Online Kunst kaufen, das geht nicht? Geht doch!

von | 8. Februar 2021 | Kunstwissen

Ausstellungsraum in der Städtischen Galerie Tettnang. Kunst zu kaufen geht aber auch online. Bilder von Dagmar Reiche

Sie spielen schon länger mit dem Gedanken, ein Kunstwerk zu kaufen? Vielleicht haben Sie bereits einige Stunden vor Ihrem Laptop verbracht und im Netz nach genau dem Bild gesucht, das Sie sofort anspricht. Möglicherweise haben Sie bereits eines gefunden, dass Sie gerne hätten. Aber dann zögern Sie: Kann man Originalkunst wirklich online kaufen? Hier meine Entscheidungshilfe.

  1. Online Kunst kaufen – Trash oder Trend?
  2. Kunst und Kultur, digital und demokratisch
  3. Online Originalkunst kaufen – 6 Punkte, die dafür sprechen
  4. Kein Licht ohne Schatten: Was einen Kunstkauf im Internet schwierig macht
  5. Wie Sie trotzdem mit online gekaufter Kunst glücklich werden können

Online Kunst kaufen – Trash oder Trend?

Kunst online zu kaufen, boomt nicht erst, seitdem die Viruspandemie unser öffentliches Leben auf Sparflamme gesetzt hat. Bereits in den Jahren davor hat sich dieser Trend abgezeichnet. Plötzlich setzen etliche große Auktionshäuser auf diesen alternativen Vertriebsweg (so bietet etwa Ketterer seit 2007 „Online-Only-Auktionen“ an), Online-Galerien schossen wie Pilze aus dem Boden. Zunehmend tummeln sich auch Kunstschaffende im Netz, die auf YouTube oder Instagram selbstbewusst sich und ihre Kunst zeigen, nicht selten gekoppelt mit einem Onlineshop auf ihrer Webseite.

Für jeden Geschmack und Geldbeutel findet sich lokal und international ein Angebot, oft sortierbar nach Farben, Technik, Stilen, Künstlern, Formaten und Preisen. Nach Eintippen von „Kunst online kaufen“ konkurrieren auf den ersten Seiten der Suchmaschinen unzählige große und kleine Anbieter um die Gunst der Interessierten. Es ist nicht mehr exotisch, sondern hipp, Originale virtuell zu erwerben.

Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen, Kunst online zu kaufen. Abstrakte Landschaft von Dagmar Reiche
Kunstwerke werten die eigenen vier Wände auf.

Kunst und Kultur, digital und demokratisch

Vor über 15 Jahren war ich noch in der Verlagsbranche tätig, zu dieser Zeit begannen dort bereits riesige Umwälzungen. Die technischen Entwicklungen und die Digitalisierung machten es möglich: Am Anfang bekamen wir Exposés nicht mehr handgeschrieben, sondern auf Datenträgern, dann demokratisierte sich der Buchmarkt. Immer mehr Menschen besaßen einen Computer, es gab bezahlbare Möglichkeiten, Bücher zu schreiben, seine Texte digital zu veröffentlichen, per Print on demand zu drucken, selbst zu vertreiben. Plötzlich gab es Autor*innen, die auch ohne renommierten Buchverlag Erfolg hatten.

Ähnliches passiert nun seit einiger Zeit auf dem Kunstmarkt:

  • Jeder, der will, kann heute mit minimaler Investition und Ausrüstung seine Bilder oder Skulpturen selbst professionell drucken, fotografieren, bearbeiten und vermarkten.
  • Jeder kann ohne allzu viel technisches Know-how die eigene Galerie auf seiner Webseite oder Instagram betreiben oder seine Kurse promoten – genauso wie er möchte.
  • Selbst introvertierte Menschen können sich leicht vernetzen, Kooperationen eingehen, Ausstellungen organisieren.

Waren vor wenigen Jahren Galerien die nahezu einzige Eintrittspforte zum Kunstmarkt, nehmen es heute Kunstschaffende oft selbst in die Hand, sich und ihre Kunst zu verkaufen (mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt). 

Online Originalkunst kaufen – 6 Punkte, die dafür sprechen

Abends um elf in legeren Klamotten mit einem Glas Wein auf dem Sofa sitzen und sich entspannt durch die Kunst der ganzen Welt klicken – die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Pluspunkt Nr. 1: Die wenigsten von uns können mal eben für eine Ausstellung nach Paris, eine Messe nach Miami oder eine Versteigerung bei Sotheby’s nach London jetten. Keine Galerie oder Ausstellung kann solch ein vielfältiges, internationales Angebot rund um die Uhr verfügbar machen wie das Internet. 
  • Pluspunkt Nr. 2: Der Zutritt ins Netz ist gemütlicher als der Besuch einer Galerie: Sie brauchen keine schicken Klamotten, müssen vorher keinen Knigge-Kurs absolvieren und können sich einfach das anschauen, was und wie lange Sie wollen. Sie können lautstark lästern und brauchen sich nicht von kritischen Blicken verfolgt fühlen (außer Ihr Partner schaut über Ihre Schulter). Sie können die Füße hochlegen und sooft zum Kühlschrank laufen wie Ihr Magen Ihnen befiehlt. 
  • Pluspunkt Nr. 3: Bei professioneller Präsentation auf einer Einzelseite wirkt jedes Kunstwerk für sich und muss sich nicht im Raum gegen andere behaupten. Zudem lenkt Sie nichts ab vom genauen Betrachten der Bilder (außer Ihr Hund, der raus will oder die spannenden Sachen, die Sie sonst noch alle im Netz finden).
  • Pluspunkt Nr. 4: Sie können sich Ihre Lieblingsbilder bookmarken und sie so oft anschauen, wie Sie wollen. Sie können ihren Favoriten ausdrucken und an die Wand halten, die Ihnen vorschwebt, um zu schauen, ob das Werk dort hinpasst. Und auch Ihre Freunde fragen, was sie davon halten.
  • Pluspunkt Nr. 5: Sie können Preise vergleichen und dürfen dabei auch stöhnen, lachen und mit der Wimper zucken.
  • Pluspunkt Nr. 6: Sie finden im Netz oft Fotos, andere Werke, Geschichten und Informationen rund um die Künstler*innen und können diese in Ruhe anschauen und lesen.

Kein Licht ohne Schatten: Was einen Kunstkauf im Internet schwierig macht

Also gibt es nichts, was dagegenspricht, Kunst online zu kaufen? Sagen wir mal so: Es gibt ein paar Nachteile, denen Sie aber mit der richtigen Strategie entgegenwirken können. Ich habe selbst auch schon Bilder im Netz erworben und freue mich jeden Tag an ihnen.

  • Minuspunkt Nr. 1: Kunst im digitalen Raum wirkt anders als im richtigen Leben. Kennen Sie changierende Stoffe, die mal Grün, mal Rot schimmern, je nachdem wie man sie hält? Gerade bei Kunstwerken mit sichtbaren Pinselstrichen oder unterschiedlichen Schichten und Strukturen ist es ähnlich: Die Anmutung des Bildes variiert, sobald man den eigenen Blickwinkel bzw. die Position dazu ändert. Bei einem fotografierten Werk sind dagegen der Lichteinfall und Ihr Standpunkt fix vorgegeben. Sie können online zwar ran zoomen, aber nur so weit weg gehen, wie das Foto vorgibt. Und drumherum zu gehen, ist nicht möglich. Selbst 3D-Animationen oder virtuelle Simulationen von Ausstellungsräumen leisten das momentan nur eingeschränkt, auch wenn sich das in Zukunft vermutlich ändern wird. 
  • Minuspunkt Nr. 2: Aus meiner Arbeit als Buchgestalterin von Ausstellungskatalogen weiß ich: Es wird viel Zeit (und Geld) darauf verwendet, die Kunstwerke professionell und originalgetreu zu fotografieren. Für den Buchdruck werden sie dann optimiert und dabei sogar auf den Farbton und die Art des Papiers eingestellt. Doch sobald man die Vorschaubilder des Katalogcovers im Internet auf verschiedenen Endgeräten anschaut, ist es vorbei mit der Originaltreue – jeder Bildschirm stellt Farben ein bisschen anders dar. Vermutlich kennen Sie diesen Effekt beim Online-Kauf von Kleidungsstücken: Das bestellte Kleid in wunderbarem Türkis präsentiert sich beim Auspacken in einem Grünton, der so gar nicht zu den Schuhen passt. Das kann Ihnen beim Kunstkauf ebenso passieren.
  • Minuspunkt Nr. 3: So einschüchternd das Galerieambiente auf die einen wirkt, so sehr lieben manche Menschen das Flair von Vernissagen und Ausstellungen vor Ort. Dazu gehört eben nicht nur, die Kunst anzuschauen, sondern auch miteinander anzustoßen, zu diskutieren und auch mal gemeinsam die Nase zu rümpfen. Eine Online-Videokonferenz ist dafür nur ein schaler Ersatz.
  • Minuspunkt Nr. 4: Menschen, die auf Reisen gern in Hinterhofateliers, auf Flohmärkten oder umfunktionierten Industriearealen gesichtet werden – vielleicht kennen auch Sie so einige davon. Solch eine Entdeckerlust lebt von vielen Sinneseindrücken, schwierig in der virtuellen Welt.
  • Minuspunkt Nr. 5: Der Pluspunkt Nummer 1 – ein weltweites Angebot rund um die Uhr – ist gleichzeitig auch ein Nachteil. Von der Bilderflut nicht erschlagen zu werden, erfordert eine ausgeprägte Fähigkeit, sich zu fokussieren. Zudem könnte sich hinter der Masse an Angeboten ja noch eines verbergen, dass noch schöner/toller/überzeugender ist, als die bereits gesehenen. Wenn Sie anfangen, so zu denken, werden Sie sich aber vielleicht nie auf eine Bilderliebe einlassen.
  • Minuspunkt Nr. 6: Die direkte Beratung fehlt. Manche Menschen lassen sich gern vom Experten erklären, was sie selbst nicht so genau wissen oder worüber sie mehr wissen wollen. Online ist so etwas vielleicht bei der Beschwerde-Hotline Ihres Internet-Anbieters möglich, aber auf Kunstseiten eher unüblich.

Originalkunst an der Wand. Auch Online gekaufte Kunst kann glücklich machen. Abstrakte Landschaft von Dagmar Reiche
Viele Galerien bieten an, eine Fotomontage von Ihrem Lieblingsbild in Ihrem Zuhause zu erstellen. Oder zeigen in ihrer Online-Galerie die Werke zumindest in einem Wohn- oder Arbeitsumfeld. So können Sie sich besser die Größenverhältnisse vorstellen.

Wie Sie trotzdem mit online gekaufter Kunst glücklich werden können

Wichtig: Beim Kunstkauf zählt Leidenschaft, der Bauch hat mehr zu sagen als der Kopf (es sei denn, Sie gehören zu den Menschen, die Kunst unter dem Aspekt der Wertanlage erwerben). Deshalb ist oft der erste Blick entscheidend – beim Besuch vor Ort genauso wie beim digitalen Rundgang. Wenn Sie ein Werk gefunden haben, das Sie sehr berührt, werden Sie aktiv:

  • Lesen Sie die auf der Seite gegebenen Werkinformationen genau durch. Überlegen Sie, ob die Größe an die Wand passt, die Ihnen vorschwebt. Bedenken Sie besondere Punkte – etwa den Lichteinfall (falls das Bild hinter Glas gerahmt ist) oder die Wärme des Ortes (etwa bei einem Bild mit Wachs).
  • Kein Muss, aber ein Kann: Lesen Sie, was Sie über die Künstlerin, den Künstler finden können, prüfen Sie, ob Sie mit dem Stil, ihrer/seiner Art und Vision etwas anfangen können. Eine meiner Kundinnen schrieb in einer Rezension Folgendes: „Natürlich sollte einem das Bild gefallen, das man kaufen möchte. Was viele nicht beachten: Mit jedem Bild holt man sich ein Stückweit die Energie der Künstlerin ins Haus.“ – das würde ich sofort unterschreiben.
  • Immer noch Interesse? Kontaktieren Sie den Anbieter. Bitten Sie um weitere Informationen zu noch offenen Punkten. Manche bieten einen Werkkatalog des Betreffenden an – so können Sie vielleicht auch ein anderes Bild finden, dessen Größe zum Beispiel besser passt.
  • Die meisten Galerien und viele Kunstschaffende bieten an, dass Sie ein Bild bei Nichtgefallen zurückgeben können. Manche fertigen für Sie vorab eine Fotomontage des Kunstwerks auf den gedachten Wänden – oder stellen solch ein Tool direkt auf der Webseite zur Verfügung.
  • Es gibt sogar Künstler*innen, die das gekaufte Werk zu ihren Kunden fahren und dort bei der Hängung helfen – kürzlich kam ein Künstler aus Wien zu meinen Freunden hier am Bodensee und brachte ihnen das großformatige Werk, das sie bei ihm erworben hatten. Das hat den Vorteil, dass Sie hinterher noch eine Geschichte mehr zum Bild zu erzählen haben. Und ich zum Beispiel mag es sehr zu wissen, wohin es meine Werke verschlagen hat (deshalb freue ich mich auch über Fotos meiner Kund*innen, die weiter weg wohnen).
  • Information zur Bezahlung und Lieferung finden Sie meist auf der Website oder können diese direkt anfragen. Bei internationalen Lieferungen müssen Sie bedenken, dass Überweisungen schwierig bzw. teuer sein und auch noch Zollgebühren anfallen können. Und etwaige Rücksendungen können kompliziert sein.
  • Wenn Sie in der Nähe wohnen oder dort Urlaub machen: Besuchen Sie Kunstschaffende vor Ort. Die meisten freuen sich über interessierte Gäste und öffnen gern ihr Atelier, erzählen über ihre Arbeitsweise und das, was sie umtreibt. Fragen Sie aber vorher auf jeden Fall an: Nicht jede/r lässt sich gern von Überraschungsbesuch aus dem kreativen Prozess reißen.

Fazit

Viele meiner Kund*innen erzählen mir, dass ihr neues Bild „in echt“ an ihrer Wand noch besser ausschaut als auf den Fotos oder in den Ausstellungsräumen. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Aber es freut mich nicht nur, sondern bestärkt mich darin, dass online Kunst zu kaufen genauso gut funktioniert wie vor Ort. Und das sogar mit einem Glas Wein in Kuschelsocken auf dem heimischen Sessel. Und egal ob digital oder analog: immer mit Leidenschaft.

Noch nicht überzeugt, dass Orignalkunst überhaupt etwas für Sie ist?
Hier können Sie lesen, warum Kunst gut ist für Körper und Seele.


Quellen

1 artmagazine vom 5.6.2020: Interview mit Robert Ketterer (abgerufen am 8.2.2021, https://www.artmagazine.cc/content112123.html )
2 Augsburger Allgemeine vom 16.7.2018: Kunstversteigerung im Internet: Auktionshäuser setzen auf Onlinehandel (abgerufnen am 8.2.2021, https://www.augsburger-allgemeine.de/kultur/Kunstversteigerung-im-Internet-Auktionshaeuser-setzen-auf-Onlinehandel-id51661776.html)

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