Hoch, quadratisch, quer – welches Bild passt an die Wand?

von | 8. August 2022 | Kunstwissen

kunstreiche kunstwissen Formate

Als Künstlerin werde ich immer wieder gefragt, welche Bildformate sich zum Aufhängen eignen. Zwar bin ich keine Innenarchitektin, doch als Malerin weiß ich um ihre unterschiedliche Wirkung. So wie ich mich beim Beginn eines neuen Bildes für ein bestimmtes Format und eine Größe entscheide, so spielen entsprechende Kriterien auch für das Aufhängen in Räumen eine Rolle.

Die einen kaufen Kunst, weil sie sich spontan verlieben – und suchen erst anschließend nach einem geeigneten Platz dafür. Andere betrachten Bilder eher wie Einrichtungsgegenstände, die zum vorhandenen Stil passen, eine spezielle Wand optimal ausfüllen und einen bestimmten Eindruck erwecken sollen.

Jeder, der schon einmal verliebt war, weiß, dass es dafür keine Anleitung gibt. Man verliebt sich, ohne Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden. Das Gefühl trifft die Entscheidungen, alles andere wird sich dann schon finden (oder auch nicht). Die andere Gruppe von Kunstkäufern bezieht auch rationale Überlegungen mit ein – auch wenn die Kaufentscheidung letztlich trotzdem vom Herzen und dem persönlichen Schönheitsempfinden getroffen wird. Hier ein paar Hilfestellungen, wie Sie sich für ein Bild entscheiden können, das Ihren Alltag lange begleitet.

Warum die Ausrichtung eines Bildes wichtig ist

Unser Gehirn versucht ständig, Querverbindungen zu schaffen. Dabei möchte es wenig Energie verschwenden und sucht nach der schnellsten Lösung. Dafür verknüpft es einen neuen Seheindruck mit Dingen, die es schon kennt. Auch das Verhältnis von Höhe zu Breite bei einem Bild wird entsprechend bewertet und in bestimmte Schubladen sortiert. Jedes Format hat eine typische Wirkung, die durch andere Elemente wie Größe, Farbe, Komposition verstärkt, aber auch abgeschwächt werden kann. Verschiedene Formate erzeugen unterschiedliche Stimmungen, unabhängig vom Bild selbst. Dies zu wissen, hilft mir immens beim Malen meiner Bilder.

Querformat

Ein Bild, das breiter als hoch ist, entspricht dem Sichtfeld unserer Augen und unseren Sehgewohnheiten. Es lässt den Betrachter schnell an Landschaften denken – selbst wenn es abstrakt gemalt ist. Besonders horizontale Linien verstärken diese Assoziation.

Ein kleiner Test zeigt dies: Legen Sie ein Blatt Papier quer vor sich hin und zeichnen Sie bei einem Drittel eine gerade Linie vom linken zum rechten Rand. Das reicht bereits, um an eine Landschaft zu denken. Wenn Sie dann noch einen Kreis im oberen rechten oder linken Drittel ergänzen, können Sie kaum noch etwas anderes sehen als eine Sonne über dem Horizont.

Querformate geben den Augen Platz, hin und herzuwandern, und vermitteln dadurch ein Gefühl der Weite. Gleichzeitig entsteht der Eindruck von Ruhe und Geborgenheit, der allerdings bei extremen Querformaten wieder abnehmen kann.

kunstreiche kunstwissen_Formate Querformat Still-2
Bilder im Querformat vermitteln Weite und ein Landschaftsgefühl (Still 2).

Hochformat

Bei diesem Format strebt der Blick nach oben. Besonders vertikale Linien kommen zu Geltung – und lassen beispielsweise an Bäume, Leuchttürme oder Hochhäuser denken. Ein Hochformat ist auch geeignet, um eine Straße zu zeigen, die ins Unendliche führt, und wird meist für Portraits verwendet. Hochformate wirken dynamisch, allerdings auch eher wacklig und instabil. Eigentlich klar, bedenkt man die physikalischen Gesetze der Schwerkraft: Etwas, das dünn und lang ist, kippt eher um, als etwas, das breit und geerdet ist.

kunstreiche kunstwissen Formate_Bild-2_Hochformat Farbenrausch-1
Hochformate als Drama-Queen – vor allem, wenn sie groß sind (Farbenrausch 1)

Quadratisches Format

Sind Breite und Höhe gleich lang, erzeugt das ein Gefühl von Harmonie. Das Quadrat ist neutral und beruhigend. Allerdings kann das auch dazu führen, dass ihm die Spannung fehlt. Als Malerin kann ich dem entgegenwirken, etwa durch eine dynamische Komposition und diagonale Linien. Früher kamen Quadrate überwiegend in der Fotografie mit Mittelformatkameras oder Polaroids und bei den Bildern der abstrakten Kunst zum Einsatz, heute sind sie allgegenwärtig durch die Bildwelten des Social Web.

Interessant gerade bei der abstrakten Kunst: Zwar lassen sich quadratische Bilder drehen und in allen Varianten aufhängen. Aber oft sind die Bildwirkungen sehr unterschiedlich. Das liegt beispielsweise daran, dass dunkle Flächen nach unten drücken und verkleinern, helle dagegen vergrößern. Besonders wenn ich quadratische Bilder male, mache ich mir das oft zunutze, um die Komposition zu prüfen: Ich drehe das Bild immer wieder und schaue, ob plötzlich etwas Störendes ins Auge springt, was ich vorher nicht gesehen habe.

Quadratisches wirkt harmonisch. Spannung bringt hier die Reihung. (Weltenwundern 1-3)

Andere Kriterien für die Raumwirkung

Die oben genannten Zuschreibungen gelten für das Format als solches. Die Gesamtwirkung im Raum beruht allerdings auf mehr Faktoren als nur dem Format von Rahmen oder Bild.

Das Bild selbst

Das ist vermutlich die erste Frage, die man sich als Käufer stellt: Mag ich dieses Bild? Mögliche Wirkungen können so vielfältig sein wie die Geschmäcker der Kunstinteressierten verschieden. Ist es groß oder klein, wirkt es aktiv oder still? Besteht es eher aus warmem Gelb und Rot oder eher aus kühlen Violett- und Blautönen? Sind die Farben klar und laut oder eher zurückhaltend gedeckt? Ist der Stil abstrakt oder gegenständlich, ist das Bildmotiv harmonisch oder irritiert es eher? Ist die Komposition klar oder komplex? Jeder Mensch hat andere Vorlieben. Meine Erfahrung: Das, was man mag, passt meist erstaunlich gut in die vorhandene Wohnungseinrichtung.

Bilderrahmen

Ein Rahmen gibt dem Bild Halt und beeinflusst seine Wirkung. So kann ein rechteckiges Bild in einem quadratischen Rahmen präsentiert werden, wodurch eine neue Spannung entsteht. Oder ein stilles Bild erhält einen breiten ornamentalen Rahmen, was seine Aussage verändert. Umgekehrt vermag ein dezenter Rahmen ein expressives Bild in seine Schranken zu weisen. Und ein Bild ganz ohne Rahmen aufzuhängen, lässt dieses eher als Teil des Raumes wirken, da ihm die Abgrenzung fehlt. Das kann modern und spannend wirken, aber auch optische Unruhe erzeugen.

Je nach Wohnstil und Vorlieben können Bilder einfach an die Wand gelehnt werden. (So fühle ich mich heute)

Die Hängung

Ob einzeln oder als Gruppe, im gleichen Format oder gemischt – wie gehängt wird, hat einen großen Einfluss auf die Wirkung im Raum. So kann die Anzahl der Bilder die Anmutung verändern.

  • Ein großes Bild, das die ganze Wand einnimmt, setzt ein Statement, das andere Einrichtungsgegenstände in den Hintergrund treten lässt oder mit ihnen in eine spannungsreiche Interaktion tritt. Das kann wie auf einem Fest sein: Bei dem einen gruppieren sich alle um die Hauptperson, bei dem anderen buhlen zwei (oder mehr) laute Gäste gleichzeitig um die Aufmerksamkeit der übrigen Besucher.
  • Kleinere Bilder können als Gruppe gehängt werden, gern auch im Format-Mix. Steht man weiter entfernt, wird das Format eines gedachten Rahmens um diese Gruppe als eher relevant empfunden als das Format der einzelnen Bilder.
  • Bei einer „Petersburger Hängung“ werden viele Bilder unterschiedlicher Formate und Größen kombiniert. Es ist durchaus herausfordernd, damit eine harmonische Wirkung zu erreichen, aber wenn es gelingt, kann sie das Auge spannend führen und einen Raum sehr aufwerten.
  • Wo das Bild hängt, verändert ebenfalls die Wahrnehmung: Es macht einen Unterschied, ob ich nach oben oder unten schauen muss, ob das Bild in einer Ecke platziert ist oder in der Mitte einer Wand hängt. Und ob die Wand weiß oder farbig ist, kann wiederum die Farbwirkung des Kunstwerkes verändern.
Verschiedene Formate und Rahmen lassen sich ohne Probleme mischen. Schön wirken passende Farbkombinationen oder übereinstimmende Bewegungsrichtungen der Formen. (Gewaltig 3)

Ob bei Originalkunst, gerahmten Drucken oder Fotografien –  jedes Format hat seine eigene Ausstrahlung, die in Szene gesetzt werden kann. Wie ein Bild wirkt, hängt aber auch von zahlreichen anderen Faktoren ab. Ob ein Kunstwerk in den Raum passt, entscheidet sich manchmal erst, nachdem es an verschiedenen Stellen probegehängt wurde. Trotz objektiver Kriterien ist es letztlich immer eine persönliche Entscheidung, welches Bild in welchem Format die Wand im Alltag verschönern darf. Das Gute ist: Bilder können immer wieder ab- und umgehängt werden. Und Originalkunst ist etwas ganz Besonderes, was man auch gut verschenken kann.


Links

Sie mögen kreativen Austausch?

Schicken Sie mir doch eine Nachricht. Oder teilen Sie Ihre Gedanken zum Artikel im Kommentarfeld weiter unten.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.