Krimi oder eine Liebesgeschichte? Wie schnell und mit wie vielen Steigungen sich die Handlung entwickelt, unterscheidet sich bei jedem dieser Themen. Die Komposition der Bildelemente vermag die Geschichte zu erzählen, wie in einem Roman: Dieser ist mit Höhen und Tiefen gespickt, Erholungsplateaus wechseln sich mit dem Emporklettern der Handlung ab, alles führt zu einem Höhepunkt hin, bei dem sich der Held und sein Gegner zum finalen Kampf gegenüberstehen. 

Stellen Sie sich die einzelnen Gestaltungselemente im Bild wie Wegweiser in einem Abenteuerpark vor: Sind sie gut positioniert, finden Sie den Weg, ohne im Kreis zu laufen, können an spannenden Stellen innehalten (und sich vielleicht sogar auf eine Bank setzen und die Aussicht genießen) und dann wieder weiterlaufen, zur nächsten Attraktion. Und abends erzählen Sie begeistert und zufrieden die Geschichte von Ihrem ereignisreichen Tag. Haben Sie allerdings den Eingang erst nach langem Suchen entdeckt, weil das Hinweisschild fehlte, sich dann ständig verlaufen oder sind in Sackgassen gelandet, haben die Erdmännchen nicht gefunden, obwohl sie als Attraktion angeboten waren und das Gefühl, manche Wege mehrfach, andere überhaupt nicht gegangen zu sein, verbuchen Sie den Ausflug eher unter „ferner liefen“.

Bewegung auf einem Bild wird erzeugt durch die Blickrichtungen, die den Augen vorgeschlagen werden. Diese Wege vermitteln bestimmte Emotionen: Geht der Blick von unten nach oben, entsteht Optimismus, Freude, Leichtigkeit; fallende Linien erzeugen eher traurige, gedämpfte Gefühle. Grundsätzlich geht, zumindest im westlichen Kulturkreis, die Leserichtung auch bei einem Bild von links nach rechts.

kunstreiche Kunstwissen Komposition Bewegung Rhythmus
Die Platzierung der Elemente wie Formen und Linien gibt eine Bewegungsrichtung vor.

Rhythmus 

Dieser hängt eng mit der Bewegung und ihrer Geschwindigkeit zusammen. Die Bewegung führt mich überhaupt durchs Bild; der Rhythmus gibt vor, wie ich mich hindurch bewege – im Marschschritt, hüpfend oder schlendernd. Rhythmus benötigt eine Gliederung, die wiederholt und nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit Eckpunkte setzt. Im Abenteuerpark können das beispielsweise Schilder sein, die in regelmäßigen Abständen in gleicher Sichthöhe wiederkehren. So lassen sich wichtige Hinweise positionieren: Ich verlasse mich darauf, sie bei der nächsten Weggablung zu finden, sie helfen bei der Orientierung und geben die Bewegungsrichtung vor. 

In einem Bild können das Linien, Farben, Formelemente sein, die – etwa als Reihung – wiederkehren und das Auge einladen, genau dieser Sequenz zu folgen. Sind sie eng nebeneinander gesetzt, erzeugen sie den Eindruck einer linearen Form – wie Zaunpfosten, die aus der Entfernung optisch verschmelzen und den Eindruck einer Grenze vermitteln. Ein Rhythmus erzeugt Ordnung, kann aber, beispielsweise mittels Variationen – auch für Abwechslung und Dynamik sorgen.

Fokus …

Dem Künstler sollte klar sein, wohin er das Auge des Betrachters lenken will. Was ist der Schwerpunkt des Bildes, die wichtigste Aussage? Was ist anders, besonders ungewöhnlich? Dies muss nicht auf den ersten Blick erkennbar sein, wie etwa ein schreiend roter Punkt auf einem weißen Hintergrund. Genauso gut können die Bildelemente, also die Linien, Formen und Farben und ihre Kontraste, den Blick langsam zu diesem Punkt lenken, auf dem Weg dorthin zum Verweilen einladen und die Spannung dezent aufbauen. 

Dazu dienen nicht nur Bewegung und Rhythmus, sondern auch die Bildaufteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Maler wie Caspar David Friedrich waren Meister darin, ihre Bilder entsprechend zu komponieren. Das lässt ich mithilfe einer Kompositionsanalyse zeigen. Wandelt man – z.B. mithilfe eines aufgelegten Transparentpapiers – die einzelnen Bildelemente in abstrakte Flächen um, wird sichtbar, wie gekonnt die Formen ineinander greifen, sich gegenseitig verstärken und auf die zentrale Aussage verweisen. Werden umgekehrt diese Aspekte nicht berücksichtigt, verliert der Betrachter die Spur und weiß nicht, wohin er schauen soll. 

… und Grenzflächen

Eine wichtige Rolle beim Lenken des Blickes kommt den Beziehungen der Einzelteile zueinander sowie den Grenzflächen zu, also den Orten, wo verschiedene Elemente aufeinander stoßen und sich überlappen. Dadurch entstehen Kontraste, Vorder- und Hintergrund. Der Blick wandert zuerst dorthin, wo sehr helle und dunkle Bereiche aufeinander stoßen, sich also starke Hell-Dunkel-Kontraste befinden. Und das, was vorn liegt und größer ist, wird in der Regel als wichtiger empfunden. Dabei irritieren bestimmte Platzierungen und werden deshalb eher vermieden, können aber auch bewusst eingesetzt werden, um genau diesen Reiz zu erzeugen: Positionierung auf Ecken oder am Rand sowie Flächen, die genau aneinander stoßen, statt sich zu überlappen.

Meist bietet sich an, Verbindungen zu schaffen, die es dem Auge erlauben, von einer Fläche zur anderen zu wandern, statt in einem Bereich gefangen zu bleiben. Das ist dann etwa so wie ein Wanderweg, der auch über abgrenzte Felder führt, bei denen der Zaun durch Tore unterbrochen ist. Achten Sie einmal darauf: In den meisten klassischen Landschaften findet sich keine durchgehende Horizontlinie, sondern auch senkrechte Elemente wie Bäume, die die Flächen optisch verbinden.

kunstreiche Kunstwissen Komposition Grenzflächen
Verschiedene Bereiche miteinander verbinden – und so dem Auge ermöglichen, über das Bild zu wandern.

Gleichgewicht, Harmonie, Vielfalt

Die Komposition eines Bildes ist mit einer Wippe zu vergleichen. Setzen sich verschieden schwere Personen auf die beiden Seiten, lässt sich ein Gleichgewicht erzeugen, wenn entweder beide Personen gleich schwer sind, mehrere leichte Menschen auf der einen und ein entsprechend schwerer Mensch auf der anderen sitzt. Oder wenn die schwere Person weiter innen und die leichtere auf der anderen Seite weiter außen positioniert sind. In dieser Situation besteht dann noch die Wahl, in ein ausgeglichenes Auf und Ab beim Wippen zu kommen oder in der Schwebe zu verharren. Sitzt nur ein Mensch auf einer Seite, wird er es nicht schaffen, dauerhaft vom Boden abzuheben. 

Ähnlich ist es bei einem Kunstwerk. Jedes Element auf einem Bild hat ein visuelles Gewicht. Dieses hängt ab von seiner Größe, der Platzierung, von der Form, der Helligkeit, den Farben und Texturen. Ein kleiner Punkt in einer intensiven dunklen Farbe, der allein auf einer großen hellen Fläche steht, wirkt kräftiger als ein riesiger heller Fleck auf einem hellen Grund. Die einzelnen Elemente – ob symmetrisch oder asymmetrisch, einzeln oder gruppiert – müssen in eine Balance gebracht werden, die sich dann ebensogut in einer Bewegung wie auch einem ruhigen Schwebezustand äußern kann. Wird das nicht berücksichtigt, kann sich der Blick nicht dauerhaft von einer Seite im Bild lösen. 

Harmonie entsteht, wenn die einzelnen Gestaltungsprinzipien so eingesetzt werden, dass sie sich gegenseitig unterstützen und verstärken. Dann sind alle Elemente des Bildes so miteinander verbunden, dass sie zusammenpassen. Das erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine visuelle Einheit, die nichts mit Langeweile zu tun hat, aber Botschaften aussendet, die sich nicht gegenseitig widersprechen. Dadurch wird eine bestimmte Stimmung erzeugt, auch eine ästhetische Anmutung, die sich bei vielen Künstlern als „Stil“ durch alle Werke oder zumindest eine bestimmte Werkgruppe zieht.

Durch Abwechslung in der Komposition entstehen Vielfalt und Lebendigkeit, die dazu einlädt, das Werk immer wieder zu betrachten.

Kompositionslehre und Kompositionsanalyse

Wie lässt sich auf zweidimensionalen Flächen das Gefühl für Räumlichkeit erzeugen? Wie funktionieren einzelne Gestaltungsmittel im Zusammenspiel auf der Bildfläche? Mit diesen Fragen und den Möglichkeiten zur bildnerischen Raumgestaltung beschäftigt sich die formale Gestaltungslehre in der Kunst. Die Kompositionslehre ist eine ihrer Untergruppen. Weitere sind die Perspektivenlehre, die Formen- und die Farben-(Licht-)Lehre. Die Aspekte und Wirkungen der einzelnen Gruppen überlappen sich an vielen Stellen und greifen eng ineinander. 

Kompositionsanalyse

Ein Teil der Kompositionslehre ist die Kompositionsanalyse. Diese bietet Hilfsmittel, wie sich die Komposition eines Bildes sichtbar machen und dann systematisch durchleuchten lässt. Die grundlegende Herangehensweise dabei ist, nebensächliche Details wegzulassen, die Elemente, Farbkomposition und Perspektiven auf ihre Grundformen zu reduzieren und mit Hilfsmitteln kenntlich zu machen. Die einfachste Methode ist, ein Transparentpapier über das Bild zu legen und prägnante Linien bzw. Umrisslinien wichtiger Bildelemente nachzufahren. Dann betrachtet man, welche abstrakte Formen sich dadurch ergeben, wie sie zueinander und im Bildraum stehen und welche Blickrichtung sie erzeugen. 

  • Wie ist die Gesamtfläche des Bildes aufgeteilt? 
  • Wo befinden sich die Bildachsen und wie sind diese ausgerichtet? 
  • Welche Formen sind vorhanden und wie sind sie platziert? Klassische Anordnungen der Elemente und resultierende Blickrichtungen sind beispielsweise vertikal, horizontal, kreuzförmig, diagonal, strahlenförmig, mittig, dreieckig oder kurvenförmig. 
  • Gibt es Symmetrien und Asymmetrien? 
  • Welche Art der Linien wird verwendet – und wohin führen diese? Sind die Linien wirklich vorhanden oder handelt es sich um gedachte Linien, die im Kopf entstehen, weil wir Elemente als zusammengehörig wahrnehmen?
  • Wirkt das Bild eher statisch oder dynamisch? Hat jedes Kompositionselement entsprechende Gegenspieler?

Mit solchen Fragen lässt sich analysieren, ob und wie die oben erklärten Gestaltungsprinzipien eingesetzt worden sind.

Kunstreiche Komposition Dreieckskomposition
Bei diesem Bild „Aufblicken“ werden die drei dunklen Elemente als wichtig empfunden. Es ist eine Dreieckskomposition, bei der das Auge von einer zur nächsten Form geleitet wird, wodurch fast eine Kreisbewegung entsteht. Beim genaueren Hinschauen erschließt sich eine zweite Ebene, in der ebenfalls eine Dreier-Kombination zu sehen ist, fast wie ein Echo der Komposition im Vordergrund.

Fazit

Die Kompostion spielt während des gesamten Malprozesses hindurch eine Rolle. Auch wenn der Kunstschaffende sie nicht ständig bedenkt und selbst wenn er eher intuitiv-impulsiv malt, wird er sie immer wieder überprüfen und gegebenenfalls verbessern. Der Künstler hat in der Hand zu bestimmen, welche Geschichte er erzählt, welche Bildwirkung er erzielen möchte und wohin der Betrachter seinen Blick lenkt.

Sie können mit einem Bild nichts anfangen, haben das Gefühl etwas stimmt nicht, sie finden es langweilig oder es ermüdet sie? Dann versuchen Sie doch, es unter den Aspekten der Kompositionslehre zu betrachten. Vielleicht liegt es nicht an Ihnen, dass Sie sich unwohl fühlen, sondern am Werkzeugkoffer des Künstlers. Übrigens: Die Prinzipien der Komposition lassen sich durchaus auch bei der Beurteilung eines Outfits anwenden. Einfach mal ausprobieren, wenn Sie das nächste Mal jemanden sehen, der toll angezogen wirkt, obwohl es überhaupt nicht Ihr Stil ist.

Weitere Links

Sie mögen kreativen Austausch?

Schicken Sie mir doch eine Nachricht. Oder teilen Sie Ihre Gedanken zum Artikel im Kommentarfeld weiter unten.

2 Kommentare

  1. Wow Dagmar, da hast du wirklich alles reingegeben, was im Studium Thema über viele Stunden war. Und das Ganze verständlich geschrieben. Dankeschön.

    Antworten
    • Liebe Kathrin,
      hab vielen Dank für dein tolles Feedback. Super, wenn das Thema umfänglich und vor allem verständlich rüberkommt :-)

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.