Zeitgenössische Kunst – was ist das?

von | 9. Mai 2022 | Kunstwissen

Abstraktes Gemälde, was als Metapher für zeitgenössische Kunst dient

Im Jahr 2022 habe ich meine Webseite einer Rundumerneuerung unterzogen. Dabei stellte ich mir auch die Frage, welche Begriffe Menschen wohl bei Google & Co. eingeben, wenn sie nach aktueller Kunst suchen. Zeitgenössische Kunst, Moderne Kunst, Abstrakte Kunst, Aktuelle Kunst, Gegenwartskunst, Contempory Art? Vorher war mir gar nicht bewusst, dass diese Bezeichnungen nicht so einfach voneinander abzugrenzen sind und vielfach unterschiedlich genutzt werden. Hier mein Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen.

Im Englischen gibt es zwei feststehende Begriffe: Modern Art und Contempory Art. Der erste bezeichnet die Kunstrichtung der Klassischen Moderne im frühen 20. Jahrhundert. Der zweite Begriff ist am besten mit „Zeitgenössische Kunst“ oder „Gegenwartskunst“ zu übersetzen, also Kunst, die aktuell entsteht, und bei der die Kunstschaffenden oft noch leben.

Modern Art wird ins Deutsche oft eins zu eins als Moderne Kunst übersetzt. Und das ist dann kein kunstgeschichtlicher Begriff mehr, der eine bestimmte Epoche beschreibt. Sondern darunter wird alles subsummiert, was irgendwie mit aktueller Kunst zu tun hat. Für manche bedeutet es auch abstrakte Kunst oder ist gleichbedeutend mit Kunst, die ich nicht verstehe. Wie so oft: Hört sich etwas schön griffig an, ist es eigentlich nichtssagend und jeder versteht etwas anderes darunter.

Zeitgenössische Kunst – gerade aktuell

Zeitgenössische Kunst ist gleichbedeutend mit Gegenwartskunst und aktueller Kunst; im Englischen wird sie als Contemporary Art bezeichnet. Diese Zuschreibung bezieht sich nur auf die zeitliche Verortung, mehr sagt sie nicht aus. So lässt sich auch von der „zeitgenössischen Kunst des 19. Jahrhunderts“ sprechen – die dann die Kunstrichtungen umfasst, die zu dieser Zeit existierten: Klassizismus, Romantik, Realismus und Impressionismus.

Bewegtes“: abstrakt oder figurativ? Auf jeden Fall zeitgenössisch

Ohne Zusatz meint der Begriff nichts anderes als Kunst, die aktuell und während der letzten Jahr(zehnt)e entsteht. Er ist also wenig spezifisch und sagt nichts aus über die Art der Kunst oder die verwendete Technik. Ob Malerei, Multimedia, Performative Kunst, Bildhauerei, Land Art (um nur ein paar Beispiele zu nennen), ob klassisch analog oder modern digital, ob einzeln erzeugt oder als Teil eines Kollektivs – solange diese Kunst in der Gegenwart entsteht, ist sie zeitgenössische Kunst. So fällt eine aktuelle gegenständliche Landschaft in Öl genauso darunter wie eine abstrakte Landschaft in Acryl, eine Fotografie mit einem kunstvoll arrangierten Stilleben ebenso wie eine digital erzeugte Augmented Reality.

Zeitgenössische Kunst – erweiterte Bedeutung

Zudem wird der Begriff häufig weiter gefasst und die Bedeutung der Kunst für die Gegenwart in den Fokus gestellt. Dies zeigt sich in großen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, wie der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig. Sie nehmen für sich in Anspruch, gesellschaftspolitisch und sozial wichtige Kunst zu zeigen, Werke, die bedeutsam sind für die Jetztzeit, unser Denken und Handeln.

Hier zeigt sich die Crux dieser Definition: Wer bestimmt, was relevant ist (und was nicht)? Wer definiert, welche Art von Kunst es wert ist, in den Kunstmarkt aufgenommen und ausgestellt zu werden? Funktioniert solch eine Zuschreibung überhaupt im globalen Kontext? Wie kann ich mir als Europäerin anmaßen, Kunst in Afrika oder Asien bewerten zu können? Das gilt sowohl für die enger gefasste ästhetische Beurteilung wie für das weite Feld des sozioökonomischen, kulturellen und politischen Kontextes.

Mein Reisealtar greift alte und neue Elemente auf, sowohl inhaltlich als auch technisch. Zudem ist er Referenz an die „Schachtel im Koffer (Boîte-en-valise)“, die Marcel Duchamps Ende der 30-er Jahre entwarf. Dieses Miniaturmuseum ist eine Ikone der Moderne und hat vor einigen Jahren bereits in meine Masterarbeit über Pop-up-Bücher Eingang gefunden.

Moderne Kunst versus Modern Art

Wie oben bereits beschrieben, sind diese beiden Bezeichnungen nicht synonym. Vermutlich ist das Vermengen von zwei Sprachen Ursache der Begriffsverwirrung. Man denke nur an das Handy. Das heißt im Englischen „Cell Phone“ oder „Mobile“. Sagt man dort dagegen „handy“, meint man einfach nur, dass etwas leicht zu handhaben ist oder gerade passend. Die Urheberschaft der deutschen Wortschöpfung ist ungeklärt, auch wenn sowohl Telekom wie auch Motorola diese für sich beanspruchen. Vielleicht hatte es mit der Überlegung zu tun, dass man ein Mobiltelefon in die Hand nehmen und mit sich umhertragen kann. Ist zwar „handy“, aber auch verwirrend.

Die Moderne Kunst im Deutschen ist wie ein großer Topf, in dem alles hineingeworfen wird, was seit der erstmaligen Strömung der abstrakten Kunst entstanden ist und bis heute entsteht. Oft wird Moderne Kunst mit zeitgenössischer Kunst gleichgesetzt. So sieht sich etwa die Pinakothek der Moderne in München als „Forum für Strömungen der Gegenwart“. Dies ist wohl dem Wort „modern“ geschuldet, das laut Wörterbuch „auf dem neuesten Stand, neuzeitlich, zeitgemäß, heutig“ bedeutet. Viele meinen im Alltag damit auch speziell abstrakte Kunst, vermutlich weil der Weg in die Abstraktion der Startpunkt in die Klassische Moderne war.

Um die Begriffsverwirrung noch zu steigern: Immer wieder wird unter Moderner Kunst all das gefasst, was seit rund 1870 entstanden ist, mit dem Aufkommen des Impressionismus. Ich denke, dies hat damit zu tun, dass mit dem Impressionismus eine Abkehr von der Akademischen Malerei einherging, durch die Verfügbarkeit von Farben in der Tube war es plötzlich möglich, auch draußen (plein air) zu malen. Wie so häufig in der Geschichte waren Entwicklungen in unterschiedlichsten Bereichen verantwortlich für große Umbrüche. Als Endpunkt der Moderne gilt dann die Pop-Art in den 1970er, dann beginnt die Postmoderne. Interessanterweise ist Moderne Kunst jedenfalls der Begriff, nach dem Interessierte online besonders häufig suchen.

Das englische Modern Art hingegen ist eine klar definierte Bezeichnung für eine Kunstepoche: die Klassische Moderne.

Viele Künstler der Klassischen Moderne erweckten alte Drucktechniken – wie den hier gezeigten Holzschnitt – zu neuem Leben. Sie arbeiteten damit oft sehr experimentell und entdeckten dadurch neue Anwendungsmöglichkeiten.

Klassische Moderne

Diese Kunstepoche reichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der 30er Jahre. Unter der Klassischen Moderne werden verschiedene Kunstrichtungen subsummiert, aber ebenso die Kunst, die in dieser Zeit entstanden ist und keiner dieser Strömungen zugeordnet werden kann. Die Vielfalt der Kunstarten in dieser Zeit ist beeindruckend; in verschiedenen Ländern Europas entwickelten sich unterschiedliche Schwerpunkte, die sich dann oft weltweit verbreiteten.

Gemeinsam sind ihnen avantgardistische Tendenzen; also Stile und Techniken, die in dieser Form neu waren. Die Entwicklungen führten weg von der gegenständlichen Kunst und Nachahmung hin zum Versuch, auch das Geistige, das Innere, Emotionen oder Träume darzustellen, die Wahrheit hinter den sichtbaren Dingen zu ergründen.

Das zeigt, dass der Impuls, moderne Kunst mit Abstraktion gleichzusetzen, zu kurz greift: Natürlich ist die Abstraktion ein Mittel, um sich von der Nachahmung zu lösen und beispielsweise – etwa mittels Farben oder Auflösung der Form – Gefühle auszudrücken. Doch gegenständliches Arbeiten kann durch ungewohnte Komposition, Verschmelzung und Neuordnung dazu ebenso gut geeignet sein, man denke an die surrealistischen Bilder von Salvador Dali und Rene Magritte oder die kubistischen Zerlegungen der Perspektive von Pablo Picasso und Georges Braque.

Zu den bekannten Richtungen der Klassischen Moderne zählen die abstrakte Kunst und der Konstruktivismus (etwa Hilma af Klint, Kasimir Malewitsch), aber auch der Fauvismus, Kubismus, Surrealismus, der Expressionismus und Futurismus. Die Zuordnung der Künstler zu diesen einzelnen Richtungen gelingt selten eindeutig – sie experimentierten viel mit verschiedensten Techniken und Stilen und beeinflussten sich immer wieder gegenseitig.

Diese Entwicklung in der Kunst verlief übrigens fast parallel zu ähnlichen Entwicklungen in der Literatur, der Fotografie, dem Film und zur Architektur. Nicht von ungefähr entstand in dieser Zeit das Bauhaus in Deutschland.

Spätmoderne und Postmoderne

Die bisher genannten Begriffe können um weitere ergänzt werden – die Spätmoderne und die Postmoderne. Allerdings sind die Definitionen und Zuschreibungen auch in der Fachwelt nicht eindeutig. Ich gebe hier eine stark vereinfachte Zusammenfassung:

  • Spätmoderne: Oft wird diese als Zeitraum zwischen der Moderne und der Postmoderne definiert. Sie wurde dominiert vom abstrakten Expressionismus der amerikanischen Szene mit ihrer Leuchtfigur Jackson Pollock. Er räumte dem kreativen Prozess den gleichen Stellenwert ein wie dem Kunstwerk – in dieser Form wohl ein Novum in der Kunstgeschichte, das den Weg für alle weiteren Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst öffnete. Weitere Strömungen waren u.a. Neo-Dada, das Zusammenfügen von Elementen und Gegenständen (Collage und Assemblage), der Minimalismus, die Pop-Art, Prozess- und performative Kunst.
  • Postmoderne: Diese Strömung ab den 1970er Jahren stellte viele der bisherigen Gewissheiten infrage. Fortschritt und Wissenschaft waren nicht mehr das Non-Plus-Ultra, traditionelle Werte standen auf dem Prüfstand. Und die Kunst? Sie sollte vom Sockel gestoßen werden, nicht mehr elitär, sondern für jeden zugänglich sein. Die individuelle Kreativität und spannende Konzepte waren wichtiger als das meisterliche Beherrschen der Techniken oder ästhetische Kriterien. Kunst durfte Spaß machen, experimentell sein, andere Menschen und neue Technologien mit einbeziehen. Das spiegelte sich auch im Lehrprogramm vieler Kunsthochschulen oder Kunstprofessoren – man denke an Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Letztlich war aber auch dieses Denken nicht ganz neu; hatte doch schon der Dadaismus ab 1916 die damaligen politischen, moralischen und ästhetischen Werte abgelehnt und mit Kunst gegen die vorherrschenden Konventionen protestiert.
In meinen Vogelträumen“: Emotionen, Gedanken, das Unterbewusste – alles Leitplanken der Klassischen Moderne. Collagetechniken sind dagegen eher Zeichen der Postmoderne.

Kunst heute

Nun sind wir wieder bei der Gegenwartskunst. Diese ist geprägt durch Pluralismus. Alles ist erlaubt, jeder Stil, jede Technik, jede Form von Ästhetik. Der Prozess darf genauso wichtig sein wie ein Ergebnis, das Konzept genauso bestimmend wie die Ästhetik.

Es gibt nicht DIE Kunstrichtung der Gegenwart. Welche Sau durchs Dorf getrieben wird, ist selten vorhersehbar und häufig noch weniger nachvollziehbar. „Alles darf sein“ ist nicht immer einfach für den Rezipienten, da die Leitplanken fehlen und vieles beliebig wirkt. Der Kunstmarkt ist einerseits nach wie vor elitär und von außen schwer durchschaubar, auf der anderen Seite demokratisch, etwa durch all die modernen Möglichkeiten der Selbstvermarkung. Kunst zu verstehen, ist schwieriger denn je. Oft ist es einfacher, sie zu „erfühlen“.

Ein ganz neuer Bergiff ist die „Ultra Contemporary Art“ oder auch ultra-zeitgenössische Kunst. Sie bezeichnet die Werke junger Kunstschaffender, also Künstler:innen, die jünger als 40–45 Jahre alt sind. Auch wenn diese sehr unterschiedlich arbeiten, verbinden sie oft Figürliches mit Abstraktem, vielleicht auch als Spiegel unserer heutigen Welt, bei der reales Leben und digitale Fiktion zunehmend verschmelzen und Gewissheiten immer mehr in Frage gestellt werden. Aus meiner Sicht lässt sich hier auch die Strömung „Disrupted Realism“ verorten.

Auch Künstlerbücher – wie hier als Leporello – gehören zum möglichen Repertoire zeitgenössischer Kunst.

Fazit

Was mir nun klar ist: Ein „Museum of Modern Art“ ist nicht das Gleiche wie ein „Museum of Contemporary Art“, auch wenn im ersteren durchaus auch mal zeitgenössische Kunst gezeigt wird. Und unabhängig davon, ob die Begriffe „Moderne Kunst“ und „Zeitgenössische Kunst“ kunsthistorisch korrekt oder umgangssprachlich benutzt werden, sagen sie nichts über die Art der Kunst oder ihre Qualität aus. Also lehne ich mich entspannt zurück, sage weiter Handy statt Mobiltelefon und suche im Netz nach moderner Kunst.


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6 Kommentare

  1. Liebe Dagmar,
    leider können wir zu deiner Ausstellungseröffnung mal wieder nicht da sein. Wir sind auf einem Familienfest im Chiemgau, was sicher auch recht schön ist. Ich bin aber sehr gespannt auf die Ausstellung und kann sie mir, allerdings nur in einem kurzen Zeitraum, später ansehen und freue mich darauf.
    liebe Grüße und viel Vergnügen auf dem Konzert am WE
    Eva

    Antworten
    • Liebe Eva, wie schade. Eröffnungen sind ja doch immer etwas Besonderes, weil da die Kommunikation im Vordergrund steht. Aber Familienfeiern gehen natürlich vor. Ich werde an eingen Tagen Aufsicht machen, vielleicht sehen wir uns da. Die Termine schicke ich noch rum. Dir erstmal einen schönen Geburtstag!

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  2. Danke Dagmar fdiesen Ausfkug in die Kunstgeschichte und dein erfrischend ehrliches Fazit. Es hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht, deinen Artikel zu lesen. Liebe Grüße Kathrin

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    • Liebe Kathrin, und mir hat es wie immer viel Spaß gemacht, deinen Kommentar zu lesen :-) Danke!

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  3. Liebe Dagmar,
    vielen Dank für deinen profunden Überblick und die Definition der einzelnen Begriffe/Richtungen. Es wurde mir erst durch deinen Artikel bewusst, wie unsauber die Begriffe auch in meinem Kopf waren.
    Danke fürs Aufräumen 😉
    Liebe Grüße Carmen

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    • Liebe Carmen, es ist spannend, wie oft man Begriffe verwendet, ohne darüber nachzudenken, was genau sie eigentlich meinen. ich wette, jeder von uns würden ganz viele andere Themen einfallen, wo das genauso ist. Deshalb schreibe ich auch so gern Blogartikel – sie bringen mich dazu, über Dinge genauer nachzudenken. Danke jedenfalls für deine Rückmeldung! Liebe Grüße, Dagmar

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