Was sich aus Künstlerbüchern fürs Leben lernen lässt

von | 2. August 2022 | Ateliergeflüster

Früher hatte ich oft Angst, dass ich plötzlich keine neuen Ideen mehr habe. Nun habe ich beim Räumen mehrere Kartons voller kreativer Erinnerungsstücke gefunden, die das Gegenteil zeigen: Kreativität hat kein begrenztes Kontingent, sondern befruchtet sich selbst. Je kreativer ich bin, desto mehr fällt mir ein.

Auf der Suche nach Künstlerbüchern für eine Ausstellung habe ich vor ein paar Tagen mein Büro auf den Kopf gestellt. Ich habe nicht alles gefunden, wonach ich gesucht habe, dafür aber einiges, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass ich es besitze:

  • Entwürfe für Faltverpackungen
  • Weißmuster für verschiedene Pop-up-Bücher
  • Schwimmende Faltobjekte für einen Kunden – bezahlt, aber nicht wie geplant auf der Messe eingesetzt
  • Ein Foto-Tagebuch von einem Kurs in meinem Masterstudium Intermedia: eine Lindau-Reise inklusive zweier Gouachen mit roten Bänken (ich hatte ganz vergessen, dass ich schon mal mit Gouachefarben gemalt habe…)
  • Mehrere Minibücher als Präsentationsobjekte für eine Besprechung mit den Betreuern meiner Masterarbeit
  • Erste Entwürfe für meinen Wael-Shawky-Katalog für das Kunsthaus Bregenz
  • Hunderte von Papierfaltungen
  • Den Entwurf mit zahlreichen Covervarianten für ein Fotobuch (das gedruckte Musterexemplar war das einzige, was ich umgesetzt habe)
  • Ein Prototyp für ein ganz besonderes Rezeptbuch – Auftraggeber war ein Hersteller von Feinstpapier. Mein erstes vielversprechendes Projekt nach dem Studium, für das ich sogar meine Weihnachtsferien geopfert und deshalb Silvester allein zu Hause verbracht hatte. Leider wurde aus der ersten Begeisterung von Kundenseite niemals ein Projektauftrag. Mein erstes schmerzhaftes Erlebnis als Grafikerin
  • Noch mehr Prototypen für alles Mögliche

Ein paar Entwürfe für Pop-up-Bücher fand ich spannend genug, um sie wieder in Sichtweite liegen zu lassen – vielleicht ergibt sich doch noch ein Projekt daraus? Ein anderer Prototyp hat mir als Vorlage und Ideengeber für mein neues Mini-Artist-Pop-up-Buch für die Ausstellung in Wuppertal gedient.

Künstlerbücher: Abwechslungsreich wie das Leben

Ich habe in den vergangenen Jahren als Buchgestalterin Bücher für Kunden entwickelt, aber auch Bücher für mich – entweder begleitend zu einer künstlerischen Arbeit oder als eigenständiges Werk. Wenn ich zurückdenke, gab es bereits in den Jahren davor etliche Unikate, die in die Kategorie Artist’s Books fallen: Geschenke zu Hochzeiten und runden Geburtstagen, die ich (damals noch mit Klebestift und Schere, in analoger Collagetechnik) hergestellt habe. Davon gibt es keine Fotos; ich weiß nicht, ob diese Werke überhaupt noch existieren.

Bei der Projektbesprechung im Kunsthaus Bregenz mit Wael Shawky habe ich einfach das Papier reden lassen. Ich kam am ersten Tag bepackt mit vielen verschiedenen Mini-Künstlerbüchern, so waren Entscheidungen für die Richtung schnell getroffen. Für den zweiten Tag hatte ich dann noch am Vorabend aus zwei seiner Zeichnungen Prototypen kreiert. Bingo! (Screenshot von der Facebook-Seite des Kurators Rudolf Sagmeister).

So richtig bewusst habe ich mit dem Kreieren von Künstlerbüchern während des Intermedia-Studiums begonnen, seitdem hat mich diese Liebe nicht mehr losgelassen. In meiner mehrfach ausgezeichneten Masterarbeit ging es um Pop-up- und andere Bewegtbücher; die praktische Arbeit waren entsprechende Papiermusterbücher. Mein erstes Mailing als Grafikdesignerin hieß „Design bewegt“ und war eine Zusammenstellung verschiedener Bewegtbüchlein, die meine Schwerpunkte in der Ausrichtung symbolisieren. Es wurde nominiert beim Paperazzo-Award 2013 und stand einige Jahre im Wiener Showroom des Papierherstellers Fedrigoni. Überhaupt war ich mit meinen diversen Artist’s Books als Grafikerin ziemlich erfolgreich und durfte stolz die eine oder andere Design-Auszeichnung an die Wand hängen. Vielleicht liegt es am Herzblut, das darin steckt.

Mein Direct Mailing Design Bewegt im Fedrigoni-Showroom in Wien (Fotos: N. Urban)

Mittlerweile pendle ich oft zwischen den beiden Welten der Kunst und des Grafikdesigns. Als freischaffende Künstlerin gleichzeitig Grafikdesignerin/Buchgestalterin zu sein, ist ein Geschenk, mit dem sich die Dinge aufs Vortrefflichste verbinden lassen. Von der tollen Buchgestalterin Irma Boom habe ich mir abgeschaut, für jedes meiner Projekte kleine Protoypen zu bauen. Letztlich sind diese auch schon eine Form eines Künstlerbuches.

Was sind Künstlerbücher?

Mitte September werde ich in Friedrichshafen einen Vortrag über Buchgestaltung halten. Es wird weniger um das Wie gehen, sondern eher um das Warum, mit schönen Beispielen toll gestalteter Bücher. Kurz werde ich dabei das Thema Artist’s Books anreißen, auch wenn es eigentlich so groß ist, dass es einen eigenen Abend verdient hätte. Ich trage schon fleißig Material und Ideen zusammen, wie ich diese Stunde für meine Gäste kurzweilig gestalte. Im Folgenden der Versuch, den Begriff des Künstlerbuchs zu erklären; so habe ich zumindest schon mal ein bisschen Vorarbeit für September geleistet.

Künstlerbücher, im Englischen Artist’s Books, sind im Gegensatz zu „normalen“ Büchern nicht Mittel zum Zweck, um Inhalte passend zu vermitteln, sondern sind Selbstzweck. Sie sind also – anders als beispielsweise Kunstkataloge – keine Bücher über Kunst, sondern Kunstwerke in Form eines Buches. Allerdings sind die Übergange fließend und was ein Buch ist, wird dabei oft sehr weit gefasst. Häufig sind Künstlerbücher Unikate, oder sie werden in nur sehr kleiner Auflage produziert.

Richtig Fahrt aufgenommen hat ihre Produktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts als experimentelle Ausdrucksform etwa im Konstruktivismus, im Dada oder später in der Pop-Art. Doch auch vorher wurde schon Künstlerbücher geschaffen – beispielsweise von Albrecht Dürer oder dem englischen Dichter William Bake.

Dieses Doppelbuch habe ich als kleines Projekt während meiner typografischen Weiterbildung gemacht. Der obere Teil war eine Auswahl aus einem bereits produzierten Foto-Buch von mir, im unteren habe ich diese Seiten in Farbfelder abstrahiert. Die beiden Bücher sind mit dem durchgehenden Cover verbunden, lassen sich aber einzeln blättern.

Künstlerbücher sammeln

Da Artist’s Books eine Kunstform sind, gibt es dafür auch Sammlungen: in Museen, Bibliotheken oder bei privaten Enthusiasten. Im deutschsprachigen Raum fristen sie allerdings eher ein Schattendasein, in den USA gibt es dafür eine lebendigere Community. Die Schwierigkeit ist, dass sie nirgendwo so richtig hingehören: Bibliotheken sammeln eher keine Kunstwerke, Museen eher keine Bücher. Ausstellungen mit Künstlerbüchern sind oft nicht einfach zu kurieren – das Anfassen und Blättern wertvoller und oft kleinformatiger Unikate kann sich schwierig gestalten.

Ein paar Sammlungsorte gibt es in Deutschland, oft Einrichtungen, die mit Druckgrafik oder dem Buchdruck zu tun haben. Beispielhaft genannt seien die Frankfurter Universitätsbibliothek der Goethe Universität, das Museum Weserburg in Bremen, das Museum für Kunst, Gewerbe in Hamburg, die Bayerische Staatsbibliothek in München und die Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität in Weimar. Empfehlenswert für Interessierte sind auch einschlägige Messen wie die Minipressenmesse in Mainz und die BuchDruckKunst in Hamburg.

In meiner Kiste habe ich diese Sammlung von Dummies gefunden, die ich für meine Masterarbeit angefertigt hatte. In meinen Regalen finden sich etliche Künstlerbücher von anderen Kunstschaffenden.

Manchmal kommt es anders als geplant

Beim Rumkruschteln in meinen Kartons fiel mir wieder etwas ein, was ich erfolgreich verdrängt hatte. Vor ein paar Jahren hatte ich bei einem renommierten deutschen Verlag ein Projekt für ein Pop-up-Buch an Land gezogen. Ein Traumprojekt bei einem Traumkunden! Voller Begeisterung entwickelte ich ein Konzept und baute die ersten Seitendummies. Leider waren der Aufwand und damit die Kosten für diese Pop-ups so groß, dass der Verlag sie in dieser Form nicht wirtschaftlich umsetzen konnte.

Eine Seite aus dem Dummie, den ich damals für das Pop-up-Buch angefertigt hatte. Das war eine der weniger Aufwändigeren…

So entwickelten wir bei einem gemeinsamen Gespräch die Idee für eine kostengünstigere Alternative. Und dann? Nichts. Ich war wie gelähmt. Der Kopf blank. Ich schob das Projekt vor mir her, solange, bis der Kunde sich nach einer Alternative umschaute. Eine Ursache waren sicher etliche Trauerfälle in unserer Familie, die zu dieser Zeit viel meiner Energie und Freude geschluckt haben.

Doch das war es nicht allein. So etwas kenne ich nicht von mir: Wenn ich mich auf etwas festlege, dann gehe ich es an, auch wenn es außerhalb meiner Komfortzone liegt. Manchmal fällt es mir schwer, am Anfang den Kopf auszuschalten und ins Tun zu kommen. Aber dass es gar nicht klappt, das war mir vorher noch nie passiert (und auch seitdem nicht wieder). Ich habe lange darauf rumgekaut, mich mies und unfähig gefühlt.

Dies ist ein Weißmuster des Kunstkatalogs für Wael Shawky. Dabei werden die unbedruckten Seiten zusammengebaut, um zu sehen, ob die Mechanik wirklich funktioniert. Auch bei diesem Projekt war der Anfang eine Herausforderung. Doch das Buch wurde tatsächlich fertig produziert und publiziert. Zwei Jahre später habe ich es dann in der Buchhandlung im Haus der Kunst in München entdeckt. Danach war ich mindestens 5 Zentimeter größer.

Wenn die richtige Zeit später ist

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Mittlerweile sehe ich es entspannter und denke, dass die Zeit für dieses Projekt noch nicht gekommen war. Vielleicht hätte ich das Pop-up-Buch umgesetzt, aber es wäre nichts so gut und überzeugend geworden, wie ich es mir gewünscht hätte. Möglicherweise hätte der Kunde es nicht akzeptiert und dann wäre ich erst richtig frustriert gewesen. Vielleicht brauchte ich auch die Zeit für anderes. Oder die Karriere als Paper-Engineer und Illustratorin war einfach nicht das, was auf mich wartete. Letztlich ist es egal – es war wie es war, ich kann nicht sehen, wie der alternative Zeitstrahl verlaufen wäre.

Aber – und deshalb erzähle ich hier diese Geschichte – beim Kreieren meines kleinen neuen Künstlerbuches mit Pop-ups und Collagen aus experimentellen Druckarbeiten ist mir plötzlich eine Idee gekommen, wie ich mein damaliges Konzept umsetzen könnte. Ich bin mittlerweile in meinem kreativen Tun viel freier und probierfreudiger als noch vor einigen Jahren, sicher auch versierter bei meinen Techniken. Diese Form des Buches hätte ich damals jedenfalls noch nicht entwickeln können. Meine neue Idee fühlt sich jetzt gut und richtig an und nicht so anstrengend wie vor ein paar Jahren. Mal schauen, ob ich daraus ein neues Künstlerbuch mache.

Ist das nicht ein tolles Gefühl? Dass sich Dinge plötzlich von allein fügen, die vorher knarzten und knirschten? Und es zeigt mir erneut, wie eng Leben und Kreativität zusammenhängen, wie viel ich aus meinem Kunstschaffen für das Leben lernen kann (und umgekehrt). Loslassen, nicht hadern. Es gibt für alles eine Zeit, manchmal braucht man nur Geduld.

PS: Eine Auswahl meiner Künstlerbücher habe ich bereits auf die Reise nach Wuppertal geschickt. Dort werden sie in der Wuba-Galerie zusammen mit Exponaten von 7 weiteren Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Deutschland ausgestellt. Die Werke zeigen, wie weit der Begriff des Buches beim freien Schaffen in der Kunst gefasst werden kann.

kunstreiche | Einladung Künstlerbücher Wuba Galerie 2022 Vorderseite

Links

Sie mögen kreativen Austausch?

Schicken Sie mir doch eine Nachricht. Oder teilen Sie Ihre Gedanken zum Artikel im Kommentarfeld weiter unten.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.