Woher kommt die Inspiration?

von | 27. April 2021 | Ateliergeflüster

Wie kommst du auf deine Ideen für deine Kunst? Woher nimmst du die Inspiration? Woher weißt du, was du malen willst? Diese Fragen höre ich immer wieder von Gästen in meinem Atelier. Oder von Freunden, wenn wir abends zusammensitzen und über unsere Arbeit sprechen.

Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Art von Fragen oft zunächst still bin. Das liegt weniger daran, dass ich nicht weiß, was mich inspiriert. Sondern der Grund ist eher, dass die Frage aus einem falschen Blickwinkel gestellt wird, von nicht ganz passenden Voraussetzungen ausgeht. Was dazu führt, dass ich dann keine Idee habe, wo ich anfangen soll und deshalb erstmal gar nichts Vernünftiges antworten kann.

Inspiration: Da rein, dort raus?

Woher nimmst du deine Inspiration? – Diese Frage impliziert einen linearen Prozess: Auf einer Seite kommt Inspiration herein, auf der anderen Seite ein Bild heraus. Das setzt voraus, dass ein zündender Funke nötig ist, um mit einem Werk anzufangen. Doch der Blick auf meinen Arbeitsprozess zeigt: Es ist viel komplexer als „Inspiration rein und daraus mit Hilfe von Pinsel, Farbe und Papier ein Bild gemacht.“

Heute auf Instagram ein indisches Menü gesehen und Hunger bekommen? – Dann schnell Bockshornklee, Chili und Kurkuma mit Reis und Gemüse vermengt und ein Curry gezaubert. Doch was beim Kochen funktioniert, läuft beim Malen anders ab. Es ist selten ein 1:1-Prozess. Ich kann nicht sagen, „Ich bin traurig, mir gehen die Corona-Einschränkungen auf den Keks, ich kämpfe mit meinem Gewicht – und das zeigt sich automatisch in meinen Bildern“. Es läuft eher so ab: berührende Musik, ein spannender Film oder ein Zeitungsinterview, ein interessanter Blogartikel, ein intensives Gespräch, eine abwertende oder freundliche Bemerkung – und dann: Nachspüren, Stunden darüber nachdenken, mehrfach drüber schlafen, vergessen. Alles wird verdaut und ein Teil von mir.

Das bedeutet aber nicht, dass ich dann zwingend einen Pinsel in die Hand nehme und das Erlebte auf diesem Weg verarbeite. Mein Erleben fließt sicher ein in meine Kunst. Aber nur sehr selten so, dass ich ein Werk einer aktuellen Befindlichkeit zuordnen kann, sondern eher als Teil meiner Persönlichkeit. Vielleicht unterscheidet das auch das freie künstlerische Arbeiten von der Kunsttherapie. Trotzdem können Impulse aus dem Alltag durchaus direkt Eingang in mein Werk finden, etwa ein Buch über ein Thema, das mich grafisch inspiriert.

Diese Holzschnittserie war inspiriert von einem Buch über Insekten.

Genie & Wahnsinn – ein Schlüssel zur Kreativität?

Ein Blick in diverse Wörterbücher zeigt: Inspiration wird oft als Eingebung, als unerwartete Idee unbekannten Ursprungs definiert, die Ausgangspunkt für künstlerisches Schaffen ist. Sie ist wenig greifbar – kein Wunder also, dass sie in der Vergangenheit oft mit dem göttlichen Hauch gleichgesetzt wurde, der die Auserwählten berührt. Da ist es nur ein kleiner Schritt, den Künstler zum Genie zu erklären, beseelt vom göttlichen Geist und von der Muse geküsst.

Im Kunstunterricht haben wir gelernt, dass zur Bildinterpretation immer die Verortung des Künstlers in seiner Zeit vonnöten ist. Umwälzungen, Krieg, Existenznot und schon schleichen sich dunkle Farben in das Bild, es wird groß und beängstigend. In unserem kollektiven Gedächtnis ist verankert, dass erst aus Leiden und Armut, aus Wahnsinn und Verlust richtig große Kunst entstehen kann. Geschichten wie die über Van Gogh und sein abgeschnittenes Ohr (das bekanntermaßen ja nur ein Stück seines Ohrläppchens war) oder über Salvador Dali, dessen Verhalten und Aussehen mindestens so exzentrisch war wie seine Kunst außergewöhnlich, bestätigen uns das: Der Künstler ist ein kreatives Genie, nagt am Hungertuch und steht immer am Abgrund zum Wahnsinn.

kunstreiche woher Inspiration So fühle ich mich heute
Eines meiner seltenen Bilder, bei dem eine Stimmung mich zum Malen inspiriert hat.

Kreative selbst haben auch immer wieder in diesen Kanon eingestimmt – man denke an das ikonische Bild „Der arme Poet“ von Carl Spitzweg (ja, auch die schreibende Zunft braucht Inspiration). Doch seltsamerweise kenne ich viele Künstlerkolleginnen und Kollegen, die ein normales Leben führen, die eine Familie haben und einen geregelten Tagesablauf. Die hart arbeiten und deren Können nicht vom Himmel gefallen ist, sondern durch ständiges Tun und Lernen wächst. Woher sie ihre Inspiration nehmen? Nicht zwingend aus einschneidenden Ereignissen. Sondern aus kleinen Dingen im Alltag.

Blüten in Nahaufnahme – Farben und Formen zur Inspiration

Inspiration ist bewusstes Sehen

Zurück zur Ausgangsfrage, woher meine Inspiration kommt. Groß und allgemein beantwortet: Kreativität schöpft aus dem Leben, mit all seinen Facetten. Inspiration kommt aus dem Alltag genauso wie aus besonderen Situationen. Aus der Natur, den Ruhezeiten. Aus Gedichten, Büchern. Der Sprache und anderer Kunst. Aus Gesprächen, Musik, Theater. Hier ein paar konkrete Beispiele von Dingen, die mich inspirieren:

  • Muster: Wellengekräusel auf dem See, die Masten von Segelbooten. Schatten von Pflanzen, Menschen, Gegenständen. Risse in Mauern oder im Beton, zufällige Anordnung von Geschirr oder von Büchern in Regalen. Ein Zaun, Strommasten, die sich gegen den Himmel abzeichnen. Steine und Wurzeln. Rhythmus des Regenprasselns auf der Straße, des Blätterraschelns im Wind. Gesichter im Milchschaum des Kaffees.
  • Farben und ihre Kombinationen: Essbares wie Obst in einer Schale, Gewürze oder ein fertig gerichteter Teller in einem Restaurant. Das gelbe Grün frischer Birkenzweige vor dunklem Hintergrund. Farbkarten im Baumarkt, eine Löwenzahnwiese. Die Blautöne von Wasser, Rost und Moos, goldene Lichtreflexe auf dem Haar. Sich zu fragen, welche Farbe ein Gefühl hat, eine Jahreszeit, ein Musikstück.
  • Formen: Rohre auf einer Baustelle, gestapelte Säcke auf dem Wertstoffhof, Tische und Stühle; Äste, Blätter und Blüten. Umrisse im Gegenlicht. Fotos auf den Kopf gestellt. Alte Gebäude. Nahaufnahmen, egal wovon.
  • Komposition: Wiesen vor Bergen und Himmel, verbunden durch einen Kirchturm mit rotem Dach. Menschengruppen auf Badetüchern am Strand. Boote im Hafen. Blumenvase auf dem Tisch, davor ein paar welke Blüten. Markstände. Stapel im Kleiderschrank.
  • Themen: eine Momentaufnahme in Gedanken weiterspinnen, sich fragen „was wäre, wenn“. Eine skurrile Kurzmeldung in der Zeitung oder ein Bericht über etwas, von dem ich noch nie gehört habe. Eine Fotostrecke, ein Buch.  
  • Kreativ werden im spielerischen Tun: Kreativität wächst aus sich selbst. Je mehr ich erschaffe, desto mehr Ideen habe ich, was ich alles noch ausprobieren möchte. Es hat etwas sehr Befreiendes, einfach anzufangen, mit irgendetwas: einer Farbe, einem Strich, einem Stück Buntpapier. Mit Farben beginnen, die ich nicht mag. Die Augen schließen und blind zeichnen. Den ersten Schritt gehen und merken, dass das Laufen guttut.
Licht und Schatten geben viele kreative Impulse.

Diese Beispiele für Inspirationsquellen sind völlig willkürlich gewählt. Die Liste ließe sich schütteln und beliebig neu sortieren, die Aufzählung endlos fortsetzen. Sie zeigt, dass Inspiration nichts Besonderes ist, kein Musenkuss. Sondern sich von allein einstellt, wenn die Sinne auf Empfang gestellt sind.

Die Natur bietet eine unerschöpfliche Quelle an Inspiration.

Inspiration ist überall, im Großen wie im Kleinen. Die Frage ist, wie ich es schaffe, in all den Eindrücken etwas Besonderes zu sehen und spüren. Da höre ich oft „Du hast einfach den Blick für so etwas“. Da kommt die Kreativität in Spiel, die es schafft, solche kleinen, selbstverständlichen Dinge genau anzusehen und in Ideen und Projekte zu transformieren.

In meinem Video gibt es weitere Einblicke zu meinen Inspirationsquellen.

Und hier finden Sie weitere Gedanken zur Kreativität.

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