Sitterwerk: Kunst und Produktion vermitteln

von | 28. August 2023 | Kunst erleben

Das Sitterwerk habe ich bereits vor einigen Jahren kennengelernt: Als Teilnehmerin einer Typografie-Konferenz in St.Gallen kam ich in den Genuss einer Führung. Ich war begeistert und habe seitdem den Newsletter der Siftung abonniert. Und so wurde ich im Sommer auf eine Ausschreibung aufmerksam.

Das Sitterwerk ist ein Industrieareal in St.Gallen, in dem ehemals die Textilfärberei Sitterthal beheimatet war. Seinen Namen verdankt es dem Fluss Sitter, an dem es liegt. Seit nun fast 20 Jahren beherbergt es eine Kunstgießerei, mit dem Kesselhaus Josephsohn einen Ausstellungsraum (dauerhaft bestückt mit Werken des Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn), ein Fotolabor, ein Atelierhaus für Gastkünstler:innen. Und es ist Sitz einer wundersamen Bibliothek mit rund 25.000 Büchern zu Kunst und Design, Architektur, Material- und Gusstechnologie sowie eines Werkstoffarchivs.

Die Sitter: malerischer Namensgeber mit farbenfrohen Kieseln an ihrem Strand

Kunstbibliothek und Werkstoffarchiv im Sitterwerk

Ursprung der Bibliothek ist der Bestand des leidenschaftlichen Sammlers Daniel Rohner, der 45 Jahre lang Bücher zusammengetragen hat. Sie waren seine täglicher Begleiter, in sich ständig ändernden Zusammenstellungen und Stapeln.

Dieses System war Grundstein für die dynamische Ordnung der heutigen Bibliothek. Keine fixe Sortierung von A bis Z, sondern eine sich immer wieder neu erschaffende Form, die durch die Nutzenden kreiert wird. Dadurch ändern sich die Zusammenstellungen ständig und laden den Zufall und das assoziative Denken ein. So findet man durchaus das, was man sucht (die Bücher sind mit modernen Funketiketten ausgestattet, deren Ortungssignale jede Nacht ausgelesen werden), aber eben auch das, wonach man nicht gesucht hat. Quasi der Gegenentwurf zur Cloud, in der heute jede/r Internetnutzende steckt, und deren Algorithmen auf das referenzieren, was man bisher getan hat.

Ein enges Zusammenspiel zwischen digitalen Möglichkeiten und analoger Haptik, zwischen Rezeption und Produktion, im Mittelpunkt der Prozess und seine Dynamik. Die fluide Kollaboration von verschiedenen Sparten, von Forschung und Handwerk. Und damit ist diese Art der Bibliothek ein Spiegel dessen, was im Sitterwerk passiert und was sich die Stiftung auf die Fahnen geschrieben hat. Synergien zu nutzen: Kunst, Produktion und Vermarktung gleichwertig zu behandeln. Das Entstehen und die Geschichte von Kunst und ihrer Materialität sowie ihren Erhalt zu erforschen und genau diese Prozesse zu vermitteln, nahbar zu machen. Dabei Wissensordnungen infrage zu stellen und immer wieder neu zu justieren.

Moderne Bibliothek hinter Mauern mit altem Industriecharme

Einladung zum Schreiben

Im Juli startete die Stiftung Sitterwerk einen öffentlichen Schreibwettbewerb. Gesucht wurden Texte jeglicher Art, neue Formen der Kunstbeschreibung, in deren Zentrum die Kunst und ihre Produktion stehen. Ansonsten war nur die Zeichenzahl begrenzt, alles andere frei. Auch wenn ich schon lange nicht mehr bei Literaturwettbewerben mitmache, sprach mich diese Ausschreibung an. Schließlich schreibe ich in meinem Blog über nichts anderes als Kunst und ihre Produktion: Wie kommen Bilder auf die Leinwand, mit welchen Materialien arbeite ich? Wie geht es mir dabei, wenn ich Kunst kreiere, Ideen in Greifbares umwandle? Wie schaffe ich es, Dinge zu verbinden, die nicht auf den ersten Blick zusammengehören und das schreibend zu vermitteln? Wie können Analoges und Digitales sich gegenseitig befruchten? Lässt Kunst sich hörbar machen?

So entschied ich kurzentschlossen, meinen Text über meine Zeit als Artist in Residence im Kloster Dornach einzureichen. Er ist nicht experimentell, aber als Blogartikel zeitgemäß. Sehr persönlich, fast wie ein Tagebuch zeigt er auf, wie sich der Aufenthalt in einer ehemaligen Klosterzelle auf mein künstlerisches Schaffen ausgewirkt hat. Gedacht, getan: zusammengestellt und termingerecht eingereicht.

Auf dem Sitterwerk-Areal finden sich überall Hinweise auf Produktionsprozesse.

Einladung zum gemeinsamen Essen

Gekürt wurden am vergangenen Freitag die Texte „The Arachnid Research Laboratory Weaving-Unfolding-Transforming” von Beatrice Zaidenberg und „Written Matter – What turns me into a membrane?” von Sara Grütter. Die Jury hat diese Wahl ausführlich begründet und auch ihren Auswahlprozess und Kriterienkatalog sehr transparent aufgezeigt – nicht selbstverständlich und deshalb umso schöner.

Sehr besonders und wertschätzend fand ich, dass das Sitterwerk-Team am Jurierungstag abends alle 37 Teilnehmenden ins Sitterwerk zum Essen eingeladen und eine Führung angeboten hat. So ließ sich nachvollziehbar erleben, warum das Thema des Wettbewerbs so passend war für diesen Ort. Und es ergab sich die Gelegenheit, miteinander, mit dem Team und den Jurymitgliedern ins Gespräch zu kommen. Spannend war, aus welch unterschiedlichen Bereichen die Schreibenden kommen und wie verschieden die eingereichten Textformen sind. Auch dies ein Zeichen, wie gut sich die Ziele der Stiftung durch solch eine offene Ausschreibung transportieren lassen.

Get-Together vor der Bibliothek

Kunst, Handwerk, Wissenschaft: Hand in Hand

Mit verschiedensten Aktivitäten und Führungen zum Stöbern, Anfassen, Recherchieren, Zuhören und Anschauen einzuladen: Die Ausschreibung reiht sich super ein in die Vision und das Ziel der Stiftung Sitterwerk. Ein interessantes Thema, ein sehr freundlicher und wertschätzender Umgang, viele Impulse. Deshalb bin ich nicht allzu enttäuscht, dass meine Einreichung nicht zu den Favoriten gehört. Die ausgezeichneten Texte werden auf dem Sitterwerk online Journal veröffentlicht. Was ich mir wünsche: dass alle eingereichten Texte zugänglich sind. Das, was ich an dem Abend von den anderen gehört habe, fand ich extrem spannend. Ich würde gern alles lesen!

Pittoresk versteckt hinter Ranken: die Kunstgiesserei

Die Jurymitglieder waren:

  • Rémi Brandon, Gründer Soccochico und Dozent HEAD, Genf
  • Deborah Keller, Chefredakteurin Kunstbulletin, Zürich
  • Julia Künzi, Kunsthistorikerin und Kuratorin, Bern und Zürich
  • Barbara Preisig, Kunsthistorikerin, Dozentin und Kunstkritikerin, Zürich
  • Laurin Schaub, Keramiker und Künstler, Bern
  • Kathrin Sigrist, Künstlerin, Basel
  • Bettina Zimmermann, Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin Kesselhaus Josephsohn, Zürich und St.Gallen
Überall auf dem Areal findet sich Inspiration an Formen und Farben

Links:

Tschüss Blockade, hallo Kreativität

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