Angst, loszulassen? Das erstickt die Kreativität!

von | 30. April 2021 | Ateliergeflüster

Kindern zuzuschauen, lehrt uns viel für das Leben: Krabbelkinder, die begeistert Türme aus Holzklötzen bauen und diese dann lustvoll umstoßen. Kleinkinder, die sich beim Laufen lernen immer wieder auf den Hosenboden setzen und unermüdlich so lange probieren, bis sie wackelig die ersten Schritte selbst schaffen. Größere Kinder, die Anleitungen nachbauen. Und dann ohne Angst, etwas falsch zu machen, alles auseinandernehmen und noch nie gesehene Objekte konstruieren, ganz ohne Vorlage. Was das mit dem Loslassen und der Kunst zu tun hat? Eine Menge.

  1. Die Last des Loslassens
  2. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?
  3. Der Anfang ist nicht so schwer, aber das Weitermachen…
  4. Kill your darlings
  5. Loslassen, um etwas besser zu machen

Die Last des Loslassens

Der Bauch grummelt, sobald der Chef um die Ecke kommt – doch kündigen? Wer weiß, ob ich dann wieder einen Job finde. Die Hose fristet seit Jahren ein Dasein in der hintersten Schrankecke – doch weggeben? Aber nein, sie ist ja noch gut (und bald passe ich wieder rein). Gesprächsthemen mit meiner Freundin aus alten Zeiten zu finden, gestaltet sich zunehmend schwierig. Sie deshalb nicht mehr zum Geburtstag einladen? Vielleicht lieber nicht alleine feiern.

Sich zu trennen von Menschen und Dingen, Loslassen und Weggeben von etwas, das nicht mehr passt, das fällt vielen Menschen schwer. Auch vielen Künstlern. Und das ist ein möglicher Grund, warum sie immer wieder in ihrer Arbeit feststecken. 

Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?

In Vertrautem zu verharren, ist bequem. So weiß ich, was ich habe, muss mich nicht auf eine neue Situation einstellen. Ich kann bekannte Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen, manchmal auch die Nachteile unter den Teppich kehren oder mir schönreden. Immer noch besser als in unbekanntes Terrain aufzubrechen, das vielleicht komplett dunkel ist, in dem ich mich verlaufe und nicht weiß, wann die nächste Raststätte kommt.

Doch brauche ich wirklich den Spatz oder die Taube? Vielleicht stelle ich fest, dass ich mit einem vierbeinigen Tier viel mehr anfangen kann als mit einem gefiederten. Oder möglicherweise brauche ich sowieso kein Tier. Sondern freue mich über etwas ganz anderes, von dem ich noch nicht mal weiß, dass es hinter der nächsten Hausecke auf mich wartet. Das sehe ich aber erst, wenn ich loslaufe.

Loslaufen, um hinter die Ecke blicken zu können

Der Anfang ist nicht so schwer. Aber das Weitermachen …

Lange Zeit ging es mir auch in meiner Kunst so. Die Angst anzufangen, war irgendwann überwunden. Aus der beängstigenden weißen Leinwand wurde eine Einladung zu spielen. Ein verheißungsvoller Beginn, der noch alles erlaubt und sämtliche Möglichkeiten bereithält. Der Kopf bleibt ausgeschaltet, die ersten Schichten entstehen. Die Farbwahl ist dabei eher intuitiv, die Platzierung von Flächen und Linien ungeplant.

Dann kommt die nächste Phase. Dinge müssen geprüft und überarbeitet werden: Passen Farben zusammen, stimmt die Komposition? Wird das Auge eingeladen, über das Bild zu wandern, stehen Licht und Dunkel in dem Verhältnis, das ich mir vorstelle? Dabei bleibt mein analytischer Blick nicht nur an unbefriedigenden Stellen hängen, sondern saugt sich auch an anderen fest: Farben, die perfekt harmonieren, eine spannende Komposition, Linien die Geschichten erzählen. Das ist wunderbar. Und gleichzeitig in diesem Stadium alles andere als gut. Es ist wie ein besonders schöner Moment, bei dem ich die Uhr anhalten möchte, damit er nicht zu Ende geht. Total lähmend! Ich will nicht vorangehen, weil ich Angst habe, etwas zu zerstören.

Und wie geht’s weiter?

Kill your darlings

Ich weiß noch, wie sehr ich früher eine Künstlerkollegin beneidet habe, die es während gemeinsamer Malabende geschafft hat, auf einer Leinwand nacheinander mindestens drei verschiedene Bilder entstehen zu lassen und beim nächsten Mal die gleiche Leinwand mit einem ganz anderen Bild mitbrachte. Ich dagegen starrte auf mein Blatt Papier und hatte keine Ahnung, wie es weitergeht, hatte Angst vor dem nächsten Pinselstrich – ich könnte ja etwas kaputt machen.

Vermutlich kennt fast jeder Künstler solche Situationen. Das Nichtweiterwissen. Oder das Drumherummalen um eine „schöne“ Stelle und die Verzweiflung, dass das gesamte Bild unharmonisch ist und bleibt. Bei einem meiner Werke führte das dazu, dass ich die Leinwand zerschnitt, diese Stelle neu rahmte und den Rest entsorgte. Solche eine Angst vor Fehlern muss ich überwinden, um voran zu kommen – konkret beim Bild, an dem ich gerade arbeite, genauso wie bei der künstlerischen Entwicklung. Wie kann ich etwas Neues entdecken, wenn ich im immer Gleichen verharre, wenn ich mich nicht traue, im Bild etwas loszulassen, indem ich es übermale? Einer meiner Lehrer sagte dazu mal „Kill your darlings“. Meinen Liebling zu töten, führt im Alltag eher zu einem Aufenthalt hinter Gittern – beim Malen jedoch ist es eine Befreiung.

Vor oder hinter Gittern – eine befreiende Entscheidung

Loslassen, um besser zu werden

Heute fällt es mir noch immer nicht leicht. Aber je häufiger es mir gelingt, beherzt auch meine Lieblingsstellen zu übermalen, desto einfacher wird es beim nächsten Mal. Weil mein Erfahrungsschatz wächst, der mir sagt, dass Fehler eigentlich nur Hinweise und Herausforderungen sind. Ich schule mein Sehen. Mein Selbstvertrauen wächst, dass ich Entscheidungen treffen, wenig gelungene Stellen wieder überarbeiten und damit verbessern kann. Dass die Schichten dem Bild Tiefe und Spannung geben, es so Geschichten erzählt und zu singen beginnt. Ich stelle fest, dass ich Vorlieben habe, die ich nie hinterfragt oder durch andere ersetzt habe (Farben, Materialien, Werkzeuge…). Und ich lerne, dass ich auf diesem Weg immer wieder etwas entdecke, das mir verborgen geblieben wäre, hätte ich mich nicht aus meiner Komfortzone gewagt. Hier ein paar Beispiele:

  • Flächen überlagern sich und spielen miteinander, die bewusst platziert nur deplaziert gewirkt hätten
  • Durch die Überlagerungen entstehen Farben, die ich niemals so gemischt und kombiniert hätte – und doch wirken sie wunderbar
  • Formen entstehen, die mich wieder auf neue Ideen bringen
  • Ungeplante Schatten bringen helle Stellen zum Leuchten (und umgekehrt)
  • Kompositionen entstehen, werden verlagert und verschoben, verändert und wieder angepasst. Eine Sehschulung und spannend, weil sich zeigt, dass es nicht DIE EINE, sondern verschiedene Möglichkeiten gibt
Übermalungen erzeugen spannende Schichten und Kompositionen

So zu arbeiten bedeutet auch, im Jetzt zu bleiben. Nicht ständig das Ergebnis im Blick zu haben, sondern darauf zu vertrauen, dass der Prozess mich leitet. Den Zufall einzuladen, ist wie einem Menschen die Tür zu öffnen, den man noch nicht kennt. Es können sich hochspannende Gespräche entwickeln, ich lerne Unbekanntes und Unerwartetes. Oder es entsteht ein peinliches Schweigen. Doch dann kann ich ihn wieder hinausbitten und den Abend mit ein paar guten Freunden ausklingen lassen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass das künstlerische Schaffen sehr viel mit dem Leben zu tun hat.

Übrigens: Loslassen lässt sich besonders gut trainieren bei der Arbeit in Serien.

Und woher die Inspiration kommt. finden Sie hier.

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2 Kommentare

  1. Liebe Dagmar,
    ich lese deine Blogartikel total gerne, nicht nur der Schreibstil spricht mich an, sondern man merkt in jedem Satz, dass du eine absolute Fachfrau bist.
    Die Last des Loslassens kenne ich beim Kreativ sein mittlerweile nicht mehr. Wenn ich das Gefühl habe, dass in meinen Textilarbeiten irgendwas nicht passt, dann bin ich ziemlich rigoros. Früher war das anders, wahrscheinlich hat das auch mit Erfahrung und Selbstbewusstsein zu tun.
    LG Birgit

    Antworten
    • Danke, liebe Birgit, für deinen Kommentar, der mich umso mehr freut, weil er von einer anderen kreativen Frau kommt. Ich denke ebenso wie du, dass die Erfahrung es erleichtert, loszulassen. Vor allem auch die Erfahrung, dass dann nichts Schlimmes passiert (Bild ruinirt, schöne Stellen weg, alles für den Mülleimer…), sondern im Gegenteil spannende Dinge passieren, die einen weiterbringen. Mittlerweile macht es mir richtig Freude, mich neugierig auf solche Experimente einzulassen. Das ist sehr befreiend!

      Antworten

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